According to What?

In der altsteinzeitlichen Chauvet-Höhle darf nicht nur nichts berührt werden, selbst jeder Atemzug unterliegt strengsten Regeln. Strikt bewahrt, fordert Prähistorik hier ihren Tribut. Öffentlichkeit? Erst gar nicht zugelassen. Seit der Entdeckung ist grösstmöglicher Schutz plausibles Gebot.

János Stefan Buchwardt
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In der altsteinzeitlichen Chauvet-Höhle darf nicht nur nichts berührt werden, selbst jeder Atemzug unterliegt strengsten Regeln. Strikt bewahrt, fordert Prähistorik hier ihren Tribut. Öffentlichkeit? Erst gar nicht zugelassen. Seit der Entdeckung ist grösstmöglicher Schutz plausibles Gebot. 30 000 Jahre später zerstört Máximo Caminero eine wertvolle, mit Autolack überzogene Han-Dynastie-Vase Ai Weiweis.

Die Museumsleitung in Florida ist bestürzt, der chinesische Dissident setzt eine Protestnote in die Welt. Nichts anderes hatte der US-Künstler im Sinn. Nicht(s) anfassen, nicht(s) berühren, nicht atmen. Das mag ehrfürchtig für den Kalksteinfelsen der Auvergne gelten – Amateurforscher stiessen auf sein Inneres –, mit dem amerikanischen Provinzkünstler schlägt das Pendel in eine Gegenrichtung aus.

Camineros Kritik an der Kulturpolitik seiner Stadt prangert die Fokussierung auf Kunstprominenz und Weltberühmtheiten an. Welche Tendenzen geben denn unsere Institutionen vor? Zertrümmerung als Auflehnung, zur Ehrenrettung verschmähter lokaler Kollegen, das war im vergangenen Winter in Miami. Welche Zeichen liessen sich zu welchem Zweck und mit welcher Berechtigung in unseren Breiten setzen?

Breitenwirkung kommt kolumnistischen Klügeleien oft abhanden. Vielleicht doch das bezaubernde Spitzhaubendach des Turmhofs zu Steckborn neo-dadaistisch in die Luft jagen und eine Verhaftung riskieren? Ganz gewiss ist Markus Landert gut beraten, seine Vorzeigefläche neben prekären japanischen Scheitertürmen aktuell mit hiesigen, wenn auch längst verstorbenen Publikumslieblingen zu bespielen.

Sorgfältiger Überlegungen bedarf die Entscheidung, welche Umstände es rechtfertigen, sich nicht mehr verpflichtet zu fühlen, Einheimisches zu präsentieren und öffentlich zugänglich zu machen. Die Nashörner und Mammuts, die Panther, Pferde und Eulen an den Felswänden im südöstlichen Frankreich dürfen wir als hilfreiches Movens des Seelenhaften begreifen, das sich im tiefen Grunde selbst genügt.

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