Solothurn

Rar geworden: Nur noch ein Stadt-Bäcker fabriziert Fasnachtschüechli

Bei den Solothurner Stadtbäckereien ist das Fasnachtsfieber in der Backstube ausgebrochen. Schenkeli, Schlüüferli, Krapfen und Berliner gibts überall. Fasnachtschüechli werden aber nur noch von einem Bäcker hergestellt.

Wolfgang Wagmann
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Fünf Fasnachtschüechli gibts bei Coop regulär für 2.95 Franken.

Fünf Fasnachtschüechli gibts bei Coop regulär für 2.95 Franken.

Wolfgang Wagmann

Bis ins Zimmer hinauf roch ich sie. Die «Chneublätze». Und sehen konnte ich sie auch als kleiner Knirps vom Zimmerfenster aus. Lag doch die Backstube der Bäckerei Flückiger gleich unter uns auf der Gegenseite der St. Urbangasse. Doch in der heutigen Kaffeehalle gibt es keine der krossen, weiss bepuderten, aber sehr zerbrechlichen Fasnachts-Naschereien mehr. Schenkeli ja, Zigerkrapfen und «Schlüfferli» auch; «Berliner haben wir das ganze Jahr über», erzählt die Verkaufsleiterin Tina Känzig. «Aber Fasnachtschüechli machen wir nicht.»

Im Schaufenster der Kaffeehalle dominiert zwar noch das Pink des Valentinstags - die Saisongeschäfte kommen immer schön der Reihe nach. Doch drinnen sind die Fasnachtsspuren unübersehbar. Stolz zeigt Tina Känzig die Spezialität des Hauses. «Die Fasnachtsmasken laufen sehr gut.» Es gibt sie mit Aprikosen- und Himbeer-Konfi. Weiss bepudert sind sie auch. Immerhin, ein Hauch von «Chneublätze».

Sie sind in Solothurn angekommen, die Fasnachtsspezialitäten
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Ruth Felder vom Müller Beck präsentiert eine Portion gluschtigi Schenkeli.
Philipp Hofer präsentiert seine Flämmli und Fasnachts-Truffes.
Verkaufsleiterin Tina Känzig schwört in der Kaffeehalle auf Fasnachtsmasken.
Almira Smajlovic mit den Fasnachtsleckereien der Suteria.
Marianne Ricklin mit einer Platte Schenkeli in der Bäckerei Trüssel.
Yves Studer mit dem so genannten Stempel, der für die Wölbung der Fasnachtschüechli sorgt.
Susanne Studer mit dem Fasnachtssortiment der Bäckerei Studer.

Sie sind in Solothurn angekommen, die Fasnachtsspezialitäten

Wolfgang Wagmann

Die Grossverteiler

Die Schenkeli sind riesig, ebenfalls hats Schlüferli, Zigerkrapfen und Berliner, dazu gibt’s Patisserie mit Konfetti obendrauf. Fasnachtschüechli? Marianne Ricklin, Geschäftsinhaberin der Bäckerei Trüssel in der Vorstadt lächelt schmal und erklärt mit ironischem Unterton: «Die machen wir nicht. Die Grossverteiler machen die besser, sagen alle.» Immerhin, das übrige Fasnachtsprogramm kann sich sehen und riechen lassen. «Das gibt es bei uns immer ab dem Hilari bis am Aschermittwoch. Keinen Tag füher und keinen länger.»

Schräg gegenüber in der Bäckerei Laube mit der Stadtrösterei ein ähnliches Bild in der Auslage wie bei Trüssel. Keine «Chneublätze». Dafür entdecken wir «Böögge»-Gipfeli. Wie die Fasnachtschüechli in Öl ausgebacken. Aber eben als Gipfeli. Und mit normalem Zucker bestreut. Interessant.

Berliner mit Vanille

Fehlanzeige in Sachen Fasnachtschüechli auch in der Suteria. Dafür kann Almira Smajlovic mit einer Basler Fasnachtspezialität aufwarten. Fastenwähen. Hat nichts mit Fruchtwähen zu tun, sondern geht in Richtung Kümmelbrezel. Gibt’s auch beim Studer Beck oben, aber als normale «Chümi-Ring». Schenkeli, Schlüferli, Quarkkrapfen, Berliner alles da. Und obendrauf noch die Vanille-Berliner.

Von der Form her eher ein Chlause-Härdöpf, weil länglich oval. Aber verführerisch. «Die Sachen laufen alle sehr gut. Aber am Umzug ist dann eher Salziges gefragt», weiss die Suteria-Verkäuferin. Sie freut sich auf die Fasnacht: «Eine schöne Zeit. Sie ist wichtig für uns, und es ist anders zum Arbeiten. Wir haben einen Aussenstand, und darum ist wichtig, dass das Wetter stimmt.»

