Fund in Solothurn

Hinter dem Loch tat sich «eine Sensation» auf

Bei Leitungsarbeiten stiess man am Dienstag auf ein unterirdisches Gewölbe vor dem Baseltor. Nach erster Einschätzung der Denkmalpflege dürfte es sich um ein Reservoir aus oder nach der Zeit des Schanzenbaus im 17. Jahrhundert handeln.

Wolfgang Wagmann
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Das äussere Baseltor rechts war verschoben. Unter dem Wegkreuz lag schon damals das Reservoir.
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Die drei Meter lange Einstiegsleiter verdeutlicht die Dimensionen des Gewölbes.
Die Kaverne erstreckt sich über sicher gut 25 Meter.
Der nördliche Abschluss mit dem Leitungsgang links Richtung Studer Beck.
Kaverne beim Baseltor in Solothurn entdeckt
Kriegsrat der Fachleute.
Urs Bertschinger von der Denkmalpflege hat gut lachen.
Urs Bertschinger ist zurück - dreckig, aber glücklich.

Das äussere Baseltor rechts war verschoben. Unter dem Wegkreuz lag schon damals das Reservoir.

zvg

Solothurn ist immer wieder für eine Überraschung gut: Bei Routinearbeiten an einem Schacht vor dem Baseltor stiess man auf ein riesiges Gewölbe von gut 25 Metern Länge. Nicht ganz zufällig, denn dem Schanzenkenner Ruedi Erzer war das unterirdische Reich nicht unbekannt. «1940 ist hier ein Lastwagen eingebrochen», wusste er aus alten Akten.

Ein Vorfall, der ansonsten in Vergessenheit geraten ist, doch bei den Schachtarbeiten wies Erzer die dortigen Arbeiter auf die Möglichkeit hin, dass sich hier ein grösserer Hohlraum unter der Zufahrt zum Baseltor befinden könnte.

Darauf räumten die Arbeiter einen grösseren, zum Vorschein gekommenen Solothurner Steinbrocken beiseite, und im Kegel der Taschenlampe tat sich hinter dem Loch nicht nur für Ruedi Erzer «eine Sensation» auf: das sauber gehauene und gemauerte Rundgewölbe einer Kaverne, wie Erzer den Hohlraum nennt.

Wasserstände noch gut ablesbar

Kurz nach dem Mittag dann Aufregung: Neben Erzer und den Arbeitern sind auch der Bauexperte Urs Bertschinger von der Kantonalen Denkmalpflege sowie Ylva Backman von der Kantonsarchäologie aufgetaucht, um einen ersten Blick auf den unterirdischen Hohlraum zu werfen.

Werkhofarbeiter Markus Marti hatte beim beängstigend engen Einstiegsloch eine drei Meter lange Alu-Leiter hinabgelassen und wagte sich zusammen mit Bertschinger hinab in den dunklen Untergrund. Nach einer Viertelstunde erst tauchte der Mann von der Denkmalpflege völlig verdreckt wieder auf und schilderte seine ersten Eindrücke.

«Es handelt sich wohl um ein Reservoir», wirkte Bertschinger eher emotionslos. Also kein Massengrab, wie ebenfalls entdeckte Knochenfragmente hätten spekulieren lassen können. Sondern ein riesiger, lang gestreckter Wasserspeicher.

«Die jeweiligen Wasserstände sind an den Wänden noch gut ablesbar», so der Experte. Das Gewölbe dürfte sich über rund 25 Meter Länge erstrecken, und eine Höhe von 4 bis 4,5 Metern im Gewölbescheitel erreichen. Die genaue Höhe ist auch für Bertschinger wegen der nicht bekannten Mächtigkeit der Sediment-Ablagerungen auf dem Boden kaum einzuschätzen.

Leitung Richtung Studer Beck

«Ganz hinten im Norden verläuft ein Gang, wohl eine Wasserleitung, schräg weg zur Altstadt, ungefähr in die Richtung des Studer Becks», weiss Urs Bertschinger weiter. Die Spekulation ist erlaubt: Spies der Stadtbach, der beim erst später erstellten Franziskanertor über einen Aquädukt in die Stadt geführt wurde, zur Schanzenzeit das Reservoir?

