Oberbuchsiten
Reduzierte Belegung in der Asylunterkunft soll das Risiko einer Ansteckung mindern

Die Coronakrise ist auch in den Durchgangszentren für Asylsuchende eine tägliche Herausforderung. Ein Augenschein in Oberbuchsiten.

Hans Peter Schläfli
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Wegen Corona dürfen höchstens noch drei alleinstehende Asylsuchende zusammen untergebracht werden. (Themenbild)

Wegen Corona dürfen höchstens noch drei alleinstehende Asylsuchende zusammen untergebracht werden. (Themenbild)

Keystone

Das Mehrfamilienhaus in Oberbuchsiten sieht aus, als ob es in den vergangenen 50 Jahren keine ernsthafte Renovation erlebt hätte. Obwohl in der freien Wohnung schon bald eine neue Familie einziehen dürfte, hat es Flecken an den Wänden. Die leere Wohnung ist spartanisch eingerichtet und die Matratzen auf den Betten, die eher als Pritschen zu bezeichnen sind, sehen dünn und durchgelegen aus.

Die Matratzen sehen dünn und durchgelegen aus.

Die Matratzen sehen dünn und durchgelegen aus.

Hans Peter Schläfli

«Es ist eine zweckmässige Unterkunft.» So beschreibt Alain Hervouêt, der innerhalb des kantonalen Amtes für Soziale Sicherheit (ASO) für Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden zuständig ist, den Zustand der Wohnungen. Beim Zentrum für Asylsuchende Oberbuchsiten, wie die Institution offiziell heisst, kommt jedenfalls kein Besucher auf den Gedanken, dass hier die Menschen, die in der Schweiz um Schutz bitten, besser behandelt würden als andere Einwohner unseres Landes, die ihren Lebensunterhalt nicht selber verdienen können und etwa auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Reduzierte Belegung soll das Risiko mindern

Die unzähligen Velos vor dem Eingangsbereich belegen, dass hier trotz Coronakrise viele Menschen leben. Im Treppenhaus, wo sich zwei geschätzt 16-jährige Jugendliche mit Schutzmasken vor dem Gesicht fröhlich unterhaltend auf den Weg in den Garten machen, riecht es nach feinem, exotischen Essen – bald ist Mittag. «Knapp vierzig Personen leben derzeit hier», bestätigt Her­vouêt. Eigentlich könnten es bis zu 80 Personen sein. Aber um das Risiko einer möglichen Ansteckung klein zu halten, wird die Belegung bis auf weiteres halbiert.

Etliche Velos sind im Eingangsbereich zu sehen.

Etliche Velos sind im Eingangsbereich zu sehen.

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Konkret bedeutet das, dass grössere Familien weiterhin zusammen in einer der insgesamt zwölf Wohnungen leben dürfen, dass aber höchstens noch drei alleinstehende Asylsuchende zusammen untergebracht werden. «Doppelstockbetten gibt es nun bei uns keine mehr», sagt Hervouêt.

Betreuung der Asylsuchenden im Mandat

Betrieben wird die Unterkunft in Oberbuchsiten nicht durch den Kanton selber, sondern durch die schweizweit mit rund 800 Mitarbeitern tätige Firma ORS, die sich seit 1992 auf die Unterbringung, Betreuung, Sozialberatung und Integration von geflüchteten und asylsuchenden Personen spezialisiert hat. Lutz Hahn, Kommunikationsverantwortlicher der Firma ORS, beschreibt die Aufgabe so: «Wir haben einen ganz klar festgeschriebenen Auftrag. Die Unterkünfte gehören dem Kanton und wir übernehmen die Betreuung der Asylsuchenden im Mandat, aber wir haben keinen Einfluss auf die Verfahren.»

«Die Personen werden uns durch den Bund zugewiesen», erklärt Hervouêt. «Seit der Asylreform sollen die Leute maximal 140 Tage in den Bundeszentren bleiben. In dieser Zeit muss der Bund über den Status entscheiden. Künftig sollen nur noch die Personen an die Kantone überwiesen werden, die auch eine Perspektive besitzen, in der Schweiz bleiben zu dürfen», ergänzt Hahn. Man befinde sich noch in einer Übergangsphase.

