Abstiegsschocker
«Die Lage ist ernst»: FCSG-Trainer Peter Zeidler ruft die Minimeisterschaft aus

Nach einer brillanten letzten Saison stehen die Ostschweizer in der Super League im Abstiegskampf und rutschen bei einer Pleite gegen Vaduz auf den Barrageplatz ab. Auf der Suche nach den Gründen des Absturzes.

Markus Brütsch
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Es läuft nicht: Peter Zeidler, Trainer des FC St. Gallen.

Es läuft nicht: Peter Zeidler, Trainer des FC St. Gallen.

Keystone

Sieht so ein Trainer aus, der gerade am Ende seines Lateins angekommen ist?

Nein, Peter Zeidler erweckt nicht diesen Eindruck, als er sich am Freitag zum Abstiegsschocker gegen den FC Vaduz äussert. «Wir kennen die Tabelle, die Lage ist ernst», sagt der Trainer des FC St. Gallen und spricht von einer bevorstehenden Minimeisterschaft mit sechs Spielen.

«Ich habe vor dem Saisonstart gesagt, es könne passieren, dass wir auf Platz acht stehen - und dies ist jetzt eingetreten.»

Doch sein Team halte zusammen und habe in den Cupspielen gegen YB und GC gezeigt, wie gut es spielen könne.

Am Tag zuvor hat das «St. Galler Tagblatt» die Situation von Grün-Weiss nach der 0:2-Niederlage in Lugano auf den Punkt gebracht: «Die Lage spitzt sich zu.» Tatsächlich: Gewinnt Vaduz heute Samstag im Kybunpark, rutscht der FC St. Gallen auf den Barrageplatz ab und spürt den Atem des auf dem Abstiegsplatz stehenden FC Sion im Nacken.

Der FC St.Gallen ist in der Jahrestabelle Schlusslicht

Ein Sieg der Vaduzer in St. Gallen wäre keine Sensation. Die Super-League-Bilanz der Liechtensteiner in St. Gallen ist positiv: Drei Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen. Aussagekräftiger jedoch ist die Leistungsentwicklung der beiden Teams seit Beginn des Kalenderjahres 2021: Hier die in der Jahrestabelle mit 26 Punkten zweitklassierte Mannschaft des FC Vaduz, da die mit nur 14 Zählern auf dem letzten Rang liegende Equipe St. Gallens.

Wie markant der St. Galler Absturz ist, zeigt eine Rückblende. Vor gut neun Monaten führten die Ostschweizer zum exakt selben Zeitpunkt wie jetzt, also nach 30 Runden, die Tabelle mit 59 Punkten und einem Zähler Vorsprung auf YB an und träumten vom ersten Meistertitel seit 20 Jahren. Mit den aktuell 34 Punkten haben sie damit 25 Zähler weniger erobert als in der letzten Spielzeit. Und dies nach einem Traumstart in die neue Saison mit drei 1:0-Siegen und Platz 3 an Weihnachten.

Im Sommer 2020, da jubelten die St.Galler Spieler noch und liebäugelten sogar mit dem Meistertitel.

Im Sommer 2020, da jubelten die St.Galler Spieler noch und liebäugelten sogar mit dem Meistertitel.

Freshfocus

Könnte es dem FC St. Gallen so ergehen wie dem FC Zürich vor fünf Jahren, der aus dem Nichts in die Challenge League abstieg? Womöglich mit der Parallele, dass auch er dies als Cupsieger tut? Luzern (1992) und Wil (2004) haben dieses Schicksal ebenfalls erlitten und man vermutete jeweils, der Fokus auf den Abstiegskampf habe wegen des erfolgreichen Cupparcours gefehlt. St. Gallen wäre nach Wettingen, Bellinzona, Kriens, YB und Sion erst der sechste Verein, der nach einer zwischenzeitlichen Tabellenführung in die Zweitklassigkeit abtauchte.

Die Frage ist: Wie konnte es nur so weit kommen mit dem FC St. Gallen? Unbestritten ist, dass dessen letzte Saison eine aussergewöhnliche war und die jetzige nicht an ihr gemessen werden sollte. Nach dem Abgang des brillanten Sturmduos Ermedin Demirovic und Cedric Itten, das zusammen für 25 Tore sorgte sowie dem Wegzug von Captain Silvan Hefti war abzusehen, dass es nicht im selben Stil weitergehen würde.

Werden in St.Gallen schmerzlich vermisst: Cedric Itten (unten) und Ermedin Demirovic.

Werden in St.Gallen schmerzlich vermisst: Cedric Itten (unten) und Ermedin Demirovic.

Keystone

So hat Zeidler am 18. September 2020 im «Tagblatt» auf die Frage, was er seinem Team in der neuen Saison zutraue, geantwortet: «Dass wir die Liga halten. Das ist kein Zweckpessimismus. Es ist auch keine Tiefstapelei. Es ist einfach die Realität.» Es sei dann wichtig, nicht in Panik zu verfallen.

Lukas Görtler findet keine Abnehmer mehr

Diesen Vorsatz können die St. Galler derzeit noch ziemlich gut umsetzen. Sie vermissen zwar ihre begeisterungsfähigen Fans mehr als andere Klubs, aber sie geben nicht das Bild einer Mannschaft ab, die resigniert und auseinanderfällt. Und Zeidler hat seine frühere Philosophie, auf Teufel-komm-raus zu stürmen, durchaus den neuen Gegebenheiten angepasst.

Der St.Galler Vorzeigekämpfer und Leader Lukas Görtler – hier während einer Diskussion mit Schiedsrichter Sandro Schärer.

Der St.Galler Vorzeigekämpfer und Leader Lukas Görtler – hier während einer Diskussion mit Schiedsrichter Sandro Schärer.

Freshfocus

Aber nicht zu übersehen ist, wie schwer sich sein Team tut, gegen tief stehende Gegner wie Lugano Ideen und Lösungen zu kreieren. Der gegen Vaduz wegen Corona ausfallende Spielmacher Jordi Quintilla hat gegenüber der Vorsaison an Einfluss verloren und Liga-Assistkönig Lukas Görtler (13 Vorlagen) hat heuer nur zwei Treffer vorbereitet, weil die Abnehmer fehlen. Der Vorkämpfer sagt trotzig:

«Wir sind uns unserer Situation bewusst.»

Doch dem Kader fehlt die Breite, was sich in der Schlussphase - zumal mit der Belastung im Cup - noch rächen könnte. Am Mittwochabend hat Zeidler auf der Heimfahrt aus Lugano von «Willo» Barnetta, dem Vater von Tranquillo, eine aufbauende SMS bekommen. «Sie steht stellvertretend für die Unterstützung durch unsere Fans», sagt Zeidler. Er weiss: Sein Team darf die grün-weisse Gemeinde nicht enttäuschen.