Statistische Einordnung
Geimpfter Colin Powell an Corona verstorben – doch die Impfung wirkt gut, wie diese Zahlen zeigen

Meldungen von Menschen, die trotz Impfung an Covid-19 sterben, häufen sich scheinbar. Doch der Eindruck täuscht. Das zeigt die Einordnung des Einzelfalls Colin Powell mit den verfügbaren Zahlen aus der Schweiz.

Christoph Krummenacher
Drucken
Teilen
Der ehemalige Aussenminister der USA unter George W. Bush, Colin Powell, verstarb am Montag nach Corona-Krankheit.

Der ehemalige Aussenminister der USA unter George W. Bush, Colin Powell, verstarb am Montag nach Corona-Krankheit.

AP

Die Meldung sorgte für Schlagzeilen: Der ehemalige US-Aussenminister Colin Powell starb an Covid-19, obwohl er doppelt geimpft war. Schützt die Impfung also doch nicht vor dem Coronavirus? Weit gefehlt, wie ein Blick in die verfügbaren Zahlen zeigt.

Der Impfstatus wird gemäss BAG seit Januar 2021 für hospitalisierte Fälle, Todesfälle sowie Fälle in sozialmedizinischen Einrichtungen durch einen behandelnden Arzt erfasst. Die Impfung führe nachweislich zu einem deutlich milderen Verlauf bei einer Ansteckung. Da die meisten Ansteckungen von Geimpften keine medizinische Behandlung benötigten, ist daher von einer «beträchtlichen Dunkelziffer» der Impfdurchbrüche auszugehen, so das BAG in seinem jüngsten Situationsbericht.

Eine von 100 Ansteckungen ist ein Impfdurchbruch

Dem BAG wurden für die Woche vom 4. bis 10. Oktober 2021 insgesamt 180 Ansteckungen von doppelt geimpften Personen gemeldet. Total sind seit dem 27. Januar 2021 3869 Impfdurchbrüche bestätigt. In dieser Zeit wurden 334'281 laborbestätigte Ansteckungen erfasst. Der Anteil der Impfdurchbrüche – der die Dunkelziffer nicht berücksichtigt – an der Gesamtzahl der Ansteckungen liegt demnach bei 1,157 Prozent.

Geimpfte im Spital: Eine von 16

Bis zum 17. Oktober mussten sich 649 Personen, die vollständig geimpft waren, wegen einer Corona-Infektion in Spitalpflege begeben. Die Geimpften machten 6,19 Prozent der Covid-Patienten in Spitalpflege aus. Demgegenüber standen 5505 Ungeimpfte, die nach einer Ansteckung hospitalisiert werden mussten. Sie machten 52,5 Prozent aus. Ungeimpfte sind also fast 8,5-mal häufiger in Spitalpflege als Geimpfte. Bei den Patienten, bei denen der Impfstatus bekannt ist (6375), betrug der Anteil Ungeimpfter sogar 86,35 Prozent.

«Vollständig geimpft» wird neu definiert

Seit dem 14. Oktober definiert das BAG ab dem Zeitpunkt der Injektion der zweiten Impfdosis die entsprechende Person als «Vollständig geimpft». Der vollständige Impfschutz tritt allerdings erst etwa 14 Tage nach dem Spritzen der zweiten Dosis ein. Das BAG begründet diese Anpassung der Definition «Vollständig geimpft» mit den teilweise unvollständigen Angaben zum Impfdatum. Da der Impfschutz erst aufgebaut werden muss, kommen daher neu auch Ansteckungen bei noch weniger gut geschützten Personen in die Statistik.

Verstorben trotz Impfung: Einer von 8

Bis zum 17. Oktober sind 130 Geimpfte verstorben. Von den 1036 Todesfällen, bei denen der Impfstatus bekannt war, macht das 12,5 Prozent aus. Dagegen waren 79,1 Prozent der Coronatoten nicht geimpft. Der Rest war teilweise geimpft.

