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Zuerst eine Siedlung, dann die Stadt

In St. Gallen entsteht eine Wohnsiedlung, die den Energieverbrauch der Bewohner steuert. Weitere Projekte von der Art der «Sturzenegg» sollen folgen. Die Wohnbaugenossenschaft St. Gallen nimmt als Bauherrin eine Vorreiterrolle ein und kooperiert dafür mit den Stadtwerken.
Andreas Lorenz-Meyer
Die Grossbaustelle im Mai 2016. (Bild: www.zebra.ch)

Die Grossbaustelle im Mai 2016. (Bild: www.zebra.ch)

Songdo bedeutet Insel der Pinien. Den lyrischen Namen trägt eine Planstadt am Gelben Meer, bei der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Sie wird, wenn sie fertig ist, ein hochmodernes Finanz- und Wirtschaftszentrum sein, ausgestattet mit Universitäten, Schulen, Krankenhäusern. Und einer ausgefeilten Energieversorgung. Ganz Songdo ist nämlich vernetzt. Überall gibt es Sensoren, die Daten sammeln und so den Energieverbrauch senken. Hält sich zum Beispiel gerade niemand in einem Raum auf, wird der auch nicht beheizt. Das soll Einsparungen von über 30 Prozent bringen im Vergleich zu konventionellen Städten. Songdo, ein Vorbild in Sachen Energieeffizienz.

Intelligent gesteuert
Was die Südkoreaner im grossen durchführen, plant St. Gallen vorerst im kleinen. Am Westrand der Stadt errichtet die Wohnbaugenossenschaft St. Gallen eine Siedlung mit 69 Wohnungen, verteilt auf 3 Mehrfamilienhäuser.

Die Grossbaustelle im Mai 2016. (Bild: www.zebra.ch)

Die Grossbaustelle im Mai 2016. (Bild: www.zebra.ch)

Das Besondere daran: die dezentrale Energieproduktion und – speicherung und die intelligente Steuerung der Energieproduktion. Dafür sind die St. Galler Stadtwerke verantwortlich, die sich das Konzept zusammen mit der Genossenschaft ausgedacht haben. Die Basis der Energieversorgung bilden zwei Blockheizkraftwerke im. Sie liefern die Wärme für Heizung und Warmwasser. Zudem produzieren sie Strom, als Ergänzung zu den drei Photovoltaikanlagen auf den Dächern. Blockheizkraftwerke lassen sich flexibel ansteuern. Steht in der Siedlung nicht genug Solarstrom zur Verfügung, springen sie ein. Hinzukommt später, nach dem ersten Betriebsjahr, ein zentraler Batteriespeicher. Der wird mit überschüssigem Strom geladen. Und dann wieder entladen, wenn die Bewohner die Elektrizität benötigen.

Auch die Wettervorhersage wird ins Energiesystem miteinbezogen. Man prognostiziert damit die Erträge der Solaranlagen und erstellt die Fahrpläne der Blockheizkraftwerke. An einem sonnigen Tag etwa verbrauchen die Bewohner die elektrische Energie zuerst selber. Dann wird damit der Batteriespeicher geladen und die Produktion der Blockheizkraftwerke auf den Abend und die Nacht verschoben. Die Mieter können so bei idealen Verhältnissen zuerst den vor Ort produzierten Strom beziehen. Marco Huwiler von den Stadtwerken: «Die technischen Komponenten unseres Systems sind, wenn man sie einzeln betrachtet, nicht neu. Aber in ihrer Kombination doch einzigartig.»

Unkompliziert für Bewohner
Wer in der Siedlung wohnt, muss sich mit den Details der Energieerzeugung nicht weiter auskennen. Auf komplizierte Technik hat man bewusst verzichtet. Es geht darum, die Nutzung der hauseigenen Energiequellen und die Energieeffizienz zu steigern, ohne dass irgendwelche Komforteinbussen hinzunehmen sind. Eine spezielle App, die «Sturzen-App», hilft den Mietern, den Energieverbrauch in der Wohnung zu überblicken. Man kann darüber auch den Verbrauch der Gesamtüberbauung abrufen. Die App dient zudem als digitaler Marktplatz. Zum Beispiel lassen sich hier Gegenstände teilen: Wer eine Bohrmaschine braucht, schaut per App nach, welcher Nachbar eine besitzt, und leiht sie sich von diesem aus. Ausserdem sind Informationen zur Wohnung, etwa Bedienungsanleitungen, verfügbar. Der Mieter kann über die App auch den Hausabwart oder die Verwaltung kontaktieren.

