Alles auf Zucker

Zucker ist weiss oder braun, süss und rein – und vergänglich. Werner Widmer und Othmar Eder stellen zum drittenmal miteinander aus und gehen aufeinander ein mit Installation, Zeichnung, Fotografie. Eine süsse Versuchung mit Hintersinn.

Dieter Langhart
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500 Kilo Zucker: Werner Widmers Installation «Sugar Daddy» in der Galerie Rutishauser. Zehn Do-it-yourself-Parkette à 10 Kilo verkauft er als signierte Edition. (Bild: Dieter Langhart)

500 Kilo Zucker: Werner Widmers Installation «Sugar Daddy» in der Galerie Rutishauser. Zehn Do-it-yourself-Parkette à 10 Kilo verkauft er als signierte Edition. (Bild: Dieter Langhart)

FRAUENFELD. Wer heute abend Stefan Rutishausers Galerie betritt, den wird der Duft der Zuckerfabrik begleiten, der zurzeit in Frauenfelds Herbstluft hängt. Und er wird auf Zucker gehen – über ein Parkett aus Zuckerwürfeln, die Werner Widmer in ein Fischgratmuster gelegt hat: fein säuberlich, aber mit einer bereits ausfransenden Kante.

500 Kilogramm. Und strahlend weiss – noch. Denn die Besucher müssen über den sinnlich-poetischen Zuckerboden in die Galerie, und ihre Schuhe werden unweigerlich Spuren hinterlassen wie auf frischgefallenem Schnee. Erst ist der Boden tot, dann beginnt er zu leben, am Ende stirbt er.

Haltungen hinterfragen

Man spielt nicht mit Lebensmitteln, haben wir gelernt. Doch wir haben keine Wahl, wir müssen unsere Einstellung zum Lebensmittel Zucker hinterfragen. Was dabei passiert, daran ist Künstler Werner Widmer interessiert.

Er will neben den positiven Attributen von Zucker auch auf seine negativen aufmerksam machen. In einem Bild zeigt er, überlebensgross, einen Haufen gezogener Zähne: seine Fotografie des Werks eines andern Künstlers, an dem ihn Textur, Muster, Materialität interessiert haben. Und an der gegenüberliegenden Wand will Widmer eine Serie von 70 Bildern zeigen, die als Film in einem ruckelnden Rhythmus am Betrachter vorbeiziehen.

Sterbende Elster

Auch Othmar Eder zeigt ein Video, kopfüber auf den Boden projiziert. Eine Elster liegt am Boden, nachdem eine Katze sie attackiert hat, ihr linkes Auge öffnet und schliesst sich. «Eigentlich mag ich Elstern gar nicht», sagt Eder, doch das Blau dieses Auges hat ihn fasziniert, und seine Kamera begleitet den Vogel 40 Minuten lang. Den Film spielt er leicht verlangsamt ab, so dass das Gezwitscher im Garten nach Urwald klingt.

Eder nimmt die Jahreszeit, den Zucker, die Rübentransporte thematisch auf in einer Zeichnung, die einen Haufen Zuckerrüben zeigt und in sich ruht wie so manche seiner schwarzweissen Arbeiten. An der Wand, die dem Eingang gegenüberliegt, hängt eine weitere Zeichnung: Der Umriss der acht blinden Fenster einer ehemaligen Mühle greift die Form der Zuckerwürfel auf.

Beim Eingang hängt ein riesenhafter Pilz, dessen Form elegant mit den eckigen Zuckerformen kontrastiert und die Eder in einer Skulptur aufgreift: Zwei kleine Figuren bewegen sich in einem Stadionrund – eine alte Holzform, über die ein Hutmacher seine Filzstumpen gezogen hat.

Wohltuend schlicht gibt sich die Ausstellung. Othmar Eder und Werner Widmer überfrachten den Raum nicht und lassen die Längswand weiss und leer – als vertikale Reflexion des zuckrigen Parketts.

Othmar Eder/Werner Widmer: Heisses, Weisses und Grünes Vernissage: Fr, 9.11., 19.00, Galerie Stefan Rutishauser, Marktstrasse 6, Frauenfeld. Sa/So 14–17 Uhr; bis 25.11. Fr, 23.11., 20.30: Konzert www.stefanrutishauser.ch

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