Radprofi Stefan Küng fährt lieber für einen mitteleuropäischen Rennstall

Auch im Radsport mischen die Scheichs kräftig mit. Mit dem Zeitfahr-Weltmeister Rohan Dennis angeln sie sich einen weiteren Star. Für den Thurgauer Stefan Küng kommt ein Engagement in Arabien nicht infrage.

Daniel Good
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Im Fussball leisten sich die Sportfreunde aus Nahost Prestigeclubs wie Manchester City und Paris St-Germain. Auch der Radsport hat es den Scheichs angetan. Sie besitzen mit Bahrain-Merida und UAE Emirates zwei Profiteams der höchsten Kategorie. Bahrain-Merida ist seit 2017 auf der World Tour unterwegs und hat mit dem Italiener Vincenzo Nibali einen der besten Rennfahrer der Gegenwart in seinen Reihen. Geldgeber ist der sportbegeisterte Prinz Nasser, der es allerdings mit den Menschenrechten nicht so genau nehmen soll.

Neben Nibali steht ab der kommenden Saison ein zweiter Star für den umstrittenen Prinzen am Start. Mit dem Australier Rohan Dennis verpflichtete Bahrain-Merida den besten Zeitfahrer der Welt.

Für Küng standen alle Türe offen

Der 28-jährige Dennis, der Ende September in Innsbruck Weltmeister wurde, war in der Mannschaft BMC während vier Saisons Teamkollege von Stefan Küng. Die beiden Zeitfahr-Spezialisten gewannen unter anderem 2015 die Team-WM. In dieser Saison war Küng mit BMC im Rahmen der Tour de France und der Tour de Suisse in den Mannschaftzeitfahren erfolgreich.

Aber die Zukunft der Mannschaft BMC stand lange Zeit in der Schwebe, deshalb verliessen viele starke Fahrer wie Richie Porte, der Gewinner der Tour de Suisse, Dennis und Küng die Equipe. BMC wurde mit viel Geld und Herzblut vom Zürcher Unternehmer Andy Rihs unterstützt. Er starb im vergangenen April im Alter von 76 Jahren.

In den Vertragsverhandlungen standen für Küng die Türen bei allen 18 Mannschaften der World Tour offen. Er hat schon ordentliche Resultate erzielt. Noch besser sind seine Perspektiven. Als Erstes fragte der Berater den Veloprofi Küng: «Für welche Teams willst Du auf keinen Fall fahren?» Küng antwortete: «Bahrain und Emirates. Mit solchen Mannschaften kann ich mich aus weltanschaulichen Gründen nicht identifizieren. Es ist für mich als Sportler wichtig, dass ich zu hundert Prozent hinter einer Mannschaft stehen kann.» Auch Astana fiel für Küng ausser Betracht. Geldgeber dieser Mannschaft ist der kasachische Staat.

Alte Kleider neues Velo

Küng entschied sich, die Offerte der französischen Equipe Groupama-FDJ anzunehmen. Groupama ist ein Versicherungskonzern, FCJ die staatliche Lotteriegesellschaft. Küng spricht nahezu perfekt französisch. Er wollte rechtzeitig wissen, wie es für ihn als Berufssportler weitergeht und brachte den Deal schon vor der Tour de France unter Dach und Fach. Er wird von den Franzosen einen ansehnlichen Lohn erhalten.

Überdies erhält Küng die Möglichkeit, sich im Profisport weiter zu entwickeln. Denn zum ersten Mal kann er eine Rolle als Leader übernehmen. In seinem ehemaligen Team war der Thurgauer meistens Helfer.

Im Training ist Küng, der vergangene Woche 25-jährig wurde, noch in den Farben von BMC unterwegs. Sein Vertrag läuft bis Ende Jahr. Aber das Arbeitsgerät ist bereits neu. «Es ist schon eine Umstellung, nach so vielen Jahren auf den BMC-Velos nun ein andere Marke zu fahren. Das braucht seine Zeit.»

Küng stand während sechs Jahren bei BMC unter Vertrag. Er gewann Etappen in der Tour de Suisse und Tour de Romandie. Auf der Bahn war er Weltmeister in der Einzelverfolgung. In der kommenden Saison will er sich zunächst in den Frühlings-Klassikern Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix empfehlen. Sein neuer Teamchef Marc Madiot ist zweifacher Paris–Roubaix-Sieger.

Ein St. Galler für die Emirates

Das zweite starke Radsportteam aus dem Nahen Osten heisst UAE Emirates. Sitz der Mannschaft, die seit Anfang 2017 an der World Tour teilnimmt, ist Lugano. Die bekanntesten Rennfahrer in diesem Jahr waren der Italiener Fabio Aru, der Ire Daniel Martin, der Portugiese Rui Costa und der Norweger Alexander Kristoff.

Neu zur Mannschaft stösst auf die kommende Saison hin der St. Galler Tom Bohli, der wie Küng während sechs Saisons die Farben von BMC trug. Der 24-jährige Bohli belegte dieses Jahr im Prologzeitfahren zur Tour de Romandie den zweiten Platz. Er soll im Team Emirates in erster Linie den starken Sprinter Kristoff aus dem Wind halten.

Der aus Rieden stammende Bohli ist froh, seine Karriere als Radprofi auf höchstem Niveau fortsetzen zu können. Dennis hätte auch weiter für BMC fahren können. In Polen liess sich doch noch ein Teamsponsor auftreiben. In Bahrain ist freilich mehr zu verdienen.

Die wichtigsten Radtransfers

  • Rohan Dennis (AUS), Weltmeister im Zeitfahren: von BMC zu Bahrain-Merida.
  • Niki Terpstra (NED), Gewinner Flandern-Rundfahrt: von Quix-Step zu Direct Energie.
  • Tony Martin (GER), vierfacher Weltmeister im Zeitfahren: von Katusha zu Lotto NL-Jumbo.
  • Stefan Küng (SUI), Etappensieger Tour de Suisse: von BMC zu Groupama-FDJ.
  • Tejay van Garderen (USA), zweimal Gesamtfünfter Tour de France: BMC zu Education First.
  • Richie Porte (AUS), Gesamtsieger Tour de Suisse: von BMC zu Trek-Segafredo.
  • Caleb Ewan (AUS), Sprinter: Michelton-Scott zu Lotto-Soudal.
  • Tom Bohli (SUI), Prologspezialist: von BMC zu UAE Emirates.
  • Jolanda Neff (SUI), Mountainbike-Europameisterin und Weltcup-Gesamtsiegerin: von Kross zu Trek-Segafredo