Konstanz: Die beste Stadt, die es je gab

Zwar kann es sich Konstanz leisten, den Klimanotstand auszurufen. Aber die Stadt hat auch Probleme: knapper Wohnraum, boomender Tourismus und zuletzt nachlassender Einkaufstourismus.

Benjamin Brumm
Drucken
Teilen
Der Ausbau der B 33 soll Verkehrsprobleme lösen. (Bild: Lukas Ondreka)
4 Bilder
Familien und Studenten benötigen Wohnraum. Und zwar dringend. (Bild: PD)
Besonders Samstags: Einkaufstouristen verstopfen die Strassen. (Bild: Oliver Hanser)
Veranstaltungszentrum Bodenseeforum. (Bild: Jörg-Peter Rau)

Der Ausbau der B 33 soll Verkehrsprobleme lösen. (Bild: Lukas Ondreka)

Den Konstanzern geht es so gut. Sie können es sich sogar leisten, als erste Stadt in Deutschland den Klimanotstand auszurufen. Das ist eine Lesart – nach der Entscheidung des Gemeinderats. Anfang Mai verabschiedete er eine Resolution, künftig alle politischen Handlungen auf das Wohl des Klimas ausrichten zu wollen. Konstanz folgte damit einer Forderung der Friday-for-Future-Bewegung und dem Vorbild – unter anderen – der Stadt Basel.

Mitunter wird verächtlich auf diesen Schritt reagiert. Das Ausrufen des Klimanotstands sei nichts anderes als öffentlichkeitswirksames Geklingel, das am Ende keine konkreten Handlungen nach sich ziehen werde.

Grün wirkt jedoch. Auch in Konstanz, dessen Oberbürgermeister Uli Burchardt zwar ein konservatives CDU-Parteibuch besitzt, das aber mindestens grüne Flecken aufweist. Tatsächlich ist Konstanz und sind seine Bürger – Traumlage hin, gute gesamtwirtschaftliche Situation her – nicht frei von Problemen.

Die Suche nach einer leistbaren Wohnung

Eine junge Konstanzer Familie zieht um, der Nachwuchs macht eine grössere Wohnung erforderlich. Er ist Handwerker, sie arbeitet im öffentlichen Dienst. Die Suche beginnt mit Bedenken, aber nicht ohne Hoffnung. Es wird sich schon etwas finden, so schwer kann das nicht sein.

Ist es doch und die einst hoch gesteckte Messlatte wandert bald nach unten. Anfangs lautet sie: Vier Zimmer, 90 Quadratmeter und mit zwei Gehältern schmerzfrei bezahlbar. Aus den vier Räumen werden drei («Das Baby kann auch im Arbeitszimmer schlafen»); aus 90 Quadratmetern werden 75 («Dann müssen wir weniger putzen»); und letztlich heisst es nicht mehr: Wir suchen eine bezahlbare, sondern schlicht irgendeine Wohnung.

Das ist ein fiktives Beispiel. Und es gibt auch die Glücklichen, die nicht nur schnell eine Wohnung finden, sondern dies auch zu einer für sie vertretbaren Miete. Aber das obige Negativbeispiel empfinden viele Konstanzer inzwischen als Normalfall, der sie zum Wegzug aus der Stadt verleitet.

250 neue Wohnungen in einem Jahr

Die Stadt hat 2014 begonnen, Fehler aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Mietspiegel wurde entwickelt; leerstehende Wohnungen können gemeldet werden; und ein Zweckentfremdungsverbot untersagt, das dringend benötigter Wohnraum für Feriendomizile freigehalten wird. Gleichzeitig entstehen durch ein städtisches Handlungsprogramm im gesamten Stadtgebiet neue Wohnungen, 2017 waren es knapp 250.

Das Problem: Sie sind ein Tropfen auf dem heissen Stein und decken die Nachfrage in der Stadt mit etwa 16000 Studierenden nicht. Grossprojekte wie die Umwandlung eines früheren Betriebsgeländes zu einem Wohnviertel oder der Bau eines komplett neuen Stadtteils mit Platz für deutlich mehr als 5000 Personen sind zwar auf den Weg gebracht. Bis durch diese Projekte der Druck aus dem angespannten Wohnungsmarkt entweicht, werden aber noch etliche Jahre ins Land gehen – und viele Familien aus Konstanz wegziehen.

Die Heimatstadt entfremdet sich der Ureinwohner

Das ist nicht mehr unser Konstanz, zu teuer und zu voll ist es geworden. So lautet die Kritik, die Oberbürgermeister B Uli Burchardt teils entgegenschlägt, wenn er sagt:

«Konstanz 2018 ist das beste Konstanz, das es je gab.»

Tatsächlich steckt in Burchardts Einschätzung mehr als die Vorbereitung auf den Wahlkampf – 2020 will er als Oberbürgermeister wiedergewählt werden.

Das Stadtbild hat sich in den vergangenen Jahren stark zum Positiven entwickelt. So geniessen dort wo vor einiger Zeit Industriebrachen vor sich hin gammelten inzwischen etliche Konstanzer ihre Freizeit; und bald soll der Platz vor dem Bahnhof zum autofreien Boulevard umgestaltet werden.

Gästezahl und Touristenpreise steigen

Doch die Schönheit – der direkte Seezugang kommt oben drauf – hat ihren Preis. Und der ist vielen Urkonstanzern deutlich zu hoch. Mit jedem neuen Hotel verstärkt sich ihr Eindruck, ihre Heimatstadt entfremde sich von ihnen. Schon jetzt gibt es Restaurants, die ihre Tische abends doppelt belegen, von 18 bis 20 Uhr und ab 20 Uhr, um möglichst viele Gäste durchzuschleusen. Schon jetzt zahlen auch Konstanzer Touristenpreise. Das nun an der Seestrasse, einer der schönsten Gegenden der Stadt, auch noch ein Luxus-Gesundheitshotel entstehen soll – gebaut ausgerechnet von einem Schweizer Investor – schlägt aus ihrer Sicht dem Fass den Boden aus.

Frei von Sorgen ist Konstanz also nicht. Zumal zur Wohnungsproblematik und der Tendenz zum Übertourismus noch die bislang nichtgelöste Regelung der Verkehrsprobleme – überfüllte Strassen am Wochenende sind keine Seltenheit – kommt. Ausserdem der sorgenvolle Blick auf den Einzelhandel. Von dessen seit der Ankoppelung des Frankens vom Euro stark gestiegen Umsätzen profitiert die Stadt über Gewerbesteuern. Zuletzt zeichnete sich aber ein Rückgang der Schweizer Kunden ab, mit dem wachsenden Online-Handel eine echte Bedrohung für die Händler – und damit auch für die wirtschaftliche Stärke von Konstanz.