Museum Haarundkamm

Handel in guten und schlechten Zeiten: Hier erzählen Geschäftsbücher eine Geschichte

Neue Sonderausstellung in Mümliswil geht den weltweiten Handelswegen der Kammmacher auf die Spur. Interaktive Weltkarten, ausgewählte Kämme und Handelsdokumente zeigen die Höhen und Tiefen der ehemaligen Kammfabrik in Mümliswil auf.

Tanja Graziano
Drucken
Teilen
Sonderausstellung HaarundKamm
5 Bilder
 Mit Ziersteinen wurden die Kämme für die Damen in Buenos Aires angefertigt.
 Eine interaktive Weltkarte im Foyere des Museums zeigt den heutigen Welthandel der bestehenden Firmen im Thal.
 Das ehemalige Direktorenpult: Das Herzstück der damaligen Kammfabrik.
 Ausgewählte Kämme begleiten die Sonderausstellung.

Sonderausstellung HaarundKamm

Patrick Lüthy

Sogar die Queen Englands trug einst Kämme aus der ehemaligen Kammfabrik in Mümliswil. Zu ihrer Blütezeit exportierte die Firma Produkte nach Rom, Lissabon und sogar bis nach Buenos Aires. Wie es dazu kam, zeigt nun die neue Sonderausstellung «Handel im Wandel – Kämme für die Welt». Diese ist eingebunden in die Dauerausstellung des Museums HaarundKamm.

Eine Mischung aus multimedialen und interaktiven Elementen gibt dem Besucher einen Einblick in den Handel, wie er vor der Digitalisierung vonstatten ging. Dies begleitet von unzähligen Fundstücken, die einst auf dem Dachboden der Fabrikantenfamilie Walter ruhten und im Museumsarchiv gelandet sind. Die Besucher können hier digitalisierte Skizzenbücher bestaunen, transkribierte Handelskorrespondenzen können mit den Originalen verglichen werden, welche der heutige Leser kaum mehr entschlüsseln kann. «Mein Ziel ist es, mittels Objekten eine Geschichte zu erzählen», erklärt Ausstellungsmacher Josef C. Haefely. Als Zeichen und Werklehrer steckt der Mümliswiler nicht nur hinter der Recherche für die Sonderausstellung. «Viele Präsentationen wurden von mir entwickelt», so Haefely.

Es fällt vor allem ein Objekt auf: Der Nachbau eines Transport-Dreirades, inspiriert durch ein historisches Foto, aufgenommen vor der «Kroko»-Verkaufsfiliale in Buenos Aires. Das Museum habe den Velo-Rahmen geschenkt bekommen. «Ein Ehepaar sah das Foto in einer früheren Ausstellung und meinte, sie hätten genau ein solches Fahrrad zu Hause», berichtet Haefely. Beim Rundgang durch die Sonderausstellung wird klar: Die Geschichte der Firma hat auch eine persönliche Bedeutung für Haefely. «Der erste Kammmacher Urs Joseph Walter war mein Urururgrossvater. Bei der Renovation seines Hauses wurde ein Kamm entdeckt, der nun auch in der Ausstellung zu sehen ist», verrät er.

Geschäftsbücher erzählen eine Geschichte

Genau ein solcher Dachboden-Fund aus der Kammmacherzeit sei es auch gewesen, der erstmals sein historisches Interesse für die Kammfabrik weckte. Diese Sonderausstellung ist nicht die erste des Museums, an der Haefely mitwirkt.

Auf einer interaktiven Schweizer Karte sind die Stationen der niedergeschriebenen «Läbensgschicht» des ersten Kammmachers zu sehen. Auch wurden viele Informationen den beiden ersten Geschäftsbüchern der Familie Walter entnommen. «Dabei war Hanspeter Spycher, pensionierter Kantonsarchäologe, eine grosse Hilfe», gesteht Haefely ein. Dieser habe die Bücher transkribiert. «So konnten wir erschliessen, mit wem Handel betrieben wurde», sagt Haefely. Zudem habe das Buch einige Details zu den Geschäftsbeziehungen geliefert.

Fotografie aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. So wurde dazumal gearbeitet.

Fotografie aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. So wurde dazumal gearbeitet.

Patrick Lüthy

Solche Informationen hat Haefely gemeinsam mit Museumstechniker Andreas Rohner so aufbereitet, dass die verschiedensten Sinne angesprochen werden. «Eine grossartige Hinterlassenschaft», kommentiert Haefely ein Fotoalbum von 1918. Es enthält Bilder aus dem Büro und der Spedition, welche nun im Grossformat an den Museumswänden zu sehen sind. «Die Fotos zeigen, wie früher gearbeitet wurde», erklärt Haefely. Er weist auf einen Arbeiter mit steifem Kragen hin. «Die Kleidung zeigt schon, dass der junge Mann ein Vorarbeiter war.» Im Zentrum der Ausstellung sticht ein grosser Holzschreibtisch ins Auge. «Das Direktorenpult, das Herz der Fabrik», so Haefely.

Ein Anruf nach Buenos Aires

Eine Liste an der Wand verweist auf die damaligen Handelsagenturen in der ganzen Welt. Neben dem Schreibtisch steht ein altes Telefon. Wählt man die Ziffer Null, klingelt es in «Buenos Aires». Die berühmte Metropole, aus welcher das Foto mit dem «Kroko»-Werbevelo stammt.

«In Argentinien lief der Handel nicht wie erwartet». Die Filiale sei nach zehn Jahren mit Verlust geschlossen worden. «Weil die Argentinierinnen die Kämme aus Mümliswil als zu konventionell empfanden, begannen die Designer erstmals, Kämme mit Ziersteinen zu bestücken», weiss der Ausstellungsmacher. Bis zur Schliessung in den 1990er-Jahren bewältigte die Firma noch einige Herausforderungen. Sicherlich ist das auch ein Grund dafür, dass die Kammfabrik jahrzehntelang weltweiten Erfolg feierte. Die Sonderausstellung lässt die Geschichte der Firma genau durch diese Höhen und Tiefen wieder aufleben.

Und wie eine Weltkarte im Foyer des Museums zeigt, war die Firma nicht die letzte im Thal mit internationalen Handelsbeziehungen. «In der Ausstellung geht es nicht nur darum, die ‹Kroko›-Handelsgeschichte zu erzählen, sondern auch Brücken zur heutigen Zeit zu schlagen, denn der Welthandel betrifft uns alle». Und das nicht erst seit der Globalisierung.