Das Konstanzer Einkaufszentrum Lago: Früher ein Ort käuflicher Liebe und künstlicher Süsse

Das Shoppingcenter in Konstanz ist ein beliebter Einkaufsort. Doch das war nicht immer so: Hier tummelten sich einst vor allem Kriminelle und Sextouristen.

Janine Bollhalder
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Die Brücke des Lago mit seiner charakteristischen Welle. (Bild: Andrea Stalder)

Die Brücke des Lago mit seiner charakteristischen Welle. (Bild: Andrea Stalder)

«Früher sind Sextouristen nach Konstanz gekommen, keine Einkaufstouristen», sagt Reinhart Böhler. Über 50 Jahre lebt er bereits in Konstanz und betreibt eine Autowerkstatt, nur wenige Meter vom Einkaufszentrum Lago entfernt.

«Als ich 16 Jahre alt war, bin ich mit meinen Freunden oft zum Stück Land gefahren, welches als ‹Klein Venedig› bezeichnet wird. Es gab dort ein Bordell. Wir haben die Leute beobachtet und mit den Prostituierten geplaudert.»

Das Bordell stand dort, wo heute Reisebusse parkieren. Im Laufe der Zeit war dieser Ort nicht nur ein Hotspot für die käufliche Liebe, sondern auch für Kriminelle. Nach dem Ersten Weltkrieg haben Schmuggler Güter über die Schweizer Grenze nach Konstanz gebracht, welche es dort nicht gab: Kaffee, Schokolade und den Süssstoff Saccharin.

Zugwerkstatt weicht Einkaufszentrum

Von der Brücke des Lagos mit seiner charakteristischen roten Welle ist das Sea Life zu sehen. Das Haus der Aquarien steht auf einem Stück Land, welches in den 1960er-Jahren mit Bauschutt und Hausmüll aufgeschüttet wurde. Da es zuvor im Sommer stets unter Wasser stand, wird es von den Konstanzern liebevoll als «Klein Venedig» bezeichnet.

Unter der Brücke hindurch führen Gleise. Einst doppelt so viele wie heute. Lange Zeit verkehrten dort Güterzüge, heute vor allem Intercitys und S-Bahnen. Wenn diese durchfahren, bewegt sich die Brücke – den Fussgängern droht beinahe Seekrankheit.

Das Einkaufszentrum Lago von einer anderen Perspektive aus betrachtet. (Bild: Andrea Stalder)

Das Einkaufszentrum Lago von einer anderen Perspektive aus betrachtet. (Bild: Andrea Stalder)

Wo heute das Lago steht, befand sich früher die Werkstatt für die Züge sowie ein Rangierbahnhof. Reinhart Böhler hat oft in der Kantine für die Angestellten der Deutschen Bahn gegessen. «Hier führte die Bodenseegürtelbahn durch», sagt er. Vor 30 Jahren sei allerdings die Wirtschaft eingebrochen. «Die Leute haben sich Autos gekauft und die Bahn weniger genutzt», äussert Böhler eine Vermutung. Die Gebäude wurden abgerissen und das Land sei dann lange brach gelegen.

Im Jahr 2001 haben die Bauarbeiten für das Einkaufszentrum begonnen. Drei Jahre später ist das Lago eröffnet worden. «Über 20 Prozent unserer Kundschaft kommt aus Italien, Frankreich und den Niederlanden», sagt Peter Hermann, seit 15 Jahren Geschäftsleiter des Lagos. Die grosse Mehrheit der Einkaufstouristen sind Schweizer.

«Konstanz ist multikulturell. Einkaufstouristen jeder Herkunft sind willkommen»

Reinhart Böhler widerspricht Hermann: «Die Hälfte der Konstanzer ärgert sich über die Einkaufstouristen!» Ihn jedoch stören nur die Raser.

Fakten zum Lago

Das Konstanzer Einkaufszentrum zählt auf seiner Fläche von 27500 Quadratmetern rund 70 Shops. Die jährlich zehn Millionen Besucher erwartet eine umfassende Auswahl an Artikeln: vom Brötchen bis zur Brille. «Einkauf, Erlebnis, Kino, Freizeit und Gastronomie» – so lautet das Gesamtkonzept, sagt Geschäftsleiter Peter Hermann.

Das Lago wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und mischt regelmässig vorne mit beim Wettbewerb «Deutschlands bestes Shoppingcenter».

Die Immobilie ist von den Architekten «Gebrüder Sembritzki Tran Viet» geplant und von der Unternehmung B&L errichtet worden. Es befindet sich im Besitz der Union Investment in Frankfurt/Main.