42,195 KM: Wo der Marathon Geschichten schreibt

Aus Schweizer Sicht wird am Sonntag in Zürich das Marathonjahr lanciert. Doch die grossen Geschichten über die 42195 Meter werden auch 2017 andernorts geschrieben. In London oder Berlin – und vielleicht in Monza, wo die Zwei-Stunden-Marke fallen soll.

Ralf Streule
Drucken
Teilen
Am Sonntag wird nicht nur in Zürich, sondern auch in Paris über 42,195 Kilometer gerannt. Der Marathon mit Start auf den Champs-Elysées ist der teilnehmerreichste Europas. (Bild: Remy de la Mauviniere/AP)

Am Sonntag wird nicht nur in Zürich, sondern auch in Paris über 42,195 Kilometer gerannt. Der Marathon mit Start auf den Champs-Elysées ist der teilnehmerreichste Europas. (Bild: Remy de la Mauviniere/AP)

Ralf Streule

Zürich hat einen flachen und schnellen Marathon. Der Jungfrau-Marathon ist einer der spektakulärsten, was die Kulisse angeht. Thüringen bietet einen unterirdischen Lauf in den Stollen eines stillgelegten Bergwerks, das norwegische Tromsø kennt einen Sommernachts-Marathon bei Sonnenschein um Mitternacht. Die Wettkämpfe über die legendäre Strecke von 42,195 Kilometern sind so vielfältig und angesagt wie kaum je zuvor. Wo die wirklichen Marathon-Superlativen geboten werden, zeigt folgende Zusammenstellung.

Marathon de Paris– der Unterschätzte

Gleichzeitig mit dem Marathon in Zürich findet übermorgen auch der Pariser Marathon statt. Weshalb es der Wettkampf viel weniger oft in die Schlagzeilen schafft als diejenigen in Berlin oder London, wird nicht auf den ersten Blick klar. Denn Paris ist der Marathon mit der höchsten Teilnehmerzahl Europas. 40000 bestreiten Jahr für Jahr die Strecke zwischen Champs-Elysées und Eiffelturm. In Berlin und London sind es einige Tausend weniger. Dies hat aber damit zu tun, dass dort die Teilnehmerzahlen auf tieferem Niveau beschränkt sind. In London hätten vor zwei Jahren 200000 Läufer mitgemacht, hätte es denn Platz gehabt. Spitzenläufer machen in Paris etwas weniger auf sich aufmerksam, da der Lauf coupierter ist als andere Grossstadtläufe. Paris gehört trotz allem nicht zu den «big six» der World Marathon Majors: Das sind Chicago, New York, Tokio, Berlin, London und Boston.

London Marathon – der Schnellste

Rechnet man die schnellste Männer- und Frauenzeit zusammen, ist der London Marathon der schnellste der Welt – so wird er offiziell auch geführt. Dies ist aber vor allem dem bis heute gültigen Weltrekord von 2:15:25 der Britin Paula Radcliffe aus dem Jahr 2003 zu verdanken. Männer hingegen erzielten seit 15 Jahren keinen Weltrekord mehr an der Themse. Dies könnte sich in diesem Jahr ändern: Äthiopiens Kenenisa Bekele will den Weltrekord des Kenianers Dennis Kimetto angreifen. Probiert hat er es bereits auf dem flachen Dubaimarathon im Januar – musste aber schon kurz nach dem Start nach einem Sturz aufgeben. Das Rennen in London findet in zwei Wochen statt.

Berlin-Marathon – der Weltrekordlauf

Dennis Kimetto erzielte 2014 seinen Weltrekord von 2:02:57 in Berlin. Und auch in den zehn Jahren zuvor wurde einzig die deutsche Hauptstadt Zeuge von Weltrekorden – sechs an der Zahl. Zwar wäre der Lauf in Boston prädestinierter für Rekorde. Das Ziel liegt dort aber um 140 Meter tiefer als der Start, weshalb die Zeit nicht offiziell gewertet wird. Das Gefälle darf höchstens 42 Meter betragen. Berlin, wo Start und Ziel auf gleicher Höhe liegen, hat diesbezüglich eigentlich Nachteile gegenüber London, wo die Läufer 30 Meter tiefer ankommen, als sie gestartet sind. Gelaufen wird in Berlin im September.

Hamburg-Marathon – der Zuschauerlauf

Natürlich: Der New York Marathon mit der Rekord-Läuferzahl von 50 000 ist der grösste der Welt. Immer Anfang November findet er statt und zieht Hunderttausende Zuschauer an. Ob es wirklich wie von den Organisatoren erklärt bis zu zwei Millionen Zuschauer sind, die dem Rennen beiwohnen, wird aber bezweifelt. Schliesslich wären das hochgerechnet 50 Zuschauer pro Rennmeter. Den Rekord um den Marathon mit den meisten Zuschauern macht ihm der Hamburg-Marathon streitig. Zumindest in Europa soll er der zuschauerreichste sein, mit einer Million Personen am Streckenrand. Der Lauf findet in zwei Wochen statt.

Monza – Experiment und PR-Veranstaltung

Überraschend geht der Blick der Marathon-Interessierten in diesem Jahr auch nach Italien. Auf der Formel-1-Strecke in Monza will der Sportartikelhersteller Nike drei Sportler zu einer Zeit unter zwei Stunden antreiben. Auf einer 2,4-Kilometer-Rundstrecke werden die Tempomacher stetig ausgewechselt, im Windschatten sollen der Kenianer Eliud Kipchoge, der Äthiopier Lelisa Desisa und der Eritreer Zersenay Tadese die Zwei-Stunden-Marke unterbieten. Natürlich, so wird es der Sportartikelhersteller erklären, auch dank des neuen Schuhmodells, das dank Karbonplatte im Zehenbereich besonderen Schub verleihe. Der Leichtathletik-Weltverband wird den allfälligen Rekord aufgrund der besonderen Bedingungen (Tempomacher) nicht werten, zeigt sich aber interessiert an den Ergebnissen des Experiments. 177 Sekunden schneller als Kimetto müssten die drei laufen.