Unabhängig bleiben – trotz MS

Vor drei Jahren wurde bei Romy Amstutz Multiple Sklerose diagnostiziert. Dennoch bleibt sie mobil: Vor einigen Monaten erhielt die IV-Rentnerin ein neues Auto. Die Weihnachtsaktion «OhO» beteiligt sich an den Kosten.

Janique Weder
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Romy Amstutz bleibt dank ihrem neuen Auto und der eingebauten Hebevorrichtung weiterhin mobil. (Bild: Coralie Wenger)

Romy Amstutz bleibt dank ihrem neuen Auto und der eingebauten Hebevorrichtung weiterhin mobil. (Bild: Coralie Wenger)

ALTENRHEIN. Erste Symptome treten schon in der Jugend auf: Immer wieder stürzt Romy Amstutz, ist in zahlreiche Unfälle verwickelt. Gedanken habe sie sich deswegen keine gemacht. Ein «Schussel» sei sie halt gewesen, jemand, der «besser aufpassen muss, wo er hintritt».

Wegen MS Neuanfang gewagt

Diese «Schusseleien» gehen so weit, dass die Ärzte Romy Amstutz wegen der Fehldiagnose Erschöpfungsdepression für ein halbes Jahr in eine psychiatrische Klinik einweisen. Doch auch dort häufen sich die Stürze. Als ihr die Ärzte im Jahr 2009 mitteilen, dass sie Multiple Sklerose habe, habe sie vor allem eines gespürt: Erleichterung. «Endlich wusste ich, was all die Stürze und Unfälle bedeuteten», sagt die heute 60-Jährige.

Die Diagnose hat aber auch ihre «niederschmetternden Seiten»: Die gebürtige Zürcherin muss ihre drei Hunde weggeben und sich von ihrem Malatelier in Affoltern am Albis verabschieden. Diese Veränderungen hätten sie schwer getroffen, sagt Amstutz nachdenklich.

2009 wagt die dreifache Mutter einen Neuanfang. Sie zieht nach Altenrhein, besitzt das erste Mal seit Jahrzehnten wieder ein eigenes Schlafzimmer. Für die Alleinerziehende sei das Geld immer knapp gewesen, weshalb sie jahrelang im Wohnzimmer geschlafen habe.

Gehen fällt immer schwerer

Romy Amstutz lässt sich nicht leicht unterkriegen, auch nicht durch ihre Krankheit. «Meine Seele ist stark, alles andere ist nur die Hülle», sagt sie.

Trotz dieses Optimismus, MS ist eine heimtückische Krankheit. Die Betroffenen wissen nicht, wann die Schübe auftreten und wie rasch die Krankheit fortschreitet. Drei Jahre nach der Diagnose kann Romy Amstutz nur noch mit Hilfe stehen, Gehen bereitet ihr grösste Mühe. Während des Gesprächs schliesst sie die Vorhänge, da ihr das grelle Licht nicht bekommt. Nebst solchen Sehstörungen machen Amstutz auch Gelenkschmerzen, ein Kribbeln in den Extremitäten und «eine plötzliche, wie angeworfene Müdigkeit» zu schaffen.

«Ein Auto ist Lebensqualität»

Solange es noch geht, möchte Romy Amstutz unabhängig bleiben. Ein eigenes Auto bedeute ihr «unglaublich viel». Damit könne sie selber zur Therapie fahren oder ihre Aufgaben als Präsidentin der MS-Regionalgruppe Bodensee-Rheintal wahrnehmen.

Da Amstutz immer stärker auf ihren Rollstuhl angewiesen ist, braucht ihr Auto eine elektronische Hebevorrichtung. Die zwölf Kilo des Rollstuhls kann sie nicht selber heben. Ihr altes Auto, ein zwölfjähriger Subaru, hatte diese Vorrichtung nicht. Doch ein Umbau lohnte sich nicht mehr. Die Reparaturkosten wären ins «Unermessliche» gestiegen. Für ein neues Auto kommt die IV aber nicht auf. Selber leisten konnte sie sich das Auto auch nicht, denn Amstutz bezieht eine bescheidene IV-Rente mit Ergänzungsleistungen. Sie habe sich eigentlich schon damit abgefunden, nicht mehr fahren zu können. Umso dankbarer sei sie gewesen, als sich eine Sozialarbeiterin der Pro Infirmis St. Gallen-Appenzell für sie eingesetzt habe.

Mit Erfolg: Im August erhielt Amstutz ein neues, ihren Bedürfnissen angepasstes Auto. Dazu gehören elektronische Türen und die Hebevorrichtung für den Rollstuhl. OhO beteiligt sich im Rahmen der Spendenaktion mit einem Betrag von 3000 Franken.

Immer sozial engagiert

Romy Amstutz hat vor ihrer Erkrankung in einem Behindertenwohnheim gearbeitet und einmal die Woche den Mittagstisch im Zürcher Mütterzentrum organisiert. Auch in Zukunft möchte sie sich engagieren, am liebsten für einen anonymen Treff junger MS-Patienten. «Die jüngeren Betroffenen haben am meisten Angst vor der Krankheit und ihren Folgen.» Angst vor der Zukunft hat auch Romy Amstutz. Sie versucht darum, «im Hier und Jetzt zu leben».

Bild: JANIQUE WEDER

Bild: JANIQUE WEDER