Leichtathletik
Die Komfortzone verlassen: Selina Ummel vertritt den Aargau an der U23-Europameisterschaft

Selina Ummel vertritt den Aargau an der U23-Europameisterschaft. Die 19-Jährige aus Suhr schaffte die Qualifikation, indem sie die 1500 Meter unter 4:26 Minuten lief.

Rainer Sommerhalder
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Setzt voll auf den Leistungssport: Selina Ummel.

Setzt voll auf den Leistungssport: Selina Ummel.

btv-athletics.ch

Sie machte es wirklich spannend. Selina Ummels 1500-m-Lauf zur EM-Limite war ein Spiel mit den Hundertstelsekunden. 4:26 Minuten musste sie schaffen, 4:25,92 waren es am Ziel. Weil die Uhr beim Meeting in Frankreich weiterlief, überquerte die 19-Jährige aus Suhr die Ziellinie mit dem Gefühl, einmal mehr knapp gescheitert zu sein.

So wie beim ersten Anlauf für die Qualifikation zu den U23-Titelkämpfen in Polen kurz zuvor, als es ihr in Windisch um 62 Hundertstelsekunden nicht reichte. Oder bei ihren früheren Versuchen, sich für die U20-EM oder die Jugend-Olympiade zu qualifizieren. Stets scheiterte die Mittelstreckenläuferin vom BTV Aarau. Knapp zwar, aber das Ziel letztlich halt doch verfehlt.

Selina Ummel «Mein Ziel ist eine persönliche Bestleistung im Vorlauf.»

Selina Ummel «Mein Ziel ist eine persönliche Bestleistung im Vorlauf.»

RSO

Diesmal war alles anders. Glück? Zufall? «Nein», sagt ihr Trainer Stefan Fischer. «Sie hat das Potenzial für eine drei bis vier Sekunden schnellere Zeit.» Der Limitenlauf habe halt immer auch eine psychologische Komponente, welche bei Selina eher hemmend wirkte.

Fischer nennt die Gründe, wieso die 19-Jährige es nun erstmals an einen internationalen Grossanlass geschafft hat. «Sie hat die Komfortzone verlassen und den mentalen Schritt von der Freizeitsportlerin zur Spitzensportathletin gemacht – im Training, aber auch im Alltag.» Ein Leben für den Leistungssport habe stets mit Verzicht zu tun. Dafür müsse man bereit sein. Noch vor kurzem sei Selina Ummel in erster Linie Volksläuferin gewesen, nun sei sie ein echtes Leichtathletik-Talent mit Potenzial für mehr.

Wie dieses Mehr bei den Titelkämpfen in Polen aussehen soll, darüber sind sich Trainer und Athletin einig. «Mein Ziel ist eine persönliche Bestleistung im Vorlauf», sagt Selina Ummel. Auftrieb haben ihr in den letzten Wochen nicht nur die geknackte Limite, sondern auch die erfolgreiche Abschlussprüfung als Pharma-Assistentin gegeben. Mit der Note 4,9 schloss sie den schulischen Teil ihrer Lehre in der Apotheke Göldlin in Aarau ab.

Der verständnisvolle Chef

Weil sie eine sogenannte Sportlerlehre absolviert, in welcher die Lehrzeit von drei auf vier Jahre verteilt wird, arbeitet sie in den kommenden Monaten weiterhin mit einem reduzierten Pensum bei ihrem Lehrbetrieb. «Mein Chef hat immer sehr grosses Verständnis für den Spitzensport gezeigt. Auch deshalb konnte ich mich sportlich so entwickeln», sagt die Suhrerin, die aus einer laufsportbegeisterten Familie stammt.

Ob es bei der Premiere gleich für die Finalqualifikation über 1500 m reicht, dafür gibt es keine Garantien. Ummel wäre ein schnelles, gleichmässiges Rennen lieber als ein Bummelzug mit dem Fokus auf eine schnelle letzte Runde. Beim Endspurt hat sie im Vergleich zur Konkurrenz nämlich noch beträchtliche Mängel. «Ich kann mich nicht auf die letzten 100 Meter verlassen», schätzt sie ihre taktischen Möglichkeiten realistisch ein.

Auch deshalb wechselte sie von den 800 Metern auf die längere Distanz. Trainer Fischer sieht seinen Schützling in ferner Zukunft ohnehin eher auf den längeren Strecken, über 5 und 10 Kilometer. Ummel weise in ihrem Alter eine bessere Bestzeit auf als etwa Fabienne Schlumpf, die derzeit beste Schweizer Bahnläuferin auf längeren Distanzen. «Selinas Zukunft hat gerade begonnen», sagt er mit Blick auf ihren ersten internationalen Meisterschaftslauf diesen Freitag.

Und sollte es diesmal mit dem Final nicht klappen, so hat die junge Aargauerin in zwei Jahren nochmals eine Chance auf U23-Stufe. Dass sie auch dannzumal noch voll auf den Sport setzt, daran lässt Selina Ummel keinen Zweifel. «Die Leichtathletik ist mein grosses Hobby. Für anderes bleibt dabei kaum Zeit. Aber ich bin zufrieden so, wie es ist.» Morgen Freitag vielleicht noch ein wenig mehr.

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