Akropolis, adieu

WINTERTHUR. Streiks und Strassenschlachten prägen seit vier Jahren die Schlagzeilen über Griechenland. Doch wie wirkt sich die Krise im Alltag aus? Der Fotojournalist Dimitris Michalakis zeigt einen gespenstischen Modellfall gesellschaftlicher Auflösung.

Dieter Langhart
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Athen, 29. Juni 2011: «Demonstranten verlangten die Aufhebung der Massnahmen des neuen Sparpakets, die Polizei antwortete mit Gewalt und Tränengas.» (Bild: Dimitris Michalakis)

Athen, 29. Juni 2011: «Demonstranten verlangten die Aufhebung der Massnahmen des neuen Sparpakets, die Polizei antwortete mit Gewalt und Tränengas.» (Bild: Dimitris Michalakis)

Schalen mit Suppe, die für Bedürftige bereitstehen; ein einbeiniger Obdachloser, der in seinem Auto wohnt; ein leeres Beet in einer psychiatrischen Anstalt, die wegen der Sparpakete hat schliessen müssen. Der griechische Fotograf Dimitris Michalakis (1977) sammelt die stillen, ungehörten Geschichten jenseits der Actionshots von Strassenschlachten. Sie zeigt er auch – aber anders als die Bildagenturen. Er zeigt das Gesicht eines Polizisten hinter dem Schild, die gespenstische Ruhe nach einem Protest in Athens Innenstadt, der Syntagma-Platz mit Steinen übersät.

Michalakis' Bilder greifen einzelne Menschen und Einzelheiten heraus und meinen das Ganze. Der Gehbehinderte steht für die gut 20 000 Obdachlosen in Griechenlands Hauptstadt; der Patient, der fünf Tage in den Gängen eines Spitals auf seine Behandlung gewartet hat, erinnert an die überlasteten öffentlichen Dienste; die Kinder, die in der Bucht von Eleusina fischen, ahnen kaum, dass Griechenlands grösste Industriezone – einst ein Badeort – die Umwelt schwer belastet.

Kollektives Burn-out

Griechenlands Staatsfinanzen sind seit vier Jahren aus dem Lot. Fünf rigorose Sparpakete setzen vor allem der Mittelschicht zu, das soziale Gefüge droht auseinanderzubrechen. Inzwischen lebt jeder fünfte Grieche unter der Armutsgrenze, jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. Vier Jahre Rezession haben eine Situation geschaffen, wie sie die Griechen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt haben: Das Land leidet unter einem kollektiven Burn-out.

«Burn-out»: Der Titel von Michalakis' fotografischer Langzeitstudie spielt ebenso auf die wirtschaftliche und emotionale Erschöpfung an wie auf das Feuer in Athens Strassen, auf die Wut mittelloser Demonstranten, die sich in Brandschatzungen und Strassenschlachten entlädt. «Sehr traurig, der Zerfall einer Gesellschaft, eine schonungslose Darstellung», schreibt ein Grieche ins Gästebuch.

Pars pro toto, wieder und wieder. Michalakis fotografiert drei Goldzähne auf dunkler Unterlage – der einzige Wirtschaftszweig, der in der Krise blüht, ist der Handel mit Altgold. Eine Transsexuelle wagt sich auf die Strasse – Minderheiten werden oft Opfer gewaltsamer Übergriffe von Schlägertrupps, die der neonazistischen Partei Chrysi Avgi nahestehen. Mietskasernen und Häuserfluchten, nirgends ist ein Mensch – Athen riss historische Gebäude ab und vergass, Frei- und Grünräume einzuplanen.

Düsteres Kolorit

Wolkenverhangen der Himmel, das Licht karg, schummrig oder künstlich, die Farben verbannt, verblichen, ausgewaschen.

Dimitris Michalakis, der seit Jahren gesellschaftliche Randbezirke untersucht und auch aus Krisenregionen wie Kosovo, Syrien oder Ägypten berichtet, geht nicht auf Distanz und arbeitet mit kurzen Brennweiten. Das Plakative vermeidet er als Fotograf des Zeitgeschehens, auch wenn seine Bilder in Nachrichtenmagazinen wie dem «Spiegel» erscheinen. In einem Interview mit Kurator Sascha Renner sagt er: «Ich will zum Nachdenken anregen. Fotografie soll Fragen aufwerfen, sie soll nicht alles sofort preisgeben.»

Dimitris Michalakis: Burn-out. CoalMine Fotogalerie, Winterthur; bis 5.4. www.coalmine.ch

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