Erkenntnisse einer aussergewöhnlichen Saison – was Sie zur Pokalübergabe an YB wissen müssen

YB besiegt St.Gallen in letzten Saisonspiel der Super League 3:1. Was bleibt nach 36 Runden ausser Corona?

Etienne Wuillemin, Bern
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Verdienter Meisterjubel: Die Young Boys stemmen den Pokal.

Verdienter Meisterjubel: Die Young Boys stemmen den Pokal.

Claudio De Capitani / freshfocus

Und dann begann es, zu regnen. Als hätte es zu dieser denkwürdigen Saison noch ein Zeichen von oben gebraucht. Die YB-Spieler wurden einzeln in die Mitte des Wankdorf-Rasens gerufen, für jeden war ein weisser Kreis in der Mitte vorbereitet, immer schön mit Abstand. Es waren merkwürdige Bilder im fast leeren Stadion, eine Pokalübergabe zu Zeiten von Corona eben. Um kurz vor 23 Uhr durfte dann Captain Fabian Lustenberger zusammen mit Marco Wölfli nach seinem letzten Einsatz in der Karriere die Trophäe stemmen. Begleitet von goldenen Konfettis.

Was bleibt von dieser aussergewöhnlichen Saison? Einer Saison, von der man dachte, sie werde speziell, weil erstmals auch in der Schweiz Videoschiedsrichter umstrittene Entscheide überprüfen. Und die nun in die Geschichte eingeht, weil plötzlich nichts mehr war wie vorhin. Corona hat den Schweizer Fussball lahmgelegt, und es ist noch keineswegs auszuschliessen, dass alles noch viel schlimmer wird – dann nämlich, wenn einige Klubs die Krise nicht überstehen, wenn die Zuschauerobergrenze auch in der neuen Saison bei 1000 bleibt.

13 Runden unter Coronabedingungen erlebten die Schweizer Fussballfans. Wenn es etwas Gutes dabei gab, dann der Fakt, dass das Niveau unter den englischen Wochen erstaunlich wenig gelitten hatte. Wer das Glück hatte, vereinzelt doch in den Stadien zu sein, erlebte intime Momente, Trainer und Spieler, die man so lautstark hören konnte wie im Amateur-Fussball – es war erfrischend und spannend.

Die irre Rettung des FC Sion –Thun muss in der Barrage nachsitzen

Ganz zu Ende ist die Saison ja noch nicht. Sie endet mit der Barrage zwischen Thun und Vaduz. Dem FC Sion reichte ein 2:1-Sieg in Extremis bei Servette, um sich doch noch zu retten. Der FC Thun holte in Zürich nach einem 0:3 noch ein 3:3, es war eine so tolle Aufholjagd wie sowieso schon nach der Corona-Pause, und trotzdem müssen die Berner Oberländer noch nachsitzen. Sie steigen als klarer Favorit ins Duell mit den Liechtensteinern. Das Hinspiel findet am Freitag in Vaduz statt, das Rückspiel am kommenden Montag.

Im Wankdorf begann das Berner Feiern schon vor Anpfiff. YB verabschiedete seine Legende Wölfli mit Blumen, das Abschiedsspiel folgt dereinst, wenn Corona bekämpft und wieder viele Fans im Stadion sind. Auf der Tribüne hielten einige YB-Spieler ein Transparent hoch mit der Aufschrift ««WÄÄÄÄÄÄÄUTKLASS WOUF». Auch Jordan Lotomba, an dem die Schweiz noch viel Freude im Nati-Dress haben wird, wurde mit guten Wünschen bedacht, er wechselt für gut sechs Millionen Franken zu Nizza.

Beendet nach 22 Jahren bei YB seine Karriere: Marco Wölfli.

Beendet nach 22 Jahren bei YB seine Karriere: Marco Wölfli.

Claudio De Capitani / freshfocus

Wer im Wankdorf bei diesem letzten Spiel zwischen YB und St. Gallen einen Abend erwartet hatte mit gemütlichem Fussball zum Saisonende, der sah sich ziemlich getäuscht. Beide Teams gingen noch einmal an ihre Grenzen. Lieferten sich einen heissen Kampf voller Emotionen, mit enthusiastischen Trainern an der Seitenlinie. Es war ein grossartiges Spiel, fast so als wäre es die «Finalissima» gewesen, die St.Gallen um einen Sieg verpasst hatte.

3:1 gewann YB am Ende verdient. Liga-Topskorer Jean-Pierre Nsame krönte seine herausragende Saison mit zwei frühen Toren, er totalisiert damit 32 Treffer – Rekord. YB überzeugte als Team, keine Spur von Meisterblues, es scheint als wollen Seoane und Co. die Konzentration in diesem Jahr um jeden Preis aufrecht erhalten, schliesslich lockt noch das Double. Und auch St.Gallen zeigte noch einmal, warum es eine so tolle Saison spielte und völlig verdient Vizemeister wurde. Es ist für die Super League zu hoffen, dass die Ostschweizer ihr Team über die Saison hinaus einigermassen zusammenhalten können, ihr Spirit hat der Liga sehr gut getan.