Erlebnisbericht eines Fussballers aus dem Tessin – Patrick Rossini ärgert sich über Willkür bei den Corona-Massnahmen: «Das ist ein Skandal»

Seit Ende Januar spielt Patrick Rossini für den FC Chiasso. Die südlichste Ortschaft der Schweiz grenzt an die Region Lombardei, die am Wochenende von den italienischen Behörden zur Sperrzone erklärt wurde. Der 31-Jährige sagt, wie er die angespannte Situation als Mensch und als Fussballer erlebt.

Sebastian Wendel
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Der frühere FCA-Stürmer Patrick Rossini spielt seit Ende Januar für den FC Chiasso.

Der frühere FCA-Stürmer Patrick Rossini spielt seit Ende Januar für den FC Chiasso.

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Im Kanton Tessin wurde am 24. Februar der erste Corona-Infizierte in der Schweiz gemeldet. Mittlerweile ist ganz Italien Sperrzone. Wie erlebt Patrick Rossini die Situation? Im Interview schildert der Chiasso-Stürmer seine Gedanken. Er spricht über eine mögliche Wiederaufnahme der Schweizer Fussballmeisterschaft und sagt, was er als «Skandal» empfindet.

Sie husten und schniefen – sind Sie krank?

Seit drei Tagen bin ich schlapp und habe erhöhte Temperatur, es fühlt sich an wie eine normale Erkältung.

Haben Sie sich auf das Corona-Virus testen lassen?

Falls die Symptome schlimmer werden, müssten wir wohl über einen Test nachdenken. Mein Hausarzt meinte, ich soll vorerst zu Hause bleiben und ja nicht in seine Praxis kommen. Für mich ist das selbstverständlich, auch, dass ich momentan nicht ins Training gehe, auch wenn das mit ein bisschen Medizin ginge. Es geht um den Respekt vor den Mitmenschen, ich will niemanden anstecken.

Haben Sie Angst vor einer Corona-Infektion?

Um mich mache ich mir keine Sorgen, vielleicht habe ich Corona, vielleicht nicht: Ich bin jung, sportlich und gesund, also das totale Gegenteil von einem Risikopatienten. Sorgen mache ich mir vielmehr um gefährdete Mitmenschen, etwa um meine Mutter: Sie hatte vor einigen Jahren eine Nierentransplantation und muss Medikamente zur Unterstützung des Immunsystems nehmen. Für sie wäre eine Corona-Ansteckung gefährlich. Wir haben schon vor meiner Erkältung entschieden, dass sie momentan zu Hause bleibt und dass wir sie nicht besuchen.

Wie erleben Sie die angespannte Situation im Tessin?

Das Corona-Virus ist omnipräsent, in jedem Gespräch ist es Thema. Das Gesundheitssystem hier ist am Anschlag. Meine Schwester, eine ehemalige Krankenschwester, haben sie vor ein paar Tagen angerufen, ob sie notfallmässig im Spital aushelfen könne.

Hat Ihr Arbeitgeber, der FC Chiasso, wegen de Corona-Virus spezielle Verhaltensregeln aufgestellt?

Alle Spieler haben Desinfektionsmittel erhalten, zudem dürfen wir uns nicht mehr die Hand geben. Sonst ist alles wie immer - was auch sonst? Der nächste Schritt wäre, den Trainingsbetrieb einzustellen, denn Fussball ohne Körperkontakt ist unmöglich. Aber solange die Meisterschaft nicht abgebrochen wird, ist das logischerweise keine Option.

Beim FC Chiasso haben Sie einige Teamkollegen, die im grenznahen Italien wohnen. Dürfen diese Spieler weiterhin ins Training kommen, nachdem die Lombardei zur Sperrzone erklärt wurde?

Bislang ist das so. Die Behörden haben ja erlaubt, dass Italiener, die in der Schweiz arbeiten, weiterhin kommen dürfen.

Aus- und Einreise für die Freizeit nein, für die Arbeit ja – man kann das inkonsequent finden. Wie denken Sie darüber?

Ganz ehrlich: Für mich ist das ein riesiger Skandal! Nichts gegen die Teamkollegen aus Italien: Aber wenn die italienischen Behörden die Lombardei abriegeln, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, dann aber weiterhin Italiener in die Schweiz kommen dürfen, fehlt mir dafür jegliches Verständnis. In so einer Situation kann nicht jedes Land Regeln für sich aufstellen, es müssen doch Massnahmen getroffen werden, die ineinandergreifen. Ein anderes Beispiel: Am Wochenende waren hinter der Grenze in Como die Discos geschlossen, stattdessen sind die Italiener einfach nach Lugano gekommen und haben hier gefeiert.

Was schlagen Sie vor?

Ich bin kein Mediziner und zum Glück nicht in einer Position, um solche Entscheidungen zu treffen. Aber warum nicht das Leben in ganz Europa für zwei bis drei Wochen ruhen lassen? Nur noch die unverzichtbaren Bereiche wie Sicherheit oder Gesundheit aufrechterhalten. So würde sich der Kontakt zwischen fremden Menschen auf ein Minimum verringern und das könnte die Ausbreitung des Virus ausbremsen. Aber eben: Es müssten alle Länder mitmachen, ob das realistisch ist, bezweifle ich.

Sie plädieren also auch dafür, dass die Schweizer Fussballmeisterschaft noch länger pausieren soll?

Fussball ist wichtig, aber am Ende ist es halt doch nur Fussball. Eine Fussballpause macht niemanden krank. Das wichtigste ist doch, dass die Schweiz und alle anderen Länder das Virus in den Griff bekommen. Die Behörden sollten sich darauf konzentrieren können. Ich habe gehört, dass sich in Italien einige Spieler auch gegen Geisterspiele wehren. Einerseits aus gesundheitlichen Gründen, man kann sich auf dem Fussballplatz anstecken, nicht nur auf der Zuschauertribüne. Andererseits aus Respekt vor der Gesamtsituation. Ich sehe das ähnlich: Der einzelne Mensch sollte jetzt nicht mehr egoistisch denken, sondern mithelfen, die Ausbreitung zu stoppen.

Was glauben Sie: Wird die Saison in der Super und Challenge League fortgesetzt oder abgebrochen?

Die wahrscheinlichste Variante sind Geisterspiele. Aber ich schliesse einen Abbruch nicht mehr aus. Noch vor einer Woche habe ich die Corona-Hysterie nicht wirklich ernst genommen, mittlerweile beschäftigt mich das Thema sehr. Auch im Training: Jeden Tag zu trainieren ohne das Ziel, am Wochenende die bestmögliche Leistung im Spiel abzuliefern, fällt schwer.