Kenntnisse, wie man sich in der Schweiz verhält

Die Betreuung im Durchgangszentrum soll es den Asylsuchenden erleichtern, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Hervouêt spricht von einem «Zweiphasenmodell»: «Während der ersten drei Monate vermitteln wir hier den Bewohnern die grundlegenden Kenntnisse darüber, wie man sich in der Schweiz verhält. Asylsuchende, deren Status als Flüchtlinge anerkannt wurde oder die vorläufig aufgenommen werden, leiten wir dann nach einem Verteilschlüssel an die Gemeinden in den verschiedenen Sozialregionen weiter.»

Man lege in Oberbuchsiten ein spezielles Augenmerk auf die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden. «Diese brauchen eine besondere Betreuung. Wir helfen ihnen bei der schulischen Bildung und Integration», sagt der Verantwortliche vom ASO. Das habe sich auch mit der Pandemie nicht geändert. «Sie dürfen weiterhin die Schule sowie die Deutschkurse im Zen­trum für Ausbildung und Betreuung besuchen.»

In der Asylunterkunft in Oberbuchsiten leben knapp 40 Personen derzeit.

In der Asylunterkunft in Oberbuchsiten leben knapp 40 Personen derzeit.

Hans Peter Schläfli

Wegen der weltweiten Grenzschliessungen zu Beginn der Pandemie haben es deutlich weniger Asylsuchende bis in die Schweiz geschafft. Die halbierte Belegung sei deshalb zurzeit kein Problem, sagt Alain Hervouêt. Sollten wieder mehr Leute kommen, stehe die derzeit leere ehemalige Klinik Fridau oberhalb Egerkingen bereit.

Die tiefere Belegung in Oberbuchsiten habe durchaus auch Vorteile: «Weniger Bewohner pro Wohnung bedeutet mehr Privatsphäre für jeden einzelnen, weil man sich besser aus dem Weg gehen kann.» So gebe es fast nie Streit. «Die Langeweile, besonders in Quarantäne, ist natürlich ein Problem. Wir haben freies WLAN für alle.»

Der Kanton hat den Betrieb der Zentren an die Firma ORS ausgelagert

Dass der Kanton die Durchgangszentren nicht selber betreibt, hat gute Gründe: «Eine grosse, schweizweit tätige Firma wie die ORS kann viel flexibler auf die rasch wechselnden Vorgaben reagieren», sagt Alain Hervouêt vom Amt für soziale Sicherheit. Das habe sich in der Coronakrise klar gezeigt. Lutz Hahn, Sprecher der Firma ORS, ergänzt: «Es gibt unabhängige Untersuchungen, die gezeigt haben, dass es finanziell günstiger ist, die Betreuung an privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen auszulagern.» Der Kanton kontrolliere regelmässig, auch mit unangemeldeten Besuchen, ob die vorgegebenen Standards erfüllt werden. Lutz Hahn möchte noch einen Aspekt hervorheben, der oft vergessen gehe: «Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erscheinen trotz Coronakrise jeden Tag zum Dienst in den Zentren, weil ihnen die Menschen hier am Herzen liegen. Das verdient unseren Respekt.» (hps)

Bisher ein einziger Fall im Zentrum

«Corona macht auch vor den Asylzentren keinen Halt», sagt Lutz Hahn. «Wir machen das Beste in dieser für alle schwierigen Situation und halten ein strenges Hygienekonzept ein.» Bisher habe es in Oberbuchsiten nur einen einzigen Fall gegeben. «Das Virus ist unberechenbar, es kann wirklich jeden treffen und mit dem Finger auf Personen zu zeigen, die sich infiziert haben, ist nicht angebracht», ergänzt Hervouêt.

Dank des von ORS und Kanton erarbeiteten und umgesetzten Schutzkonzeptes sei es beim Einzelfall geblieben. «Unsere Bewohner sind sensibilisiert und nehmen das Problem ernst. Wir sind kein Gefängnis, haben aber das Besuchsregime eingeschränkt. Maximal zwei Personen dürfen zwischen 10 und 17 Uhr für eine Stunde zu Besuch kommen. Die Leute sind sehr kooperativ und verstehen das.» Neuankommende werden zudem alle zunächst in eine vorsorgliche, zehntägige Quarantäne versetzt.

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