Zum Leidwesen der Heim-WM: Alles wird der  Tour de France untergeordnet

Der neue Terminkalender für die Radsaison ist dicht gedrängt. Die Kritik wächst – auch in Bezug auf die Weltmeisterschaft in der Schweiz.

Raphael Gutzwiller
Drucken
Teilen
Die Tour de France soll diesmal im Herbst stattfinden.

Die Tour de France soll diesmal im Herbst stattfinden. 

Guillaume Horcajuelo / EPA

In Zeiten von Corona suchen alle Sportarten ihren Weg aus der Krise. Doch die Lösung im Radsport ist besonders speziell. Fast alle Klassiker sollen stattfinden – doch statt über das ganze Jahr verteilt, gedrängt in den Herbst. Dies hat zur Folge, dass sich die grossen Radrennen teilweise sogar überlappen. Sinnbildlich dafür steht der 25. Oktober. Dann sollen gleichzeitig das finale Zeitfahren des Giro d’Italia, die erste Bergetappe der Vuelta in Spanien und das berüchtigte Eintagesrennen Paris-Roubaix stattfinden.

Verantwortlich für den gedrängten Kalender ist der Weltradverband UCI. Die mächtigen Veranstalter der Tour de France beharrten auf eine Durchführung der Tour in voller Länge, sie soll nun vom 29. August bis am 20. September stattfinden. Darum herum wurde der Terminkalender geplant. Davon betroffen ist auch die Weltmeisterschaft in Aigle und Martigny, die eigentlich am 20. September mit dem Zeitfahren hätte gestartet werden sollen. Das Zeitfahren soll nun ein paar Tage nach hinten verschoben werden. Dennoch ist die Ausgangslage für die Weltmeisterschaft direkt nach der Tour de France unglücklich. Die besten Athleten werden nicht in Vollbesitz ihrer Kräfte sein oder gar auf einen Teil der WM verzichten.

Kein Wunder, hält sich die Kritik bei all diesen Gedankenspielen nicht in Grenzen. Insbesondere Swiss Cycling äussert sich sehr kritisch. Sportdirektor Thomas Peter sagt: «Partikularinteressen werden höher gewichtet als das Gesamte.» Der Fokus liege bei der Gestaltung des Kalenders nur auf den World-Tour-Profis, die zweite Reihe komme zu kurz. «Die jungen Athleten brauchen dringend Rennpraxis, um den Anschluss zu den Profis zu schaffen», ist Peter überzeugt.

«Die UCI schaut nur darauf, wo viel Geld fliesst.»

Viel Geld fliesst insbesondere bei der Tour de France. Die World-Tour-Teams generieren rund 70 Prozent ihrer Einnahmen dank der französischen Rundfahrt.

Kritisiert den Weltverband: Thomas Peter.

Kritisiert den Weltverband: Thomas Peter. 

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Auch die Schweizer Topfahrer machen sich Gedanken. Stefan Küng, der Bronzemedaillengewinner der letztjährigen WM in Yorkshire, sagt: «Wir wussten, dass wir Kompromisse machen müssen, wenn wir die Saison wieder aufnehmen möchten. Und Mathias Frank meint: «Dass nicht schon alles abgesagt wurde, gibt immerhin eine gewisse Hoffnung.»

Doch auch die Athleten sind skeptisch, ob der Rennkalender Sinn macht. «Klar, wir Radprofis sind fit. Aber wir sind keine Maschinen. Rennleistungen sind nur über eine gewisse Zeit möglich», sagt Frank. Und Küng sagt:

«Dass die Veranstalter ihre Rennen möchten, verstehe ich. Aber im Bezug auf die Athleten darf man sich schon fragen: Kann man die Rennen nicht immerhin ein bisschen abkürzen?»
Ist kritisch zum geplanten Terminkalender: Stefan Küng.

Ist kritisch zum geplanten Terminkalender: Stefan Küng. 

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Tatsächlich haben die Profiteams eine gewisse Anzahl Fahrer im Kader, die sie jeweils auf die wichtigen Rennen aufteilen. Wenn es zu Überlappungen kommt, werden die Teams nicht auf Einsätze verzichten, schliesslich haben sie auch Sponsorenwünsche zu erfüllen. Dies hat zur Folge, dass viel Athleten mehr Rennen in kürzerer Zeit absolvieren müssen als normalerweise. «Ein Teamleader kann noch eher entscheiden, wo er fahren möchte. Aber gerade für die Helfer ist die Frage schwieriger», sagt Küng.

«Stellt euch vor: Ein Teamkollege von mir kann die Tour de France gewinnen, ich möchte die Tour aber vorzeitig abbrechen, da ich mir an der WM im Zeitfahren Chance ausrechne. Dann stellen sich die schwierigen Fragen.»

Bezüglich des Terminkalenders wird Peter schliesslich deutlich: «Man kann nicht jahrelang propagieren, dass wir Doping bekämpfen wollen – und gleichzeitig stellt man einen solch überladenen Wettkampfkalender zusammen.» Je höher die Belastung für die Athleten ist, desto höher ist auch die Versuchung dieser Belastung dank illegalen Mitteln standhalten zu können.

Klar ist sowieso: Das letzte Wort zum Kalender ist noch nicht gesprochen. Mathias Frank bringt es auf den Punkt:

«Ich wäre nicht überrascht, wenn der Kalender am Ende ganz anders aussehen würde.»
Ist kritisch, ob der geplante Kalender umsetzbar ist: Mathias Frank.

Ist kritisch, ob der geplante Kalender umsetzbar ist: Mathias Frank. 

Urs Flueeler / KEYSTONE

Tatsächlich hat die Politik das letzte Wort im Bezug auf die Durchführung der Rennen. Auch hinter der WM in der Westschweiz steht noch ein grosses Fragezeichen. Gut möglich ist, dass sie ohne Publikum durchgeführt oder gar abgesagt werden muss. Und die Titelkämpfe können nicht einfach ins nächste Jahr verschoben werden, schon bis und mit 2024 sind alle WMs vergeben. Aigle/Martigny stünde vor der totalen Absage.