Es geht auch ohne eine App
In den Wohnungen wird ebenfalls Energie gespart. Die Duschwannen haben einen integrierten Wärmetauscher. Das senkt die Nebenkosten und damit die Bruttomiete. Das Ablesen der Zählerdaten für Wärme-, Strom- und Wasserverbrauch läuft automatisch ab. Doch wie gehen die Stadtwerke mit dem Datenschutz um? Bei dem Energiekonzept fallen viele persönliche Daten an. «Das Thema ist uns sehr wichtig», betont Huwiler. Als Energiedienstleister passe man die Praxis laufend den geltenden nationalen Datenschutzvorgaben an. Selbstverständlich kann auch jeder Bewohner frei wählen, ob er die Sturzen-App überhaupt verwenden möchte.

E-Mobile dienen als Speicher
Die Gebäude werden dem ökologisch anspruchsvollen Minergie-A-Standard entsprechen. Ab Herbst 2017 ziehen die Mieter ein. Von den 69 Wohnungen sind bereits 40 reserviert. «Wir rechnen mit Vollvermietung bei Erstbezug», so Jaques-Michel Conrad von der Wohnbaugenossenschaft. Das Projekt sei im Vergleich zu
anderen dieser Grösse nicht wesentlich teurer. Die Contracting-Lösung mit den Stadtwerken im Bereich Energie könne mit jeder anderen Lösung konkurrieren. Bedenken wegen des Datenschutzes habe niemand geäussert. Vor dem Erstbezug informiert man die Mieterschaft aber noch einmal über die Datenspeicherung. Zum Konzept gehört auch, die E-Mobilität der Bewohner zu fördern. Insgesamt sind sechs Stellplätze mit Ladestationen für Autos mit Elektroantrieb vorgesehen, drei Aussenstellplätze, drei Garagenstellplätze. Weiter ist eine Zusammenarbeit mit dem Carsharing-Anbieter Mobility geplant. Dessen Elektrofahrzeuge, zwei an der Zahl, dienen bei Nichtgebrauch als Energiespeicher. Das Projekt bringt allen Beteiligten nur Vorteile, findet Huwiler. Die Wohnbaugenossenschaft als Bauherrin kann neue Mietergruppen ansprechen und neue Konzepte testen. Die Mieter wohnen in einem modernen Gebäude mit ökologischem Mehrwert. Und die Stadtwerke sammeln Erfahrungen mit vernetzter, dezentraler Energieproduktion sowie -speicherung und lernen beim intelligenten Steuern und Regeln eines Energiesystems dazu. Huwiler: «Solche Systeme sieht das Energiekonzept 2050 der Stadt St. Gallen für die Zukunft ja vermehrt vor.»

Optimierung Energiesystem
Bei dem Energiekonzept geht es um den ökologischen Umbau der Energieversorgung. Und da spielt Photovoltaik eine wichtige Rolle. «Blockheizkraftwerke wie die in der Überbauung Sturzenegg ergänzen den Ausbau von Solarstrom in idealer Weise», sagt Huwiler. «Sie können jederzeit als Stromerzeuger einspringen, vor allem im Winter, wenn die Solarstromproduktion viel geringer als im Sommer ist.» Momentan basieren Blockheizkraftwerke in St. Gallen auf Erdgas, also einem fossilen Energieträger. Man plant aber, den Anteil von Biogas und synthetischem Gas weiter zu erhöhen. So wird das gesammelte Grüngut aus der Stadt zu Biogas aufbereitet und in das öffentliche Erdgasnetz eingespeist. Das Projekt Sturzenegg soll den Grundstein für die Optimierung des gesamten städtischen Energiesystems bilden. Huwiler: «Als Testumfeld im kleinen gehen wir später über zur Umsetzung im grossen.» Weitere Siedlungen nach dem Modell Sturzenegg zu konzipieren und zu steuern, ist also geplant.»

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