Christina Ackermann
Das Herz der Oensinger Flüchtlingsmama gehört der tibetanischen Kultur

Christina Ackermann begleitet seit 1999 Asylbewerber, die nach Oensingen kommen. Seither gehört ihr Herz der tibetanischen Kultur.

Yann Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Die Oensingerin Christina Ackermann betreut seit 1999 Asylbewerber in Oensingen. Dadurch hat sie sich für die tibetanische Kultur begeistert.

Die Oensingerin Christina Ackermann betreut seit 1999 Asylbewerber in Oensingen. Dadurch hat sie sich für die tibetanische Kultur begeistert.

Bruno Kissling

Steil steigt Lehnfeldstrasse an und wer hier hochradelt, wird die wehenden Fahnen nicht übersehen können. Ein buddhistischer Tempel auf der Anhöhe über Oensingen? Überall hängen die Flaggen Tibets, Nepals und die Gebetsfahnen. «Wenn Mönche bei mir zu Besuch sind, pflegen sie zu sagen, es sei wie ein tibetisches Haus», sagt Christina Ackermann, als sie die Tür öffnet.

Der «Auslöser» für ihre Hingabe zur tibetanischen Kultur nahm seinen Ursprung im Jahr 1999. Damals sah sie ein kleines Inserat im «Thal-Gäu-Anzeiger» – die Gemeinde hatte ein Mandat für die Asylbetreuung ausgeschrieben. Sie meldete sich, erhielt den Zuschlag und teilte sich das Amt mit vier anderen Personen. Doch woher kam ihr Interesse, sich für Flüchtlinge einzusetzen? Ihr Beruf als «Krankenschwester» – wie Ackermann sagt – habe in ihr diese Offenheit gegenüber Menschen ausgeprägt. Schon Ende der 70er-Jahre setzte sich die heute 66-jährige Frau für vietnamesische Familien ein.

Kriege und Krisen bestimmen die Flüchtlingsarbeit

Damals konnte sie noch nicht wissen, dass sie im Jahr 2015 – am Höhepunkt der Flüchtlingsströme in die Schweiz – die wichtigste Bezugsperson für 60 Menschen sein würde, die ihr Land hinter sich gelassen hatten. Tag und Nacht riefen sie an, schrieben sie ihr Whatsapp-Nachrichten. Syrer, Afghani, Pakistani und Eritreer waren es zu jener Zeit. Am Anfang hatte Ackermann viele Bosnier und Kosovaren betreut. Die Auswirkungen des Jugoslawien-Krieges spürte Ackermann im Kleinformat in Oensingen.
Einer der vielen Flüchtlinge war Davit Tesfay. Heute arbeitet er als Hauswart an einer Oensinger Schule.

Er habe zu jenen gehört, die sich «ins Füdle geklemmt haben», erzählt Ackermann. Ihr blondes Haar mahnt an die Mähne einer Löwin, ihr Sternzeichen wie sie sagt. Aber im Leben sei sie keine Löwin, meint sie mit ihrer sanften Stimme und lacht. Solange die Menschen den Status als Asylbewerber haben, begleitet Ackermann sie. Vorläufig aufgenommene Ausländer, die nicht anerkannt werden, können Jahrzehnte lang in der Schweiz bleiben. Nach spätestens sieben Jahren geht die Betreuung an die Sozialregion über, womit Ackermann diese nicht mehr betreut. Wenn der Bund einen Asylbewerber ablehnt, erhält er 30 Tage Zeit, um Rekurs zu einzulegen. Momentan betreut die Oensingerin einen Afghanen, der seit bald einem Jahr auf Antwort für sein weitergezogenes Asyldossier aus Bern wartet.

Ein Anruf aus England von einem Untergetauchten

Viele tauchen unter, wenn sie einen abschlägigen Bescheid erhalten, weiss Christina Ackermann. Auch sie selbst verliere die Flüchtlinge dann jeweils aus den Augen. Manchmal klingelt plötzlich ihr Telefon. So geschah es ihr im vergangenen April. Ein Flüchtling rief ihr plötzlich aus England an, um mit ihr zu sprechen.

