Holderbank
Er hatte noch nie Angst vor eigenen Wegen: Dieser Mann will sein Dorf retten

Er könnte sich längst zur Ruhe setzen: Bruno Tschan, geboren 1943. Aber er findet, die Gemeinde würde zu wenig dafür tun, um Einwohner und Firmen nach Holderbank zu locken. Darum macht er auf eigene Faust Werbung und bezahlt sie auch.

Alois Winiger
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Bruno Tschan, Holderbank

Bruno Tschan, Holderbank

Alois Winiger

«Ich bin es gewohnt, zu entscheiden, anzupacken und willens, Verantwortung zu übernehmen. Das war bei mir immer so», sagt Bruno Tschan. Schon als Kind musste er zu Hause auf dem Bauernhof seiner Eltern mitarbeiten, so wie das bei vielen Kindern seiner Generation der Fall war. Auffällig jedoch ist bei ihm der Drang, etwas zu unternehmen – und zwar auf eigene Faust. «Wenn man immer zuerst jemanden fragt, ob dies oder jenes möglich ist, kommt man zu nichts. Und man darf nicht Angst haben, einen ungewöhnlichen Weg zu gehen.»

So ist denn auch das Vorgehen bei der Werbung für Holderbank ungewöhnlich. Tschan hat niemanden gefragt, ob er die Inserate so gestalten darf, als ob die Gemeinde Holderbank sie in Auftrag gegeben hätte. Und er gibt seine Firma Decomech als Anlauf- und Koordinationsstelle an. «Warum nicht? Ist doch eine gute Sache für alle hier im Dorf, wenn etwas zum Laufen kommt.» Die Reaktionen auf seine Werbung lägen zwar unter den Erwartungen, sagt er. «Aber es ist ein Anfang.»

Als Vierjähriger ganz oben

«Sich nicht beirren lassen. Immer wieder anfangen. Es gibt immer eine Lösung. Selbstständig sein.» Diese Leitsätze ziehen sich durch das ganze Leben von Bruno Tschan durch. Wobei er zugibt, dass alles seinen Preis hatte, geschäftlich wie privat, für ihn selber wie für sein Umfeld. Mit dem Titel «Ein Leben. Ein Wille. Ein Ziel. Ein Erfolg.» hat er die Geschichte seines Lebens auf 48 Seiten A4 niedergeschrieben. Sie ist stark geprägt von Höhen und Tiefen. Seine erste Erfahrung mit der Höhe macht er als Vierjähriger. Da klettert er aufs Hausdach bis hinauf zum Giebel, wo es ihm so gut gefällt, dass er ein Liedchen jauchzt. Wodurch man überhaupt auf ihn aufmerksam wird und ihn herunterholen kann. Lösungsorientiert handelt er bei seiner Gotte. Weil sie in ihrer engen Küche immer wieder an einer Tischecke anstösst und sich ärgert, weiss der fünfjährige Bruno, was zu tun ist. Als die Gotte für kurze Zeit das Haus verlässt, greift er zur Säge. Zur Schule zu gehen, hält er für unnötig. Er habe beim Helfen in Haus und Hof schon alles gelernt, was man fürs Leben braucht, erklärt er seiner Mutter.

Mit Schoggi von Haus zu Haus

Geld braucht man ebenfalls fürs Leben, weiss Bruno. Als Vierzehnjähriger geht er mit Schokolade hausieren und kaum ist er aus der Schule entlassen, heuert er in einem metallverarbeitenden Betrieb an. Er will eine Lehre als Décolleteur machen, aber sein Vater blockt ab, Bruno soll den elterlichen Bauernbetrieb weiterführen. Weil der junge Mann so viel Geschick im Umgang mit der Drehbank zeigt, setzt sich Firmenpatron Ernst Nachbur aus Waldenburg BL höchstpersönlich bei den Eltern dafür ein, dass Bruno wenigstens eine Anlehre machen darf und er fördert ihn anschliessend stark. Doch eines Tages muss er seinen Posten bei Nachbur räumen. Als 24-Jähriger hatten er und sein Bruder Ernst unterdessen in Holderbank die Firma Gebrüder Tschan gegründet und diese mit denselben modernen Drehautomaten bestückt wie die Firma Nachbur.

