Rolf Niederer

«Die Zitrone ist schon fast ausgepresst»: Oensingens Finanzverwalter steht vor schwierigen Aufgaben

Rolf Niederer steht als Finanzverwalter vor schwierigen Aufgaben. Kehren mit seiner Rückkehr nach Oensingen die fetten Jahre zurück?

Yann Schlegel
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Rolf Niederer führt in der Oensinger Gemeindeverwaltung nach fünfjähriger Abwesenheit wieder Buch.

Rolf Niederer führt in der Oensinger Gemeindeverwaltung nach fünfjähriger Abwesenheit wieder Buch.

Patrick Lüthy

Als Rolf Niederer im Dienste der Gemeinde die Finanzen hütete, war das Panorama in Oensingen noch ein anderes. Vor allem auf den Bankkonten und bezüglich Geldfluss der Gemeinde. «Das Dorf ist seither vielleicht ein wenig städtischer geworden – sonst hat sich nicht viel verändert», sagt der aus Winterthur stammende Niederer mit etwas Distanz. Wobei – weit weg war er in den letzten fünf Jahren nicht. Niederer wechselte zwar über die Kantonsgrenze, wirkte aber als Finanzverwalter in Niederbipp bloss einen Steinwurf von seinem vormaligen Arbeitgeber entfernt.

Seit Anfang Jahr ist Niederer zurück in Oensingen. Ein gutes Omen für die grösste Gäuer Gemeinde? Obwohl Niederer als Finanzverwalter kein Magier ist und vieles nicht beeinflussen kann, scheint es mit Blick auf seine Vita fast so. Nach einem Jahrzehnt beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, während denen er hauptsächlich in Frankreich und Japan wirkte und mit dem Rechnungswesen vertraut wurde, wechselte Niederer 2009 als Finanzverwalter nach Oensingen. Die wachsende Gemeinde erfuhr damals ein sehr starkes Steuerwachstum, das bis 2015 anhielt. «In diesen Jahren waren wir mit dem Steuerwachstum allein auf weiter Flur», sagt Gemeindepräsident Fabian Gloor, der damals mit 21 Jahren als Gemeinderat das Ressort Finanzen innehatte. «Vielleicht waren wir in der Entwicklung den anderen Gäuer Gemeinden voraus», sagt Gloor.

Zehn Jahre später hat sich der Spiess umgedreht: Während die anderen Dörfer im Bezirk zuletzt reihenweise unerwartet grosse Gewinne verbuchten, schreibt Oensingen seit fünf Jahren rote Zahlen. «Die Gemeinde hat in den letzten Jahren vielleicht den Steuerertrag leicht überschätzt», sagt Finanzverwalter Niederer. Dramatisch ist die Situation gleichwohl nicht. Mit 111 Prozent liegt der Steuerfuss nach wie vor unter dem kantonalen Durchschnitt. Weshalb also nicht einfach die Steuern etwas erhöhen und die Abwärtsspirale der letzten Jahre so stoppen?

Die Berg-und-Tal-Fahrt des Steuerfusses

Bisher sahen der Gemeinderat und der Gemeindepräsident fast schon kategorisch von dieser Option ab – ein Antrag in diese Richtung war im letzten Jahr nicht mehrheitsfähig. Vielleicht liege die Schmerzensgrenze, die Steuern weiter zu erhöhen, wegen der Finanzgeschichte Oensingens so hoch, meint Gloor. Nachdem Oensingen Anfang der Nullerjahre die Elektra an die AEK verkauft hatte, gab die Gemeinde den Gewinn von 32,5 Millionen Franken in Form einer Steuersenkung von 115 Prozent auf 99 Prozent und 95 Prozent an die Bevölkerung zurück. Das Kapital aus dem Verkauf der Elektra wurde angelegt und hätte Ertrag generieren sollen, um die Mindereinnahmen aus der Steuersenkung zu decken. Doch dieser Plan ging nicht auf. Zudem investierte die Gemeinde viel Kapital in das Sportzentrum Bechburg. So mussten die Steuern über die Jahre hinweg erhöht werden – zuletzt 2018 auf 111 Prozent.

Die Gemeinde hat in den letzten Jahren vielleicht den Steuerertrag leicht überschätzt.

(Quelle: Rolf Niederer, Finanzverwalter)

Mit Blick in die Zukunft sagt Niederer: «In den nächsten Jahren wird es relativ schwierig werden, wir müssen wohl mit Verlusten rechnen. Wir werden alles versuchen, dass es keine weitere Steuererhöhung braucht, aber das ist eine grosse Herausforderung.» Entscheiden dürfen dies letztlich aber die Politik und die Bevölkerung. «Eine Steuererhöhung wäre momentan wohl nicht zielführend», sagt Gemeindepräsident Gloor und spricht die ungewissen Folgen der Coronakrise an. Nach einer ersten groben Schätzung erwartet Niederer für das Jahr 2021 – wenn der Corona-Effekt voll zu tragen kommt – in Oensingen einen Minderertrag von einer Million Franken. «Und das ist wohl eher konservativ geschätzt», sagt er.

Auf den Finanzverwalter kommen schwierige Aufgaben zu. «Es ist eine spannende Herausforderung, hier zu arbeiten, und Oensingen hat auch eine gewisse Grösse mit viel Potenzial», sagt Rolf Niederer dazu nüchtern. Dass er nun zurückkehrte, ist keinem Zufall geschuldet. Fabian Gloor erinnerte sich an seine Anfänge als Gemeinderat und wies den Finanzverwalter und ehemaligen Weggefährten im vergangenen Jahr auf die vakante Stelle hin. «In Oensingen hat es mir beim ersten Mal sehr gefallen», sagt Niederer, der um keinen Preis aus dem Gemeindewesen wechseln möchte. «Ich mag es, den Werdegang einer Gemeinde mitzugestalten.» Seine Aufgabe sei es, die Ausgaben zu hinterfragen und mit offenen Augen die finanzielle Entwicklung anzuschauen. Sparen war in Oensingen aber schon in den letzten Jahren das oberste Credo. «Die Zitrone ist aus meiner Sicht schon fast ausgepresst», sagt Niederer denn auch.