ABWÄRTSSPIRALE: In einer launischen Welt

Die Karriere des ehemaligen Supertalents Belinda Bencic ist ins Stocken geraten. Die Saison 2017 ist für die professionelle Tennisspielerin aus Oberuzwil wohl schon beendet.

Jörg Allmeroth
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Belinda Bencic ist zu einem Sorgenfall im Welttennis geworden. (Bild: Peter Klaunzer/KEY (Biel, 11. April 2017))

Belinda Bencic ist zu einem Sorgenfall im Welttennis geworden. (Bild: Peter Klaunzer/KEY (Biel, 11. April 2017))

Jörg Allmeroth

Es ist noch gar nicht lange her, da war Belinda Bencic das grösste Versprechen für die Zukunft im Frauentennis. Nicht einmal 19-jährig war Bencic, als sie früh in der Saison 2016 unter die ersten zehn stürmte. Auf den Spuren von Spielerinnen wie Martina Hingis oder Patty Schnyder. Alle Türen schienen der Ostschweizerin offen zu stehen. Sie hatte die Weggefährtinnen aus ihrer Ge­neration schon überholt. Und es war, jedenfalls damals, für viele Experten nicht die Frage, ob sie einen Grand Slam-Titel oder andere grosse Pokale gewinnen würde. Sondern nur noch, wann.

Aber das Profitennis ist eine launische Welt. Es gibt keine Sicherheiten, keine Gewissheiten. Niemals. Und für keine. Und ausgerechnet Bencic entpuppt sich gerade als letztes Beispiel dafür, wie schnell sich die Zeiten und das Schicksal ändern können in dieser Branche.

Erstens kommt es anders. Zweitens, als man denkt. Diese Woche jedenfalls war Bencic nicht auf einem Centre Court zu sehen, in strahlender Siegerinnenpose, zufrieden und glücklich mit ihrem Sport, ihrem Beruf, ihrer Passion. Sie blickte statt­dessen mit einem gequälten Lächeln in eine Kamera, den linken Arm dick verbunden – es war ein Bild der Patientin Bencic, aufgenommen in einem Spital.

Die Gegenwart will es, dass auch solche Bilder und Nachrichten über soziale Netzwerke verbreitet werden. Bencic, ein Kind dieser Generation, teilte auf Twitter mit, was passiert war und welche Konsequenzen es hat: «Hallo Leute, ich bin am linken Handgelenk operiert worden. Es war eine schwierige Entscheidung, aber sie hilft mir, meine Karriere um viele Jahre zu verlängern», schrieb sie im Kurznachrichtendienst.

Heinz Günthardts Prophezeiung

Man darf davon ausgehen, dass die Saison 2017 nun beendet ist für Bencic. Eine Saison, in der die junge Frau zu einem Sorgenfall im Welttennis geworden war, gefangen in einer sich immer schneller drehenden Abwärtsspirale. Zuletzt stand Bencic in der Weltrangliste jenseits der Top 100, notierte auf Platz 123. Da war die St. Gallerin gerade in der Startrunde des Heimturniers in Biel ausgeschieden.

Vieles war zusammengekommen für Bencic in der monate­langen Krisenzeit: eine gewisse Leistungsstagnation, der nicht einfache Umgang mit den ersten Negativschlagzeilen, öffentlicher Erwartungsdruck, komplexe Loslösungsprozesse von der Familie, die bis dahin wesentlich den Fortgang der Laufbahn dirigiert hatte. Und dann eben auch noch die dauernden Probleme mit dem Handgelenk, also mit einem Körperteil, in das Tennisspieler hundertprozentiges Vertrauen haben müssen.

Doch dieses Vertrauen hatte Bencic schon länger nicht mehr, sodass es nicht wunderte, dass sich Zweifel und Ängste in ihr Spiel einschlichen. Oft wirkte sie nur wie ein Schatten ihrer selbst.

Garantien gibt es auch jetzt nicht für Bencic, die sogenannte neue Miss Swiss im Frauentennis. Keiner weiss, wie ein Comeback aussehen wird, es wird gewiss komplizierter ausfallen als etwa jenes von Roger Federer zu Jahresbeginn. Aber Heinz Günthardt, der Schweizer Fed-Cup-Captain, hatte schon in der vergangenen Woche in Stuttgart über Bencic und deren körperliches Malaise gesagt: «So kann es nicht weitergehen für sie.» Nun gibt es eine neue Lage und wenigstens neue Hoffnung.