Ein politischer Handel

Noch ein anderer Patron sieht die Fähigkeiten des Bruno Tschan und bietet ihm Hilfe an: Peter Bader, Mitbesitzer der Uhrenfabrik Mentor und Gemeindepräsident von Holderbank. Die Hilfe ist jedoch an eine Bedingung parteipolitischer Natur geknüpft. Bader bietet seine Fürsprache bei der Bank an, dafür muss Tschan versprechen, von der CVP zur FDP zu wechseln.

Die Firma floriert bis 1973, als sich in der Branche eine Krise breitmacht. Bruno Tschan hat unterdessen eine Familie gegründet, das Geld wird knapp, doch er weiss sich zu helfen. Wozu hat er den Führerausweis für Lastwagen und im Militär bei den Genietruppen schwere Gefährte gesteuert? Er schafft sich einen Lastwagen und einen Trax an, arbeitet damit tagsüber, abends richtet er die Décolletagemaschinen ein.

Werkstatt total abgebrannt

Als das Auftragsvolumen wieder zunimmt, verkauft er die Fahrzeuge und baut die Firma weiter aus auf zwei Standorte in Holderbank, und bald einmal verfügt er als erster weitherum über einen CNC-Drehautomaten. Allerdings muss er sich noch das Programmieren der Automaten mit dem Computer beibringen. Der Betrieb läuft wie nun geschmiert. Doch am 9. Januar 1986 gerät eine der beiden Werkstätten in Brand und wird völlig zerstört. Ein Wiederaufbau im Dorf kommt nicht infrage, dafür kann er im Industriegebiet einen Neubau erstellen lassen, die heutige Dreno AG. Auch das kommt gut, bis sich Mitte der 1990er-Jahre erneut eine Krise einstellt. Tschan hat bisher seine Finanzgeschäfte bei der Handelsbank Solothurn abgewickelt. Nach deren Übernahme durch die UBS steigen die Hypothekarzinsen stufenweise von 5 auf 9,5 Prozent an. Die Begründung: Tschans Firma, bei der unterdessen 17 Personen arbeiten, sei ein Risikobetrieb. Tschan findet einen Weg, den Forderungen nachzukommen.

Mit Erfindung beim Bundesrat

In all den Jahren voller Arbeit und persönlichen Herausforderungen nimmt sich Bruno Tschan noch Zeit für Erfindungen. 1988 präsentiert er an der Erfindermesse in Genf einen Zusatz für Verkehrsampeln. Damit lässt sich dem Autofahrer anzeigen, wie lange die Rotphase noch dauert bzw. ob es sich lohnt, den Motor abzustellen. Das mediale Aufsehen ist gross, Tschan kann seine Erfindung sogar bei Bundesrat Arnold Koller im Eidgenössischen Departement für Verkehr vorführen. Doch er bekommt eine Absage. Dafür gehen bei ihm Anfragen für die Entwicklung von Produkten ein. Er konstruiert eine Lenkerfederung für Mountainbikes, eine Sämaschine für Dünnschicht-Kulturen im Salatanbau und auch eine Maschine, mit der sich Ballonhüllen nähen lassen. Keines der Produkte kommt auf den Markt. Aber den zusammensetzbaren Grillspiess aus Chromstahl kann er heute noch verkaufen. Auf die Idee kam Tschan beim Bräteln im Freien. Die Kinder hätten oft einen dürren Stecken verwendet, der dann jedoch verbrannte, bevor die aufgespiesste Wurst gebraten war.

Keine Lizenz mehr

2011 verkauft Bruno Tschan schliesslich das ganze Inventar der Firma, setzt sich aber als 68-Jähriger nicht zur Ruhe, sondern schafft sich erneut einen Lastwagen für den Bereich Bau an, verkauft ihn aber zwei Jahre später wieder. Er sieht nicht ein, warum er, der seit 44 Jahren selbstständiger Unternehmer ist, eine Lizenz für Güter- und Personentransportunternehmen erwerben sollte. Nun fährt er eben einen kleinen Transporter und vermietet zwei Bagger. Zudem vermittelt er mit seiner Firma Decomech zum einen Aufträge im Bereich Décolletage. Zum andern eben, wie eingangs erwähnt, macht er Werbung für seine Gemeinde Holderbank.

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