Äpfel zu Goldstaub

FRAUENFELD. Zarte Poesie und intensives Farbbad: Simone Kappeler bespielt den Shed mit neuen Infrarot-Fotografien unter dem Titel «Rotverschiebung». Ungewohnte Bilderlebnisse erreicht die Künstlerin durch eine ruhige und bewusste Reduktion.

Martin Preisser
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Sichtbares Licht ausgeblendet: Die Frauenfelder Fotografin Simone Kappeler vor einem ihrer Infrarot-Akte. (Bild: Martin Preisser)

Sichtbares Licht ausgeblendet: Die Frauenfelder Fotografin Simone Kappeler vor einem ihrer Infrarot-Akte. (Bild: Martin Preisser)

Simone Kappeler fotografiert ins Schwarze und bekommt Rot. Mit Infrarot-Film und Schwarzfilter vor dem Objektiv betritt sie bei jeder Aufnahme eine Terra incognita. Jedes Bild, das Simone Kappeler mit rund einer halben Sekunde belichtet, ist eine Überraschung und eine Einmaligkeit. Sichtbares Licht wird nicht mehr eingefangen, dafür der Anfang des Infrarotbereichs mit seinen immer längeren Wellen.

Rot ist sinnlich und hat Charme. Und die Kraft der Natur verbindet die Künstlerin weniger mit Grün als mit Rot. Simone Kappeler lässt mit ihrer Infrarot-Technik (die bald historischen Wert haben wird, weil es diese Filme in Kürze nicht mehr geben wird) aber jeden Effekt hinter sich. Und wichtig scheint der Hinweis, dass diese Fotokunst natürlich nichts mit eingefärbter Schwarz-Weiss-Fotografie zu tun hat. Bilder ausserhalb des sichtbaren Lichts: Simone Kappeler geht da auf eine geheimnisvolle Entdeckungsreise, quasi auf die Suche nach dem Bild hinter dem normalen Licht. Auf die Suche nach dem Reduzierten und Elementaren.

Magie von weissen Pfauen

Mit diesen Infrarot-Arbeiten bewegt sie sich gleichsam zurück an die Quellen der Wahrnehmung. Ganz überraschend wirkt das Infrarot-Abgebildete oft fast wie ein inneres Bild. Grosse fotografische Momente, spektakuläre Sujets, kunstvolle Arrangements und Inszenierungen braucht Simone Kappeler nicht. Es ist das sie unmittelbar Umgebende, der unaufgeregte Moment, der eingefangen wird. Zarte Poesie strahlen die Bilder von weissen Pfauen aus. Das Tier mit seiner Federpracht verwandelt sich in zarte Fliessbewegung, Materie wirkt wie ein federleichter Hauch, Strukturen werden zu Goldstrahlen. Und ein Paar Äpfel am Boden leuchten wie Goldstaub, lösen mythologisch aufgeladene Bilder vom Goldenen Apfel aus. Mit fast andächtiger Stille loten die kleinformatigen Arbeiten Grenzbereiche aus, legen hinter dem durch normales Licht allzu Vordergründigen neue Wahrnehmungssphären frei.

Mit «Rotverschiebung» hat Simone Kappeler einen Begriff aus der Physik gewählt. «Ich begebe mich mit diesen Arbeiten in eine Wellenverlängerung», sagt sie. Der Serie von kleinen Arbeiten sind drei grössere faszinierende Nacht-Akte beigestellt. Das Modell tritt geheimnisvoll, aber ruhig und in sich gekehrt aus dem Blauschwarz des Hintergrundes. Faszinierend hierbei, wie die Fotografin eine solche Szene, die dann ins Schwarze hinein fotografiert werden muss, innerlich «vorausdenken» muss, damit sich diese Magie, dieser Zauber auf dem endgültigen Bild einstellen mag. Simone Kappeler kommt im Gespräch auf den treffenden Begriff des «vorgedachten Schnappschusses».

Geheimnisvolles Schneebild

Die Frauenfelder Fotokünstlerin, die inzwischen auch von einer Pariser Galerie vertreten wird und im April in Dublin mit Schwarz-Bildern zu sehen sein wird, hat immer wieder ihre nächste Umgebung fotografiert, auch das Unspektakuläre im Thurgau festgehalten. Ein Highlight ist in der Shed-Ausstellung ein Schneebild aus dem Thurgau. Genau komponiert, mit zwei Menschen in der Mitte und dem Schnee, der sich wie eine seltsame Walze in die Bildmitte zu schieben scheint. Hier wird ein Bild auch zum Traumbild, zu einem Geschichten- und Phantasie-Anreger.

Mit «Rotverschiebung» geht Simone Kappeler ihren künstlerischen Weg konsequent und unverkennbar weiter. Es ist das Ausloten von Zwischenbereichen, von Grenzzonen im scheinbar Unspektakulären, was auch diese neuen Bilder ausmacht, die in keiner Weise auf einen schnellen Rot-Rausch setzen, sondern der feinen Kraft dieser kräftigen Farbe nachspüren.

Shed im Eisenwerk, Fr 18–21, Sa 16–19 Uhr; bis 8.6. Do, 18.4., 20 Uhr: Führung; Do, 2.5., 20 Uhr: Lesung mit Zsuzsanna Gahse und Gianni Kuhn; Do, 23.5., 20 Uhr: Shed-Gespräch mit Simone Kappeler und Martin Gasser.

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