Egerkingen

«Die Biografie ist eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, aber auch mit der Gegenwart»

Die Pflegeexpertin Franziska Büttler referierte am Montag im Alterszentrum Sunnepark in Egerkingen. Sie erklärt, weshalb es nicht in jedem Fall Sinn macht, Demenzkranke mit der Realität ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

Lucien Rahm
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Lucien Rahm

Warum ist die Biografie eines Menschen wichtig? Unter anderem zur Beantwortung dieser Frage liess die Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu (GAG) am Montagabend die Expertin Franziska Büttler referieren. «Die Biografie ist eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, aber auch mit der Gegenwart», sagte Büttler den Besucherinnen und Besuchern im Alterszentrum Sunnepark in Egerkingen.

Der Hauptteil von Büttlers Ausführungen widmete sich konkreten Tipps zum Verhalten, das Angehörige oder Pflegepersonen bei der Biografiearbeit – dem Erarbeiten der Biografie einer Person gemeinsam mit dieser oder deren Angehörigen – anwenden sollten. Insbesondere im Umgang mit von Demenz betroffenen Leuten seien gewisse Besonderheiten zu beachten. Jedoch gibt es auch immer mehr Personen, die ihre Biografie selbst verfassen.

Eigene Interpretation zulassen

Wenn demenzkranke Personen der eigenen Biografie beispielsweise Bestandteile andichten würden, die nicht ganz der Realität entsprechen, solle man sie im Gespräch besser im Glauben lassen, es sei so gewesen. Als selbst erlebtes Beispiel nannte die Pflegeexpertin eine Heimbewohnerin, die ihr einmal gesagt habe, ihre Tochter würde sie noch immer regelmässig besuchen.

«Ich wusste aber, dass ihre Tochter jung gestorben war», sagte Büttler. Statt dies der dementen Frau mitzuteilen und sie so zu betrüben, habe Büttler einfach mitgespielt. «Einmal Mutter, immer Mutter», habe sie zu ihr gesagt. «Darauf hat die Frau gestrahlt.»

Doch auch bei nicht dementen Personen gelte der Grundsatz, keine Korrekturen am Erzählten anzubringen. Es sei an der betroffenen Person selbst, ihr Leben so zu bewerten, wie sie dies für richtig hält. Auch wenn man wisse, dass zum Beispiel die Ehe keine glückliche war. Hier solle man den Betroffenen ein Recht auf Vergessen, oder eben Eigeninterpretation, zugestehen, riet Büttler. Auch müsse in einer Biografie keine Vollständigkeit herrschen.

Werde aber doch einmal etwas weniger Erfreuliches anvertraut, sei es natürlich wichtig, sich in Verschwiegenheit zu üben. «Das ist das A und O, denn es geht um Herzensangelegenheiten», so Büttler. Jedoch solle man in heiklen Themenbereichen «nicht noch herumbohren».

Realität macht keinen Sinn

Im Anschluss an ihr Referat beantwortete Büttler Fragen aus dem Publikum, die sich mehrheitlich dem Verhalten gegenüber Demenzkranken widmeten. Eine Besucherin äusserte Unsicherheiten im Umgang mit ihrer an Demenz leidenden Mutter. Deren Mann lebe seit einem halben Jahr nicht mehr, was die Mutter aber immer wieder vergesse. Dann beginne sie, ihn teilweise zu suchen.

Ob es richtig sei, hierbei an der Realität festzuhalten und die Mutter aufzuklären, wollte die Besucherin wissen. «Die Konfrontation mit der Realität macht dann Sinn, wenn die Person noch mit einem Fuss in der Gegenwart steht», lautete Büttlers Antwort. «Wenn Sie aber merken, dass der Bezug zum Hier und Jetzt nicht mehr da ist, macht das absolut keinen Sinn.» Denn dann konfrontiere man die demente Person nur immer wieder mit ihrem Defizit.