Darum ist das Alter entscheidend

Ebenfalls zu berücksichtigen: Colin Powell war 84 Jahre alt. Impfdurchbrüche mit schweren Verläufen kommen primär bei älteren Menschen vor, die häufig an Vorerkrankungen leiden. Auch Powell hatte Medienberichten zufolge bereits seit Längerem gesundheitliche Probleme: Er litt an einer Blutkrebserkrankung und an Parkinson.

In der Schweiz sind 80 Prozent der Geimpften, die an Covid-19 sterben, über 80 Jahre alt. Gleichzeitig ist in dieser Altersgruppe die Impfquote besonders hoch (88,59 Prozent, Stand 17.10.2021). Sprich: Alte Menschen erkranken deutlich häufiger schwer an Covid-19, sind aber fast alle geimpft, was dazu führt, dass trotzdem viele geimpfte Personen unter den schweren Verläufen zu finden sind. Ein vermeintlicher Widerspruch, der gar keiner ist. Dieses Phänomen wird Simpson-Paradox genannt.

Dass ältere Menschen trotz Impfung weniger selten schwer an Covid-19 erkranken, hat primär damit zu tun, dass sie einen weniger guten Schutz durch die Impfung aufbauen. Das ist der Grund, weshalb für sie eine dritte Impfdosis geeignet sein könnte. So erreicht der Schutz die Höhe, wie sie es bei jüngeren Personen bereits nach zwei Dosen tut.

Fast alle Personen, die trotz doppelter Impfung verstarben, hatten Vorerkrankungen, oft mehr als eine. Die häufigsten waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Nierenerkrankung, Krebs, Atemwegserkrankungen, Diabetes, Adipositas oder Demenz.

Veränderung des Impfschutzes nach der zweiten Impfdosis: Der Impfschutz von Pfizer/Biontech (blau) und Moderna (rot) nimmt bei Menschen mit Vorerkrankungen deutlich schneller ab (rechts) als bei Menschen ohne Vorerkrankungen (links). Datenquelle: Public Health England

Veränderung des Impfschutzes nach der zweiten Impfdosis: Der Impfschutz von Pfizer/Biontech (blau) und Moderna (rot) nimmt bei Menschen mit Vorerkrankungen deutlich schneller ab (rechts) als bei Menschen ohne Vorerkrankungen (links). Datenquelle: Public Health England

Twitter/@jburnmurdochVisualisierung: Financial Times

Ungeimpfte sterben viel häufiger als Geimpfte

Die Zahlen des BAG zu den Impfdurchbrüchen (Stand 13.10.2021) zeigen also, dass bisher ein einziger Impfdurchbruch bei den Unter-50-Jährigen zum Tod geführt hat. Ungeimpfte verstarben in dieser Altersgruppe hingegen deren 19.

In der Altersgruppe der 50 bis 59-Jährigen gab es bisher 4 bestätigte Tote, die vollständig geimpft waren. Dagegen starben in dieser Altersgruppe 60 Personen, die ungeimpft waren (Verhältnis 1:15). Bei den 60 bis 69-Jährigen verstarben 9 Geimpfte im Gegensatz zu 133 Ungeimpften. Bei den 70 bis 79-Jährigen verstarben 23 Geimpfte im Gegensatz zu 194 Ungeimpften. Bei den Über-80-Jährigen verstarben 101 Geimpfte im Gegensatz zu 414 Ungeimpften.

Fazit: Kein Zweifel an Wirksamkeit der Impfung

Die Fachleute des BAG stellen in ihrem Bericht denn auch unmissverständlich fest: Die Zahl der gemeldeten vollständig geimpften Fälle sei im Verhältnis zum Total der Fälle, der Hospitalisationen und der Todesfälle im gleichen Zeitraum sehr niedrig. Dies auch dann, wenn die hohe Dunkelziffer bei den Impfdurchbrüchen ohne Testbestätigung mitberücksichtigt werde. Fazit der BAG-Experten: «Die Impfung schützt somit mit hoher Wirksamkeit gegen symptomatische Infektionen […] und gegen schwere Krankheitsverläufe.»

Zum Weiterlesen:

Aktuelle Nachrichten