ABSTIEGSKANDIDAT: Lausannes Strohhalm heisst St. Gallen

Eigentlich erhält Lausanne für die neue Saison wenig Kredit. Doch in der Westschweiz scheint man optimistisch. Die Romands vertrauen auf Trainer Fabio Celestini – und sehen eher den heutigen Gegner St. Gallen als Absteiger.

Ralf Streule
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Fabio Celestini ist überraschend in der Westschweiz geblieben – trotz verlockender Angebote. (Bild: Jean-Christophe Bott/KEY)

Fabio Celestini ist überraschend in der Westschweiz geblieben – trotz verlockender Angebote. (Bild: Jean-Christophe Bott/KEY)

Ralf Streule

Es ist wohl viel Lokalpatriotismus dabei, wenn die in Lausanne beheimatete Zeitung «Le Matin» ihre Super-League-Tips abgibt. Einen Platz zwischen sechs und neun werde Lausanne-Sport in der Endabrechnung belegen, so die Voraussagen der Westschweizer. Ein Abstieg ist da also nicht vorgesehen – auch wenn der Club für viele andere als Abstiegskandidat Nummer eins gilt. Auf der Le-Matin-Liste zu unterst anzutreffen ist der FC St. Gallen – «aus Mangel an Stabilität und Identität», so eine Aussage.

So weit die welschen Prognosen. Die Lausanner Realität aber sieht ziemlich ungemütlich aus. Der Club, der in der vergangenen Saison nur den FC Vaduz auf Distanz halten konnte, hatte im Sommer gewichtige Abgänge zu verkraften. Die Hoffnung lebt dennoch. Unter anderem, weil man sich bereits vor einem Jahr mit der Rolle des Abstiegskandidaten hatte abfinden müssen und danach fulminant in die Saison startete. Aber auch der zentralsten aller Lausanner Figuren wegen. Ende vergangener Saison gab es rund um die Pontaise fast nur eine relevante Frage: Bleibt Trainer Fabio Celestini oder verlässt er den Club in Richtung französischer Ligue 1? Der Ur-Lausanner, der den Club vor gut einem Jahr in die Super League zurückgebracht hat, entschied sich Ende Mai – für Lausanne.

Ein Entscheid für das «Projekt Lausanne»

St-Etienne hatte den 41-jährigen Trainer auf der Liste, das Vierfache hätte Celestini dort verdient, schreiben Westschweizer Medien. Weshalb scheiterte der Wechsel? Der eine, edle Grund: Celestini wollte weitermachen mit dem «Projekt Lausanne» – das zu einem Teil auf jungen Spielern aus dem Nachwuchsprojekt Team Vaud beruht, zum anderen Teil auf gezielten Verstärkungen, die Celestini und seinem guten Netzwerk in Frankreich und Norditalien zu verdanken sind. Der zweite Grund: Lausanne-Präsident Alain Joseph forderte von Celestini einen frühen Entscheid, um sich rechtzeitig nach einem allfälligen Nachfolger umsehen zu können. St-Etienne aber wollte sich damals noch nicht für einen Kandidaten entscheiden – ein Abgang in Lausanne wäre für Celestini also ein Risiko gewesen.

Die halbe Mannschaft wurde ausgewechselt

Die Lausanner Hoffnungen ruhen auf Celestinis Art, Fussball spielen zu lassen: Mit viel Ballbesitz, Mut und «Plaisir», wie der Trainer gerne wiederholt. Voraussetzung für einen guten Saisonstart ist aber, dass die vielen Wechsel das Team nicht destabilisieren. 14 Abgängen stehen 13 Zuzüge gegenüber. Schmerzen wird die Lausanner unter anderem der Abgang des 18-Jährigen Jordan Lotomba zu den Young Boys, jener von Olivier Custodio zum FC Luzern – oder der ihres zuletzt besten Torschützen Nassim Ben Khalifa zum FC St. Gallen. Auffangen sollen die Abgänge junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, zum Beispiel Stürmer Andi Zeqiri, der zuletzt leihweise für Juventus Turins Nachwuchsteam im Einsatz stand. Aber auch Erfahrene sind zum Team gestossen: Gonzalo Zarate von Vaduz oder Innenverteidiger Alain Rochat von den Young Boys – beide sind über 30-jährig.

Glaubt man den Eindrücken der Berichterstatter aus der Westschweiz bezüglich Lausannes Testspielen, kann man festhalten: Das Team tritt wieder mit mutiger, offensiver Ausrichtung an. Davon geht auch St. Gallens Trainer Giorgio Contini aus, der die Testspiele auf Video gesehen hat. «Lausanne wird risikoreich spielen.» Was Celestini von seinen Lausannern nebst Mut aber verlangt, ist Konstanz. «Wir dürfen nicht derartige Hochs und Tiefs haben wie in der vergangenen Saison.» Ein Hoch hatten die Romands bis zur elften Runde, als sie bis auf Platz zwei vorstiessen. Furios starten wollen sie auch heute. Schliesslich steht ihnen der Abstiegskandidat Nummer eins gegenüber.