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Die Dünnern, der vergessene Fluss

Die Dünnern hat von der Juraquelle in Gänsbrunnen bis zum Betongerinne in Olten viele Gesichter. Wieso ist das Gewässer so unscheinbar?

Yann Schlegel
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Dünnern-Kanal durch Egerkingen: Der Fluss verlor im Gäu ab den 1930er-Jahren durch die Korrektur seine Identität – der Mensch dagegen gewann Raum.

Dünnern-Kanal durch Egerkingen: Der Fluss verlor im Gäu ab den 1930er-Jahren durch die Korrektur seine Identität – der Mensch dagegen gewann Raum.

Patrick Lüthy

Dort, wo sie fürs menschliche Auge ihren Ursprung hat, ist sie unscheinbar und dünn. Dort, wo sie Wasser für die Landwirtschaft spendet, verschwindet sie in der Weite des Mittellandes zwischen Industrie und Dorfsiedlungen. Nur die Baumwipfel, die sich als Hecken entlang des kerzengeraden Kanals durchs Gäu hindurchziehen, erinnern an die Kraft des Wassers. Wer ist sie, die Dünnern, die ihr Wasser von der Juraquelle fast 40 Kilometer durch den Kanton Solothurn bis zur Mündung in die Aare trägt?

Spektakulär ist die Quelle nicht, aber eben doch besonders. Weil so unscheinbar. In Gänsbrunnen ist gemeinhin bekannt, dass die Dünnern ihren Ursprung beim Wirtshof hat. Da sei nichts Spannendes, sagt die Bewohnerin des Hauses. Bloss ein Deckel im Keller auf 769 Meter über Meer. Darunter sprudelt das Wasser, das unter dem Garten abfliesst und unterhalb des Wirtshofs erstmals zum Vorschein kommt. Die Dünnern ist geboren.

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Von der Quelle im hinteren Thal zur Mündung in die Aare: In einer Bildserie geht diese Zeitung der Dünnern nach.

Wer meint, sie mache dann oberhalb von Welschenrohr, wo sie sich in einem kleinen Spalt zwischen den Feldern hindurchschlängelt, ihrem Namen als dünnes Bächlein alle Ehre, irrt. Wie im Solothurnischen Namenbuch festgehalten ist, bezieht sich der Name auf Stellen, «an denen der Fluss aufgrund von Engstellen wie die Balsthaler Klus ‹lärmt›». An das aus dem althochdeutschen abgeleitete «Donnern» erinnert am Flusslauf der heutigen Dünnern wenig. Eine Ausnahme wäre wohl ein Jahrhundert-Hochwasser.

Rückkehr zum natürlichen Flusslauf

Für gewöhnlich fliesst die Dünnern, nachdem sie das steilste Gefälle bei Welschenrohr hinter sich gebracht hat, unaufgeregt der Aare entgegen. Dies hat mit der sogenannten Melioration zu tun. Im Zuge dieser bändigte der Mensch von 1933 bis 1943 den wilden Flusslauf, der aus mehreren gewundenen Armen bestand. In den 1940er-Jahren nahm der Kanton der Dünnern auch im Thal zwischen Aedermannsdorf und Balsthal seine Freiheiten. Durch Ordnung und Struktur konnten die Dörfer besonders im Gäu bis an den Rand des Kanals heranwachsen. Die Bauern können ihre Äcker seither leichter bewirtschaften und sie gewannen Landfläche hinzu. Die Dünnern aber verlor ihre Identität.

Kein Jahrhundert später will der Kanton den Fluss jedoch wiederbeleben. «Revitalisieren», wie es im Fachjargon so schön heisst. Die Rückkehr zum natürlicheren Flusslauf ist als Nebeneffekt des kantonalen Hochwasserschutz-Projekts geplant. Die Bandbreite an der Dünnern ist aussergewöhnlich: Bei Hochwasser kann die Wassermenge mehr als das Dreihundertfache des minimalen Abflusses betragen. «Im Gäu ist die Abflusskapazität zwischen Oensingen und Rickenbach fast durchgehend ungenügend», schreibt der Kanton zum Problem.

Um es zu lösen, verfolgt er noch zwei Varianten: Eine sieht mehr Platz für die Dünnern auf der ganzen Strecke von Oensingen bis Olten vor, die andere kommt dank eines Rückhaltebeckens im Raum Oensingen mit weniger Schutzmassnahmen entlang der Fliessstrecke aus (wir berichteten). Der Dünnern einen wilderen Flusslauf einzugestehen, war bis hierhin für viele Landwirte und auch Gemeinden keine Option. Vorläufig wird die Dünnern ein kanalisierter Fluss bleiben. Ein langer Prozess steht bevor. Frühestens 2026 rechnet der Kanton mit dem Baustart einer ersten Etappe.

Klares Bild der Messstationen

Weshalb das Amt für Umwelt die Dünnern in Zukunft wieder aufwerten will, kommt im aktuellen Bericht zum Zustand der Solothurner Gewässer zum Ausdruck: «Die Wasserqualität der Dünnern entspricht auf dem ganzen Flussverlauf nicht den Anforderungen», schreibt der Kanton darin. Seit 1967 überwacht er den chemischen Zustand der Oberflächengewässer. Zunächst standen nur Aare und Emme im Fokus. 1994 baute der Kanton die Überwachung stark aus.

Heute befinden sich an der Dünnern drei ständige Messstationen. Sie zeichnen ein klares Bild: Flussabwärts gegen Olten hin verschlechtert sich die Wasserqualität. Ähnlich ist das Muster, was die Lebewesen betrifft. «Im Oberlauf ist der menschliche Einfluss auf die Biologie eher gering und die Wasserqualität noch mehrheitlich gut», schreibt der Kanton. Im Unterlauf hätten die Einträge aus Abwasserreinigungsanlagen, aus der Landwirtschaft und aus Strassenentwässerungen einen negativen Einfluss.

Die Dünnern ist durch den Einfluss des Menschen ein Fluss mit vielen Gesichtern. Vom naturbelassenen Bächlein im hinteren Thal bis zum Betongerinne in Olten, ehe sie in die Aare mündet.

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