Aus Gäuer Sicht
Es tut sich was im «All-Gäu»

Beat Nützi, ehemaliger Chefredaktor Oltner Tagblatt
Beat Nützi, ehemaliger Chefredaktor Oltner Tagblatt
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Mit der Eröffnung der Autobahn im Gäu (hier die Verzweigung in Egerkingen) veränderte sich die einstige Kornkammer des Kantons, schreibt Kolumnist Beat Nützi.

Mit der Eröffnung der Autobahn im Gäu (hier die Verzweigung in Egerkingen) veränderte sich die einstige Kornkammer des Kantons, schreibt Kolumnist Beat Nützi.

Patrick Lüthy

Vor gut einem halben Jahrhundert, genau gesagt am 10. Mai 1967, wurde die Gäu-Autobahn eröffnet. Mit ihr veränderte sich die einstige Kornkammer des Kantons Solothurn. Entlang der Nationalstrasse entstanden reihenweise Lagerhallen und Transportunternehmungen.

So bildete sich ein Versorgungscluster, das Logistic Valley Gäu, dessen Hauptschlagader in absehbarer Zeit ausgebaut und mit einem Bypass entlastet werden soll – mit dem Ausbau der Autobahn von vier auf sechs Spuren und mit der Realisierung eines den Warenverkehr auf der Strasse entlastenden unterirdischen Gütertransportsystems, des Projekts «Cargo sous terrain».

Gleichzeitig läuft im Auftrag des Kantons Solothurn und der betroffenen 15 Gemeinden unter der Bezeichnung «All-Gäu 2040» eine Prospektivplanung, die Entwicklungsperspektiven fürs Gäu und Untergäu als zusammenhängenden Wachstumsraum aufzeigen soll. Das Ziel ist ein regionales Raumkonzept mit Berücksichtigung aller Nutzungsansprüche und Infrastrukturen wie die Autobahnabschnitte A1 und A2, Industrie- und Gewerbebetriebe, Logistik- und Einkaufszentren, Landwirtschaft, Grundwasserträger.

Zweifelsohne besteht im Raum «All-Gäu» Handlungsbedarf. Zu sehr haben die Folgen der Autobahn die Lebensqualität im Gäu durch Lärm und Dreck negativ beeinträchtigt. Laut Bundesamt für Strassen verkehren heute auf der A1 durchs Gäu täglich rund 85’000 bis 87’000 Fahrzeuge. Laut Hochrechnung sollen es bis 2030 zirka 100’000 bis 110’000 Fahrzeuge sein. Für alle Entwicklungskonzepte und -projekte im Gäu muss deshalb gelten: Stopp für zusätzliche Immissionen und Emissionen, die Natur und Umwelt schaden sowie die Wohnqualität beeinträchtigen.

Ein gewisses Umdenken ist angesagt: Jetzt gilt es, nach zukunftsträchtigen Projekten mit nachhaltigen Verbesserungen zu suchen. Für den Autobahnausbau durchs Gäu könnte das eine Untertunnelung bedeuten. Und bei Cargo sous terrain ist darauf zu achten, dass das Gäu nicht einfach den Preis für die Entlastung der Städte bezahlen muss. Was ist damit gemeint? In den Städten, wie in der ersten Phase in Zürich, rechnet man mit einer Entlastung um 30 Prozent beim Lieferverkehr und um 50 Prozent bei den Lärmemissionen. Ein spezielles System mit umweltschonenden Fahrzeugen soll das ermöglichen.

Eine adäquate Entlastung ist auch im Gäu anzustreben. Die drei Hubs dürfen nicht einfach zu Versorgungsstollen mit herkömmlicher Anlieferung und Warenabholung werden. So verblüffend die Idee vom unterirdischen Warenverkehr ist, so sehr stellt sich die Frage, was dort geschieht, wo die Ware angeliefert und abgeholt werden soll. Diese Frage ist umso drängender, da Cargo sous terrain rund um die Uhr, sieben Tage die Woche betrieben werden soll, was noch zu reden geben dürfte.

Diskussionen gibt es derzeit auch zum öffentlichen Verkehr im Gäu: beim Bahnverkehr zu den Intercity-Ausfällen in Oensingen und beim Busverkehr zum neuen Postauto-Konzept, das etwa keine Direktverbindungen vom Aaregäu nach Olten mehr vorsieht. Das Zwangsumsteigen vom Bus auf den Zug ist ein Ärgernis für Arbeitspendler und Schüler und noch mehr für Mütter mit Kinderwagen sowie für Behinderte und Menschen mit Gehhilfen. Ihren Bedürfnissen hätte man mit der Aufrechterhaltung einzelner Direktverbindung Rechnung tragen können.

Fazit: Die Zukunftsgestaltung im Gäu und überall braucht kluge Ideen. Innovative Lösungen, die effizient, wirtschaftlich und gleichzeitig umweltschonend und nachhaltig sind. Obschon es auch sinnvoll sein könnte, den Fahrzeug- und Warenverkehr einzudämmen, ermöglichen heute moderne Technologien Perspektiven, die auf Wachstum ausgerichtete umwelt- und bedürfnisgerechte Lösungen ermöglichen. Solche Lösungen sollen auch für das «All-Gäu» wegweisend sein.

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