Der Gang ist nach wenigen Metern mit Erdreich zugeschüttet – ganz im Gegensatz zum sauber gemauerten rund zwei Meter langen Gangstück im Süden. «Es endet an einer Bruchsteinmauer», lautet dazu die erste Erkenntnis des Denkmalpflegers. Seltsam: Zwei alte, verschlammte Glühbirnen werden ebenfalls aus der Unterwelt zutage gefördert. Stammen sie aus der Zeit des Lastwagen-Malheurs? «Ja die Einbruchstelle ist klar zu sehen. Sie wurde damals mit Brettern abgedichtet und zubetoniert», bestätigt Bertschinger den Ruedi Erzer bekannten Unfall von 1940.

Wohl kein Schanzenmuseum

Was mit dem spektakulären Fund nun passiert, ist natürlich wenige Stunden nach der Entdeckung noch völlig offen. Sicher würde das Reservoir von der Denkmalpflege aufgenommen und inventarisiert, sollte das Loch einfach wieder geschlossen und der Hohlraum dem Schicksal überlassen werden.

Ruedi Erzer wälzt schon erste Visionen: «Man könnte doch dort unten ein Schanzenmuseum einrichten. Das wäre eine touristische Attraktion.» Dagegen hält Bauexperte Bertschinger: «Eine Nutzung und das zugänglich Machen des Gewölbes ist wohl sehr problematisch. Dies aufgrund der Feuchtigkeit an den Wänden.»

Denn ein Abdichten des gut 100 Quadratmeter grossen Raums rundum würde wohl enorm kostspielig, vermutet der Bauexperte. Gar kein Thema ist ein «Andocken» des Gewölbes ans nahe Parkhaus Baseltor – der damalige Perimeter der Baugrube hatte 1990 gerade nicht mehr bis an den Rand des Reservoirs gereicht. So musste dieses nochmals 26 Jahre auf seine Wiederentdeckung nach dem eingesackten Lastwagen warten.

Zur Zeit des Schanzenring gab es zwei Baseltore – ein inneres und ein äusseres

Das Wasserreservoir erstreckte sich bis unter das damalige Zollhäuschen

Im Osten wurde beim Schanzenbau Ende des 17. Jahrhunderts zwischen der heute noch stehenden Riedholzschanze und der Bastion St. Peter an der Aare ein Bollwerk in der Mitte erbaut: Die St. Josephschanze. Sie deckte das äussere Baseltor, das über eine lange Brücke oberhalb des trockenen Schanzengrabens erreicht werden konnte. Die Fahrstrasse wurde nach dem Schanzentor schräg zum spätmittelalterlichen inneren Baseltor geführt, das ebenfalls noch vollständig erhalten ist. Nordseitig dieses kurzen Strassenabschnitts befand sich ein Zollhäuschen, das wohl auch der Personenkontrolle diente. Die jetzt wieder entdeckte Kaverne erstreckte sich demnach von der Mitte des südlichen Baseltor-Seitenturms bis unter das Zollhäuschen, respektive dessen an der Westfront angebauten, überhöhten Garten. Vor dem Schanzenbau verlief der Stadtgraben unmittelbar vor dem Baseltor und wurde ebenfalls mittels einer (Zug)brücke überquert. Beim Schanzenbau musste der Graben zwischen dem alten und dem neuen äusseren Baseltor für den Strassenverlauf aufgeschüttet werden. Die bereits vorhandene Grube des mittelalterlichen Stadtgraben anerbot sich wohl gleich für den Einbau eines Reservoirs innerhalb des neuen Befestigungsrings. 1835 wurde der Schanzenabbruch, vor allem politisch motiviert, ausgerechnet beim Baseltor in Angriff genommen. Trotz der für alle Fuhrwerke willkommenen Begradigung der Baseltorzufahrt tauften die erbosten Stadtbürger die erste Schanzenlücke «Oltner Loch». (ww)