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«Einen kontrollierten Umgang mit der Sucht finden»

Im November hat Dr. med. Eva-Maria Pichler die Leitung des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) übernommen. Im Interview erklärt die Chefärztin ihr Interesse an der Arbeit mit abhängigen Patientinnen und Patienten.

Interview: Pascal Scheiwiler
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Sucht- und Suizidexpertin Dr. med. Eva-Maria Pichler.

Sucht- und Suizidexpertin Dr. med. Eva-Maria Pichler.

Bild: zvg

Frau Pichler, Sie haben vor fünf Monaten ins Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen (ZAE) bei den PDAG gewechselt. Zuvor waren Sie in der Notfallpsychiatrie im stationären sowie im ambulanten Bereich tätig. Wieso der Wechsel in die Suchtbehandlung?

Meine Facharztausbildung habe ich an der Universitätsklinik Salzburg in der Sucht begonnen. Wir hatten zeitweise täglich dieselben Menschen bei uns auf der Station. Da baut man Beziehungen auf, beschäftigt sich mit den Menschen und ihren Hintergründen. An der Schnittstelle von persönlichen und gesellschaftlichen Fragen arbeite ich nach wie vor sehr gerne.

Wie ist das ZAE bei den PDAG organisiert?

Die Behandlung im ZAE erfolgt interdisziplinär und multiprofessionell und ist im Ziel behandlungsoffen. Sie folgt dem Prinzip «ambulant vor stationär». Dazu stehen unsere Ambulatorien in Aarau, Baden und Windisch zur Verfügung.
Am Standort Windisch werden zudem stationäre und tagesklinische Behandlungen für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen einschliesslich psychischer Folge- und Begleiterkrankungen angeboten. Hierzu verfügt das ZAE über rund 60 Betten auf insgesamt drei Stationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Alkohol- und Medi­kamentenabhängigkeit, Mehrfachab­hängigkeit und die Akutstation für Doppeldiagnosen.

Können Sie die Unterschiede zwischen den Stationen konkret erklären?

Gerne. Auf der Station für Mehrfachabhängigkeit werden Menschen mit einer Substanzkonsumstörung aus dem gesamten Spektrum psychotroper Substanzen, also auch illegaler Drogen, behandelt. Eine Medikamentenab­hängigkeit ist häufig durch eine länger an­dauernde Einnahme von Schlaf- oder Schmerzmitteln bedingt und wird neben der Alkoholabhängigkeit auf der gleichnamigen Station behandelt. Die Behandlungsdauer beider genannten Stationen ist auf einige Wochen ausgerichtet und soll sowohl psychische Begleit- als auch Folgeerkrankungen verbessern. Unsere Akutstation steht 24 Stunden am Tag für Notfälle zur Verfügung.

Wie wird eine Sucht heutzutage grundsätzlich behandelt?

Eine Suchtbehandlung soll die Menschen darin unterstützen, einen kontrollierten Umgang mit der Sucht beziehungsweise dem problematischen Konsumverhalten zu finden oder ganz auszusteigen. Wir arbeiten mit den Menschen an den Zielen, die sie selbst definiert haben. Das kann die Verbesserung der Lebensqualität sein oder die körperliche und psychische Verfassung. Die soziale und gegebenenfalls berufliche Integration gehört ebenso zu möglichen Behandlungszielen. Ein körperlicher Entzug kann dabei hilfreich sein. Ein sogenannter kalter Entzug ist hingegen lebensbedrohlich und wird nicht mehr empfohlen.

Abgesehen von einer Überdosis, was sind bekannte Risiken bei einer Sucht?

Es kommt häufig zu unerwünschten Auswirkungen auf das soziale Leben: Streit mit der Familie und mit Freunden, Vernachlässigung von Hobbys und Leistungsabfall in Beruf oder Ausbildung sowie Beschaffungskriminalität. Die Kontrolle über den Konsum kann verloren gehen. Zu bedenken ist auch, dass viele Substanzen unangenehme Gefühle auslösen können, wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit, Angst oder Unruhe. Ausserdem hat man bei der Einnahme bestimmter Drogen ein erhöhtes Risiko, an einer Depression oder Psychose zu erkranken. Die Lebenszeit kann sich aufgrund von körperlichen, aber auch psychischen Folgeerkrankungen verkürzen. Zum Beispiel haben Menschen mit einer Substanzkonsumstörung ein sechsfach erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens an Suizid zu versterben.

Suizidprävention ist eines Ihrer Steckenpferde. Wo sind Sie überall tätig?

Neben dem Einsatz bei den PDAG engagiere ich mich im Vorstand vom Suizid-Netz Aargau. Wissenschaftlich bin ich zusätzlich mit weiteren Fachverbänden verbunden, wie zum Beispiel mit dem Forum für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich.

Wie können Suizidgefährdete erkannt und erreicht werden, wenn sie noch nicht in Behandlung sind?

Die Gründe, warum sich Menschen das Leben nehmen wollen, sind komplex. Es gibt einige Faktoren, von denen man weiss, dass sie Einfluss darauf haben, ob jemand suizidgefährdet ist. Dazu zählen schwerwiegende Verluste oder Lebensereignisse und Hoffnungslosigkeit. Jemand, der an Suizid denkt, gibt den Menschen in seiner Umgebung häufig Hinweise und Zeichen, auch wenn diese nicht immer sofort als solche erkennbar sind. Warnsignale im Verhalten sind zum Beispiel Rückzug, aggressives Verhalten oder vermehrter Alkoholkonsum.

Und wie funktioniert Suizid­prävention?

Suizidprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wichtig ist, dass Gefährdete überhaupt wahrgenommen werden. Dazu kann jede und jeder beitragen. Im Kanton Aargau gibt es verschiedene Schulungsprogramme für sogenannte Gatekeeper, das sind Menschen wie Lehrerinnen oder Hausärzte, die an Schlüsselpositionen sitzen und erste Ansprechpartner für Risikopersonen sind. Bei den PDAG verfügen wir dann über geeignete Behandlungen. Die gute Nachricht lautet: Suizide können verhindert werden.

Kontakt und weitere Informationen:
Psychiatrische Dienste Aargau AG
Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen
Telefon 056 462 26 70
zae@pdag.ch
www.pdag.ch

Zur Person

Dr. med. Eva-Maria Pichler ist seit 2016 bei den PDAG tätig, zunächst im stationären Bereich und in der Notfallpsychiatrie und der Krisenintervention. Zuletzt war sie Leiterin der Praxis für Ihre psychische Gesundheit in Zofingen. Seit fünf Monaten leitet sie als Chefärztin das Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen. Neben ihrer klinischen Arbeit engagiert sich Eva-Maria Pichler im Vorstand bei ask! – Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf sowie beim Suizid-Netz Aargau. Die 39-Jährige ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Baden.