Stadtbummel Solothurn

Schweissgebadet und panisch über den Dächern von Solothurn

Judith Frei
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Es geht steil hinab vom Krummturm.

Es geht steil hinab vom Krummturm.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Der Krummturm bewegt sich. Bebt die Erde? Ich fixiere das Dach mit meinem Blick und sehe: Er schwankt ganz leicht von links nach rechts und dann wieder zurück. Neben mir auf dem Gerüst stehen die Dachdecker. «Wenn sich das Gerüst bewegt, hat man das Gefühl, der Turm bewegt sich», sagt der eine lachend.

Wir sind ungefähr auf der zehnten Etage. Während die Dachdecker die Ziegeln befestigen, werde ich durch die Baustelle geführt. Bis zum obersten Stock seien es nur noch drei, vier Etagen, ich solle mir doch die Aussicht nicht entgehen lassen.

Als Kind hatte ich keine Mühe, in die Tiefe zu blicken. Erst als ich auf einer Wanderung über einen Grat gehen musste und mich die Panik packte, meine Knie wacklig wurden und ich auf dem Hintern den Abschnitt überwinden musste, realisierte ich: Ich habe Höhenangst. Niemals hätte ich damals gedacht, dass mich das in meinem Berufsleben beschäftigen würde.

Weit gefehlt, denn in Solothurn geschieht viel Interessantes in schwindelerregender Höhe. So wurde mir schnell klar, dass ich mir meine Höhenangst wieder abgewöhnen muss.

Als ich in den Dachstock des Buristurms über eine acht Meter hohe Leiter stieg, dachte ich schon, dass ich die Höhenangst überwunden habe. Beim Abstieg überkam mich wieder das Gefühl: Schweissige Hände, Herzklopfen, wacklige Knie. Unten angekommen, vergass ich die panische Angst schnell wieder, und ich war mir sicher: Die Höhenangst ist überwunden.

Auf der obersten Etage des leicht schwankenden Krummturm-Gerüsts wird mir aber klar, dass ich mich schon zu früh geheilt geglaubt habe.

Trotz allgemeiner Panik kann ich dann doch noch die Aussicht «geniessen». Ich sehe das weisse Redaktionsgebäude, ich sehe die Altstadt, ich sehe die Aare, die 48 Meter tiefer unter dem Turm vorbeifliesst. Gerne würde ich ein Foto machen. Zum Beweis. Dazu muss ich aber wenigstens eine Hand vom Geländer nehmen. Mir gelingen ein paar wacklige Bilder. Währenddem ich die Treppen hinuntersteige, merke ich, bis die Höhenangst völlig überwunden ist, muss ich noch einige Dächer in Solothurn erklimmen.