An den 21. Juli 2016 wird sich Ackermann noch lange gut erinnern können. An jenem Tag erhielt sie auf einen Schlag 30 geflüchtete Menschen zugeteilt. Es war die arbeitsreichste Zeit ihres Mandats als Asylbetreuerin, das sie zusätzlich zu ihrer Schichtarbeit in einem Pflegeheim rund um die Uhr beanspruchte. Wie sehr sich die Flüchtlingssituation in der Schweiz verändert hat, zeigt der Vergleich zu heute: Aktuell betreut Ackermann bloss sechs Flüchtlinge, die aus dem Irak, Afghanistan und Eritrea stammen.

Deutschstunden in der Stube eingerichtet

Damals, vor vier Jahren, erhielt sie eine grosse Gruppe junger Männer aus Eritrea zugeteilt. In den Schweizer Asylzentren befanden sich derart viele Menschen, dass sich für die Deutschkurse lange Wartelisten bildeten. Die angekommenen Eritreer waren voller Tatendrang. Ackermann bedauerte den Stillstand und machte deshalb die eigene Stube zum Klassenzimmer. So gut sie konnte, brachte sie ihnen die Deutsch-Grundlagen bei.

Für die jungen Männer aus Eritrea war sie nicht mehr «Frau Ackermann», alle nannten sie plötzlich Mami. «Am Anfang hatte ich sehr grosse Mühe damit», sagt die Oensingerin. «Aber das ist in diesen Kulturen einfach so, und jetzt fühle ich mich manchmal wirklich wie die Mutter.»

Nicht alle Erlebnisse waren so herzlich. Ackermann musste im Umgang mit Asylbewerbern manchmal auch hart sein. Schwierig war die Situation, wenn sie Wohngemeinschaften besuchte, die aus Männern bestand, in deren Kultur Frauen für den Haushalt sorgen. «In Syrien stehen Männer nicht in der Küche», hätten sie ihr beispielsweise gesagt, worauf Ackermann erwiderte: «Aber jetzt bist du hier in der Schweiz und du musst dich anpassen.»

Aus dem Dorf habe sie wenig Echo auf ihre Arbeit erhalten. Nur als aussergewöhnlich viele Flüchtlinge in Oensingen weilten, ging das Gerücht um, das sei ja verrückt, die kriegen alle ein Handy. Ackermann konnte darüber lachen und erklärte bei Gelegenheit, die Menschen seien bereits mit Handys in die Schweiz gekommen. Es sei die einzige Möglichkeit, mit der Familie Kontakt aufzunehmen.

Durch die Asylarbeit von der tibetanischen Kultur begeistert

Es ist Ende November, als Christina Ackermann in einem nepalesischen Kurta-Kleid und einer Gebetskette am Tisch in ihrem eigenen buddhistischen Tempel sitzt und einen nepalesischen Schwarztee trinkt. Wenn sie aus dem Küchenfenster Richtung Osten übers Mittelland blickt, steigt in ihr die Sehnsucht. «Jeden Tag bin ich gedanklich in Nepal», sagt sie. Die Göttin Tara ist in vielfach gestalteter Form auf den an den Wänden hängenden Thangkas abgebildet. In ihrem Eigenheim lud Ackermann im Dezember zu einer kleinen Ausstellung, im Rahmen welcher sie die Rollbilder des tantrischen Buddhismus zeigte.

Als Asylbetreuerin kam Ackermann in den Nullerjahren auch mit der tibetischen Kultur in Berührung; sie nahm damals für kurze Zeit eine aus Tibet stammende Frau bei sich auf. Dies weckte ihre Sinne für den Buddhismus und seine Kultur, und nachdem sie vor zehn Jahren den Thangka-Malermeister Sonam Lama kennen gelernt hatte, wuchs ihr Interesse. Früher habe sie von dieser Kultur überhaupt nichts gewusst, sagt die im Luzernischen aufgewachsene Ackermann. Heute leitet sie die Sektion Mittelland der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft. Seit sie 2011 erstmals nach Nepal reiste, kann sie von der tibetischen Kultur nicht genug bekommen.

Im vergangenen Jahr verbrachte Ackermann 14 Wochen in Nepal. «Ich habe manchmal das Gefühl, meine Seele bleibt zurück», sagt sie. Die letzten Male fiel es ihr schwer, in die Schweiz zurückzukehren, erzählt sie. Das Sonnenlicht durchleuchtet die Gebetsfahnen. Zu ihrem 60. Geburtstag erhielt Christina Ackermann von ihren Kindern eine Torte, auf der das Wappen Tibets abgebildet war. Ihr ältester Sohn sagte ihr damals: «Jetzt ist Zeit für deine Kinder in Nepal.»