Olympische Ambitionen
1966 starb der Traum von Sommerspielen in der Schweiz

Sechsmal stieg Lausanne ins Rennen zur Ausrichtung von Olympischen Sommerspielen, vor 55 Jahren versuchte es als letzte Stadt Zürich.

Rainer Sommerhalder
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Weil das «Stade Olympique de la Pontaise» nicht rechtzeitig fertig wurde, zog die Stadt Lausanne ihre Olympiakandidatur für die Sommerspiele 1952 zurück. Eröffnung feierte die Pontaise dann anlässlich der Fussball-WM 1954.

Weil das «Stade Olympique de la Pontaise» nicht rechtzeitig fertig wurde, zog die Stadt Lausanne ihre Olympiakandidatur für die Sommerspiele 1952 zurück. Eröffnung feierte die Pontaise dann anlässlich der Fussball-WM 1954.

Bild: Keystone

Mehr als 25 Milliarden sollen die Sommerspiele in der japanischen Hauptstadt Tokio nach neusten Schätzungen kosten. Solche Zahlen übersteigen die Möglichkeiten einer Schweizer Kandidatur seit langem. Das war nicht immer so. Vor allem Lausanne, wo das Internationale Olympische Komitee seit dem Zuzug aus Paris am 10. April 1915 seinen Sitz hat, hegte bis vor 50 Jahren ernsthafte und andauernde Ambitionen zur Durchführung von Olympischen Sommerspielen. Bis es am Schluss vom Nationalen Olympischen Komitee selbst eine Abfuhr erhielt.

Insgesamt gab es in der Schweiz bislang 47 Kandidatur-Projekte für Olympische Spiele, davon entfiel die grosse Mehrzahl – deren 40 – auf den Winter. Den Zuschlag erhielt die Schweiz zweimal. 1928 und 1948 fanden Olympische Winterspiele in St.Moritz statt.

Die Stadt Lausanne entwickelte früh auch Begeisterung für die Idee von Sommerspielen. Erstmals sprach man bereits 1910 davon. Insgesamt startet die Stadt sechsmal eine Bewerbung. Nach 1948 gab es bei insgesamt neun offiziellen Schweizer Kandidaturen für den Megaevent nur noch deren zwei für die ungleich grösseren Sommerspiele.

Der frühere Schweizer IOC-Generaldirektor Urs Lacotte hat die Schweizer Kandidaturen in einem geschichtlichen Werk im Detail beleuchtet. Sein Buch listet alle Schweizer Kandidaturversuche minutiös auf: 1928 kommt es zur ersten offiziellen Bewerbung für Olympische Sommerspiele. Der damalige IOC-Präsident Baron Pierre de Coubertin trifft sich 1924 mit dem Lausanner Stadtpräsidenten Paul Rosset zu Gesprächen. Es geht um eine allfällige Übernahme der Spiele, weil der offizielle Ausrichter Amsterdam organisatorische Schwierigkeiten hat. Letztlich finden die Sommerspiele 1928 aber dennoch in Holland statt.

Wegen der Skilehrer bockt das IOC gegenüber der Schweiz

Auch der Ausrichter von 1936 wird vom IOC bereits im Jahr 1924 bestimmt. Baron Coubertin engagiert sich stark für eine Lausanner Kandidatur. Sieben Städte konkurrenzieren um die Spiele, darunter der spätere Ausrichter Berlin. 1929 zieht Lausanne seine Kandidatur aufgrund der Zweifel auf Erfolg wegen der starken Gegnerschaft zurück.

Auch für 1940 hegt Lausanne Ambitionen, konzentriert sich dann aber auf Rat von Baron Coubertin auf die Austragung von 1944. In diesem Jahr feiert das Internationale Olympische Komitee sein 50-jähriges Bestehen. Das IOC plant die Feierlichkeiten in Lausanne und möchte sie gerne mit der Durchführung der Olympischen Sommerspielen verbinden. 1935 reicht Lausanne die offizielle Bewerbung ein. Pierre de Coubertin stirbt 1937, äussert kurz vor seinem Tod nochmals den persönlichen Wunsch nach Olympischen Spielen in Lausanne. Auch das neue Schweizer IOC-Mitglied Henri Guisan (ab 1937) unterstützt die Kandidatur zusammen mit dem Bundesrat.

