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ABWÄRTSTREND: Die Krise der Bundesliga

Die deutsche Bundesliga zählt seit Jahrzehnten zu den besten Fussball-Ligen der Welt. Doch zuletzt hat dieses Image einige Kratzer bekommen.
Carsten Meyer
Sinnbild des Formtiefs: Dem als Hoffnungsträger geholten Andrej Jarmolenko und seinem Club Borussia Dortmund läuft es in dieser Saison nicht wie gewünscht. (Bild: Friedemann Vogel/EPA)

Sinnbild des Formtiefs: Dem als Hoffnungsträger geholten Andrej Jarmolenko und seinem Club Borussia Dortmund läuft es in dieser Saison nicht wie gewünscht. (Bild: Friedemann Vogel/EPA)

Carsten Meyer

Christian Seifert ist ein Mann, den der normale Fussball-Fan in Deutschland kaum kennt. Dabei ist er eine der wichtigsten Personen der Branche. Der 48-Jährige ist Geschäftsführer der Deutschen Fussball-Liga (DFL) und damit so etwas wie der Chefverkäufer der Bundesliga. Er verhandelt für die Liga unter anderem die TV-Gelder im In- und Ausland. Und zuletzt trieb ihn etwas die Sorge um, dass sein Premium­produkt an Glanz eingebüsst ­haben könnte.

Also verteilte er eine verbale Ohrfeige, die so laut zu vernehmen war, dass nicht wenige ängstlich zusammenzuckten. Seifert grollte unter anderem: «Es wurde in den internationalen Wettbewerben verpasst zu beweisen, dass die Bundesliga eine der stärksten ­Ligen der Welt ist.»

Dortmunds blamable ­Auftritte

In der Champions League zog Branchenführer Bayern München zwar gewohnt zuverlässig in den Achtelfinal ein, aber das war es dann auch schon. Borussia Dortmund hatte hohe Ziele, blamierte sich aber bis auf die Knochen – und konnte am Ende froh sein, dass zwei Unentschieden tatsächlich noch dazu reichten, sich als Dritter für die Europa League zu qualifizieren. RB Leipzig wurde bei seiner internationalen Premiere ebenfalls Dritter, zeigte aber zumindest ansprechende Leistungen. Und Hoffenheim scheiterte bereits in der Qualifikation an Liverpool.

Ziemlich peinlich war das Abschneiden der deutschen Vereine in der Europa League. Hoffenheim und Hertha verzweifelten an Clubs wie Rasgrad oder Östersund. Der aktuelle Tabellenletzte Köln gab sich zwar grosse Mühe, was aber auch nicht viel half. Und der SC Freiburg scheiterte schon in der Qualifikation am slo­wenischen Vertreter NK Domzale. Man kann nicht gerade behaupten, dass Seifert die Ereignisse mit grosser Begeisterung aufgefasst hätte. «Wer internationale Zweitklassigkeit nicht so schlimm findet», wetterte er, «wird sich schneller als manche denken in der internationalen Bedeutungslosigkeit wiederfinden.» Eine Angst, die nicht ganz aus der Luft gegriffen ist – und Gründe hat.

Zu wenig Spitze in der Liga:­Aktuell werden in Deutschlands höchster Spielklasse zwei Wettbewerbe parallel ausgetragen. In einem spielen die Bayern – und sonst niemand. Dahinter ist es wahnsinnig eng, weil der Zehnte Hannover nur sieben Zähler weniger hat als Leverkusen. Optimisten finden das sehr spannend. Pessimisten leiten daraus ab, dass dies kaum ein Gütesiegel für internationale Qualität sein könne. Dass sich Mannschaften wie ­Hertha, Freiburg oder Köln im letzten Sommer plötzlich auf der grossen Bühne wiederfanden, untermauert diesen Eindruck. Oder um es mit Seifert zu sagen: «Wir brauchen Leuchttürme.» Zu sehen sind sie ausserhalb Münchens aktuell allerdings nicht.

Finanzielle Möglichkeiten: Bayerns Jupp Heynckes ist ein erfahrener Trainer. Der 72-Jährige hat so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Natürlich auch die Champions League. Aber er fürchtet, dass zukünftig nicht mehr viele Deutsche in den Genuss kommen werden. «In der Königsklasse wird es sicher sehr schwer, weil da Top-Mannschaften dabei sind, die sich – teilweise mit riesigen Fremdmitteln – auf dem Transfermarkt enorm verstärkt haben. Deshalb wird es ­sicher für die Bundesliga und auch für Bayern München immer schwieriger, international so erfolgreich zu sein, wie es der FC Bayern in seiner Geschichte immer wieder war.» Heynckes wird in erster Linie an Paris ­St-Germain denken. Aber auch in punkto TV-Gelder ist die Konkurrenz längst enteilt. In England kassierte Sunderland als Ab­steiger im Sommer knapp 124 Millionen Franken. Der deutsche Meister bekam zehn Millionen weniger. Die Folge: Selbst eng­lische Zweitligisten verfügen über mehr finanzielle Mittel als viele deutsche Topteams.

Nachwuchsarbeit: An die EM 2000 denken deutsche Fans nur mit Grauen zurück. Trainer war Erich Ribbeck, auf dem Platz standen Spieler wie Marko Rehmer und Paulo Rink – und als alles vorbei war, waren die Deutschen mit einem Pünktchen als Gruppenletzter in der Vorrunde ausgeschieden. Das Debakel ­hatte jedoch auch etwas Gutes: Die Nachwuchsarbeit wurde komplett auf links gedreht. Davon ­haben die Clubs in den vergan­genen Jahren profitiert. Andere Nationen haben aber wieder ­aufgeholt, mittlerweile gewinnen selbst englische Nachwuchs-­Nationalmannschaften internationale Turniere.

All dies führt dazu, dass das Image der Bundesliga ein paar Kratzer bekommen hat. Sehr zum Leidwesen von Seifert, der mahnt: «Deutschland ist die grösste Volkswirtschaft Europas. Der Deutsche Fussball-Bund ist der grösste Fussball-Verband der Welt. Wir sind Weltmeister: Mit diesen Voraussetzungen kann es niemals unser Anspruch sein, sich mit Mittelmass zufrieden zu geben.» Die Botschaft ist an­gekommen. Bleibt nur noch die Frage, wie die Clubs darauf reagieren werden.

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