Albasini und die Royals

Radrennfahrer Michael Albasini: «Die drei Tour-Etappen in Grossbritannien setzten neue Massstäbe. So viele Zuschauer wie in der Provinz Yorkshire habe ich noch nie gesehen, so etwas noch nie erlebt. Sogar in den Abfahrten postierten sich die Briten in mehreren Reihen am Strassenrand.

Aufgezeichnet: Urs Huwyler
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Radrennfahrer Michael Albasini: «Die drei Tour-Etappen in Grossbritannien setzten neue Massstäbe. So viele Zuschauer wie in der Provinz Yorkshire habe ich noch nie gesehen, so etwas noch nie erlebt. Sogar in den Abfahrten postierten sich die Briten in mehreren Reihen am Strassenrand. Dabei rast das Feld mit über 70 km/h vorbei. Drei Stunden vor dem Start sahen wir das Volk schon wartend am Strassenrand sitzen. Schätzungen zu Folge dürften am Sonntag rund vier Millionen zur Tour gekommen sein. Also die halbe Schweiz verteilt auf 200 km. Unglaublich.

Von Cambridge nach London fühlte ich mich an die Olympischen Spiele 2012 zurückversetzt. Niemand schien in jenen Regionen zu arbeiten, alle warteten wohl auf die Tour. Nicht nur für Schweizer Verhältnisse eine unvorstellbare Begeisterung. Selbst in Frankreich wird das Interesse an der Tour in den kommenden Tagen kaum grösser sein.

Vor dem Start müssen sich alle Fahrer zur Kontrolle einschreiben. Normalerweise ist dies eine kurze Angelegenheit. In York fand das Prozedere im Stadion der Pferde-Rennbahn statt. Auf den Tribünen sassen rund 50 000 Radsportfans. Vor der ersten Etappe flog die königliche Familie mit Prinz William, Herzogin Kate und Prinz Harry ein, eine Kunstflugstaffel der Royal Airforce überflog das Gelände. Kate durchtrennte das Startband. In der ersten Reihe standen Tour-Sieger, Weltmeister, Olympiasieger und als Engländer mein Teamkollege Simon Yates. Es gab einen Dresscode: Helme und Sonnenbrillen mussten abgenommen werden. Ich empfand es als speziell, nur fünf oder sechs Meter von Kate und den Prinzen entfernt zu stehen.

Bis jetzt kann ich mir nicht erklären, woher all die Zuschauer an die Strecke strömten. Wir hatten das Glück, in jenem Jahr an der Tour starten zu dürfen, als der Radsport in England dank Cavendish, Wiggins oder Froome euphorisch gefeiert wurde. Die Atmosphäre erinnerte an einen Abstecher nach Deutschland, als Jan Ullrich um den Tour-Sieg kämpfte. Nur standen in England noch mehr Menschen am Strassenrand.

Andrerseits wird es für uns Fahrer extrem gefährlich, wenn die Zuschauer wie auf den drei Etappen durch England teilweise rücksichtslos auf die Strasse drängen. Das nervt, strengt an, steigert die Unruhe, wenn sowieso schon alle am Anschlag fahren und sich auf das Rennen konzentrieren müssen. Andererseits nehmen diese Leute Strapazen und stundenlange Anreisen auf sich, um die Fahrer zu sehen.

Wenn sich dann Hunderttausende auf den Heimweg begeben, kann es zwangsläufig zu Verkehrsbehinderungen kommen. Unser Hotel lag nach dem 200 Kilometer langen Rennen 180 km vom Ziel entfernt. Logisch, dass die Abfahrt nicht ohne Stau ablief. Da kommen nach fünf Stunden im Sattel schnell drei Stunden im Auto dazu.Der Abstecher nach England hat sich für die Fahrer gelohnt und ist zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden. Dass ich an der Spitze mithalten konnte, machte die Tage auf der Insel für mich noch spezieller.»

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