Beim Müller-Beck kommt alles aus dem Holzofen. Fast alles, denn das Fasnachtsgebäck wird natürlich auch im Öl ausgebacken. «Nein, Coop und Migros machen das viel günstiger», winkt Ruth Felder bei der «Chneublätze»-Frage ab. Schenkeli, Schlüferli, Berliner und Zigerkrapfen. «Wir machen die richtigen, die mit Ziger drin», vermutet die Geschäftsinhaberin, dass dem anderswo nicht ganz so ist. Nach der Fasnacht ist Schluss damit, «dann machen wir Ferien und danach ist schon Ostern im Anmarsch.»

«Habe sie kalkuliert»

Philipp Hofer hat am Stalden vorne einer eine etwas andere Antwort auf die Frage. «Wir haben vor fünf Jahren mit den Fasnachtschüechli aufgehört. Ich habe sie kalkuliert. Aber es rentiert einfach nicht.» Mit ein Grund sei die hohe Ausschuss-Quote der zerbrechlichen Dinger, «denn sie müssen schön dünn sein.» Und die der Kunde natürlich nicht in Brösmeli-Form haben möchte. Auch sei die Nachfrage massiv zurückgegangen. «Bei meinem Vater bestellten die Solothurner Familien noch zehn, zwanzig Stück und nahmen sie dann mit in die Skiferien.» Aber auch die früher obligate Fasnachts-Pastete sei Geschichte.

Dafür nimmt sich der Confiseur kreativ der Fasnacht an. Das Sujet gibt’s in Marzipan und Schoggi, desgleichen den Fasnachts-Hit, das Flämmli, und dazu hat Hofer Fasnachts-Truffes mit süssen Konfetti auf Lager. Aber auch die Klassiker Berliner, Schenkeli und Schlüferli, dazu neben dem Ziger auch einen Apfel-Caramel-Krapfen. Ganz nach dem Fasnachts-Motto der Bäcker und Confiseure: «Alles was fett ist, ist gut.»

Der letzte Mohikaner

Doch es gibt ihn noch, den Bäcker, der «Chneublätze» herstellt. Sie sind aber noch nicht zu haben. «So zehn Tage vor Fasnachtsbeginn fangen wir damit an.» Yves Studer weiss zwar, dass er vom Preis her nicht konkurrieren kann. «Für einen von mir gibt’s beim Grossverteiler wohl fast eine Packung», tönt es bei der Familie Studer, wo Mutter Susanne im Laden steht. «Aber sie verkaufen sich trotzdem», ist der Sohn überzeugt. «Sie müssen ganz dünn sein», hat Studer den gleichen Anspruch wie Hofer an die Fasnachtschüechli.

Wichtigstes Utensil ist der so genannte Stempel, ein einfaches rundes Metallgitter, das beim Ausbacken im Öl für die Wölbungen und Buckel im Teig sorgt. Natürlich sind bei Studers auch die Klassiker Berliner, Zigerkrapfen oder Schenkeli erhältlich. Aber auch bei ihnen gilt wie den andern Bäckersleuten auch: «Am Aschermittwoch ist dafür Deadline.»

Wenn das «Chüechli-Heusche» völlig ausartete

Schon im Mittelalter waren Fasnachtschüechli eine beliebte Fasnachtsspezialiät. Im 15. Jahrhundert bewirtete der Stand Solothurn Fasnachtsgäste aus der Innerschweiz unter anderem mit 5000 Chüechli. Damals betrieben junge Burschen das «Chüechli-Heusche» und zogen nachts zu den Häusern der Angebeteten, um Chüechli und wohl anderes mehr zu «heuschen».

Daraus entstanden oft Raufhändel rivalisierender Gruppen, sodass auch in Solothurn die Obrigkeit dem Brauch den Kampf ansagte.
Vom Fettgebackenen hat auch der Schmutzige Donnerstag seinen Namen – eben von «Schmutz» oder Fett. Der Donnerstag vor dem Aschermittwoch war der letzte Schlachttag vor der Fastenzeit, danach gabs ab dem Aschermittwoch 40 Tage lang kein tierisches Fett mehr. Ergo wurde noch rasch alles verwertet, was auch die damaligen fasnächtlichen Fress- und Sauf-Exzesse erklärt.

Heute wiegt ein Fasnachtschüechli, bestehend aus Eiern, Rahm, Mehl und Puderzucker rund 30 Gramm – birgt aber 200 Kilo-Kalorien in sich. Die in der Ostschweiz «Öhrli», bei uns wegen des Ausdünnen des Teigs über das Knie «Chneublätz» genannte Nascherei ist in der Schweiz sehr beliebt: Laut der Coop-Zeitung werden jährlich über 50 Mio. Stück oder 720 Tonnen der zerbrechlichen Delikatesse weggeputzt. Übrigens: Schon die alten Ägypter erfreuten sich an Fettgebackenem. (ww)