Doch der geplante Bau eines Olympiastadions stösst bei der Bevölkerung auf Widerstand. 1939 will Lausanne die Kandidatur einreichen. Das IOC nimmt aber eine ablehnende Haltung ein. Der Grund ist ein Streit zwischen dem Nationalen Olympischen Komitee (SOC) der Schweiz und dem IOC über die erstmalige Zulassung von alpinen Ski-Wettkämpfen im Programm von allfälligen Winterspielen 1940 in St.Moritz. Dort sollen Skilehrer teilnehmen, doch diese gelten beim IOC als Profis und sind am reinen Amateuranlass Olympia nicht willkommen. Gegen den Widerstand der Olympischen Organisation haben die Schweizer Kandidaturen keine Chance. London erhält die Sommerspiele 1944 zugesprochen, die Winterspiele 1940 werden St.Moritz wieder entzogen. Letztlich fallen aber beide Anlässe dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Lausanne lässt nicht locker und will erneut die Sommerspiele 1952 in die Stadt holen. Einen Monat vor der Vergabe durch das IOC im Jahr 1947 zieht Lausanne seine Kandidatur jedoch zurück. Grund sind Verzögerungen beim Bau des Olympiastadions auf der Pontaise, das schliesslich erst für die Fussball-WM 1954 fertiggestellt wird.

Danach macht Lausanne einen neuen Anlauf für die Sommerspiele 1960. Wieder ist Stadtpräsident Pierre Graber, der spätere Bundesrat, federführend. Am 15. Juli 1952 reicht die Stadt beim IOC offiziell die Bewerbung ein. Ein wichtiges Argument ist die damals hochmoderne Sport-Infrastruktur. Neben dem Stade Olympique mit einem Fassungsvermögen von 60000 Zuschauern gilt das Seebad Bellerive mit einem Olympia-Schwimmbecken als das grösste und schönste in ganz Europa. Zum ersten Mal wird auch ein Olympisches Dorf im Chaletstil geplant. Dieses will man in Chalet-à-Gobet errichten.

Lausanne scheitert in der Stichwahl an Rom

1954 wird Pierre Graber offiziell OK-Präsident der Kandidatur. Bevölkerung, Politik und Presse unterstützen das Projekt fast uneingeschränkt. Nicht glücklich ist man in der Romandie allerdings, dass St.Moritz gleichzeitig für die Winterspiele 1960 kandidiert. Das Schweizer Olympische Komitee will aber beide Kandidaturen aufrechterhalten.

Doch der Poker geht letztlich nicht auf. Im Juni 1955 kommt es in Paris zur Wahl. Lausanne schafft es gegen insgesamt sechs Mitbewerber bis in die Stichwahl, unterliegt dort jedoch mit 24 zu 35 Stimmen gegen Rom. Auch betreffend Winterspiele verliert die Schweiz die Abstimmung. Diese gehen an das Retortenskigebiet Squaw Valley in Kalifornien.

Lausanne nimmt für das Jahr 1968 zum letzten Mal einen Anlauf für Sommerspiele. Wieder hat ein späterer Bundesrat die Zügel in der Hand: Stadtpräsident Georges-André Chevallaz. Wegen der Landesausstellung 1964 in Lausanne wollen sich Bund und Kanton Waadt diesmal aber nicht am finanziellen Risiko beteiligen. Im November muss die Stadt deshalb ihre beim Nationalen Olympischen Komitee eingereichte Bewerbung zurückziehen.

Die allerletzten Schweizer Ambitionen zur Ausrichtung Olympischer Sommerspiele kommen aus Zürich. Im April 1966 zeigt ein Architekt mit Namen Werner Müller beim SOC Interesse an einer Kandidatur von privaten Kreisen für die Sommerspiele 1976. Der damalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees erklärt jedoch an einer Sitzung der Exekutive im Juni 1966, dass die Durchführung des Megaanlases auch die Möglichkeiten der grössten Schweizer Stadt übersteige. Damit setzt er dem Traum von Olympischen Sommerspielen in der Schweiz ein für alle Mal ein Ende.

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