Aedermannsdorf
Predigen bis in die Fingerspitzen: Pater Saju tanzt im Gottesdienst und gibt «Sehhilfen»

Interview mit Toni Kurmann, Missionsprokurator der Jesuiten Schweiz. Er erläutert den «bewegten Gottesdienst» mit dem Pater und Tänzer Saju, der am Samstag in Aedermannsdorf stattfindet.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Pater Saju, Tänzer vor dem Altar, während Toni Kurmann die Messe feiert.

Pater Saju, Tänzer vor dem Altar, während Toni Kurmann die Messe feiert.

zvg

Toni Kurmann, Wie kommt es dazu, dass Pater Saju in Aedermannsdorf auftritt?

Toni Kurmann: Wir danken der Leiterin des Pastoralraums Dünnernthal, Frau Andrea Allemann, für ihre Einladung. Auch wenn ich die St. Josefskirche von Aedermannsdorf bisher nur vom googeln kenne: die Fotos der von Walter Moser gestalteten St. Josefskirche zeigen einen für diese Tanzform sehr gut passenden Sakralraum.

Können Sie verraten, wie der Gottesdienst mit indischem Tanz konkret aussieht?

Vielleicht sind Sie jetzt erstaunt: wie gewohnt! Und gleichzeitig auch bereichert. Durch sein Tanzen ergänzt Pater Saju das uns vertraute Wort und die Musik im Gottesdienst. Das Besondere ist die Ästhetik der präzisen Bewegungen vom klassischen indischen Tanz, die exotische Klangweise, die traditionell indische Festkleidung. Eine neue Erfahrung, denn sein Tanz lässt jenseits von Worten, in einer anderen Form erahnen, was wir feiern: Gottes Gegenwart unter uns Menschen. Darf ich es so zusammenfassen: Im Tanz teilt Saju seine Frömmigkeit, seine Verbindung zu Gott mit den Mitfeiernden. Es ist ein Predigen ganz im Zeichen der Musik und der Bewegung bis in die Fingerspitzen.

Toni Kurmann, Missionprokurator Jesuiten Schweiz kennt Pater Saju gut.

Toni Kurmann, Missionprokurator Jesuiten Schweiz kennt Pater Saju gut.

Solothurner Zeitung

Ist es für einen hiesigen Katholiken möglich, indischen Tempeltanz zu verstehen? Gibt es Erklärungen dazu während des Gottesdienstes?

Saju wird auf jeden Fall «Sehhilfen» geben. Selbst wer keine Englischkenntnisse hat, wird durch Sajus Kommunikationsfähigkeit gut hingeführt zu seinen Tänzen. Bei den klassischen indischen Tempeltänzen geht es um Lob und Dank, um Ehrfurcht und Respekt vor dem Göttlichen. In den von Saju selbst erarbeiteten christlichen Choreographien erkennen wir biblische Motive. Er lässt dabei indische Ausdrucksformen sprechen.

Tanzen mit Spiritualität zu verbinden, ist ja in unseren Breitengraden nicht gerade weit verbreitet. Was ist das Faszinierende des indischen Tempeltanzes?

Auch in Gottesdienstfeiern gilt: Nur was uns innerlich und äusserlich bewegt – seien es Worte oder Körpererfahrungen –, wird uns auch betreffen. Und das hat die Kraft, uns zu «ver-wandeln». Diese Weisheit leben wir in jedem Gottesdienst durch unsere verschiedenen Körperhaltungen. In Aedermannsdorf wird Saju allein tanzen. Saju ist wirklich ein Meister in dieser Kunst, mit einer 2000-jährigen Tradition.

Welchen Stellenwert hat solcher Tanz heute in Indien?

Dieser Tanz, Bharatanatyam genannt, ist weit verbreitet. Dessen klassische Fingerhaltungen, Mudras genannt, sind selbst den Kindern überall im Land vertraut. In der Kunstform ist dieser Tanz jedoch anspruchsvoll und verlangt, ähnlich unserem westlichen Ballett, ein kontinuierliches Üben. Und wer Bollywood-Filme mag: Deren fulminante Tanzszenen zeigen viele Elemente aus dem klassischen Bharatanatyam-Tanz.

Tritt Pater Saju auch noch an anderen Orten in der Schweiz oder in Europa auf?

Saju hat sich in den vielen Jahren seiner praktischen Tanzausbildung und seiner philosophischen Studien dazu – er hat ein Doktorat in klassischer indischer Philosophie absolviert – zu einem interkulturellen Botschafter entwickelt. Oft eingeladen von kulturellen und kirchlichen Organisationen, tritt er seit einigen Jahren unter anderem auch in Deutschland und Österreich auf. Ein besonderer Moment wird sicher der Fernseh-­Gottesdienst zu Pfingsten aus St. Gallen werden. Der Tanz ist das eine, sein humanitäres Engagement das andere: Saju baut am Stadtrand von Kalkutta an seinem Tanz- und Bildungszen­trum weiter. Das Zentrum steht den Ärmsten offen, wie zum Beispiel den Dalits, wie die Kastenlosen genannt werden. Saju will ihr Selbstbewusstsein stärken, sie stolz machen auf ihre Kultur und sie befähigen, ihre beruflichen Chancen zu verbessern. Mit seinem Tanzen möchte er auch mögliche Spenderinnen und Spender überzeugen, ihn in diesem Vorhaben zu unterstützen. Wir sind am Planen einer Studienreise im November nach Indien. Saju wird diese Reise begleiten.

Ein «bewegter Gottesdienst» mit Pater Saju am Samstag, 7. März, Kirche Aedermannsdorf, 17 Uhr. Aufgrund der Corona-Virus-Situation wird auf den anschliessenden Apéro riche im Pfarreisaal verzichtet.

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