Sozialreport

Demografie hilft Solothurn, Sozialkosten zu sparen

Die Sozialen Dienste im Kanton Solothurn schneiden im Vergleich mit Ämtern andernorts effizienter ab: Die Sozialhilfekosten sanken. Die Leiterin des städtischen Sozialdienstes führt dies auf den Mangel an freien Wohnungen in Solothurn zurück.

Samuel Thomi
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Ab Sommer/Herbst wird die Abbruchliegenschaft an der Gibelinstrasse 20 Unterkunft für 16 asylsuchende Einzelpersonen.

Ab Sommer/Herbst wird die Abbruchliegenschaft an der Gibelinstrasse 20 Unterkunft für 16 asylsuchende Einzelpersonen.

Andreas Kaufmann

Wie sich die Sozialhilfe entwickelt? Das wollte die «Schweiz am Sonntag» von 20 grösseren Städten wissen. Und erhielt für letztes Jahr wenig überraschende Antworten: Praktisch überall im Land nehmen die Anzahl Fälle sowie die Kosten zu. Teilweise gar im zweistelligen Prozentbereich.

GIbelinstrasse 20: Asylunterkunft auf dem Weitblick-Areal geplant

Wie dem Reporting auch zu entnehmen ist, ist auf Sommer/Herbst an der Gibelinstrasse 20, wo bislang das provisorische Stadttheater-Sekretariat stationiert war, eine Aufnahmestelle für 16 Asylsuchende geplant. Dies bestätigt auch Alex Nussbaumer, stellvertretender Leiter der Sozialen Dienste. Gerade die angespannte Marktlage erschwere es Menschen mit Flüchtlingsstatus, eine Wohnung zu finden. Diese bleiben oft in Kollektivwohnungen hängen, die für Asylsuchende vorgesehen wären. Mit der Liegenschaft in der Weststadt werde die Lage entschärft – auch angesichts neuer Asylsuchender, die im Rahmen des Aufnahmesolls hinzukommen werden. Während andere Sozialdienste die Betreuung an Dienstleister wie ORS auslagern, wird in Solothurn stattdessen eine Gruppe Freiwilliger aufgebaut, die den Asylsuchenden in lebenspraktischen Fragen zur Seite stehen soll. Die Liegenschaft selbst ist erst mit der langfristigen Weitblick-Bebauung zum Abbruch vorgesehen. (ak)

Aus dem Rahmen fällt Solothurn. 2014 musste die Ambassadorenstadt zwar ebenfalls mehr Personen (rund 700) als im Vorjahr (ca. 670) unterstützen. Dennoch sanken die Sozialhilfekosten letztes Jahr um fast 250 000 Franken. Wie das geht? «Wir haben keine besondere Strategie», sinniert auf Nachfrage Domenika Senti, Leiterin des städtischen Sozialdienstes. «Vom Schiff aus betrachtet» profitiere Solothurn aber «wohl weitgehend von der Demografie». Und davon, dass es in der Kantonshauptstadt anders als in anderen Städten kaum noch freie Wohnungen gebe.

Noch fehlen Vergleichszahlen

Anruf beim Kanton. Dort erklärt David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit (ASO), er habe ebenfalls keine simple Erklärung für das Solothurner Phänomen. Da die verschiedenen Gemeinden und Sozialregionen die Daten derzeit allerdings noch unterschiedlich erhöben, seien von der Zahlenseite her im Kanton Solothurn noch keine haltbaren Vergleiche möglich. Und die aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik datieren von 2013.

Kehren wir auf der Spurensuche zum Phänomen der Sozialkosten in der Stadt Solothurn also auf die Interpretationsebene zurück. Auf Fälle aus der Ostschweiz angesprochen, wo sich Gemeinden wehren, Sozialhilfebeziehende zuziehen zu lassen, erwidert Domenika Senti mit klaren Worten: «So ein Vorwurf wäre mir in den 30 Jahren auf der Stadtverwaltung noch nie zu Ohren gekommen.» Vielmehr pflege die Stadt Solothurn mit den umliegenden Sozialdiensten und der Sozialregion einen guten Austausch. «Darüber hinaus arbeiten wir schlicht exakt und professionell.»

Offene Fragen klären

Dazu gehört für Domenika Senti beispielsweise ein sorgfältiges, klar geregeltes und effizientes Aufnahmeverfahren (Intake), um rasch die Bedürftigkeit der Sozialhilfe beantragenden Personen beurteilen zu können. Sehr gut abgeklärt werden müsse dabei die Subsidiarität, also die Frage, ob keine andere Behörde oder etwa Versicherung dafür aufkommen muss. Schliesslich helfe bei all dem, dass nur gut geschulte Fachpersonen das Intake vornehmen würden. «Und genau hier», so Senti, «geniessen wir die volle Unterstützung der Stadt Solothurn.» Das sei nämlich nicht selbstverständlich, kommentiert die Chefin des Sozialdienstes.

Wie entwickelt sich die Sozialhilfe in anderen Städten im Kanton? Trotz mehrfacher Anfragen waren in Grenchen keine Auskünfte erhältlich. Aus dem eingangs erwähnten Artikel der «Schweiz am Sonntag» von Mitte Februar geht einzig hervor, dass die Zunahme der Sozialhilfefälle letztes Jahr leicht tiefer ausfiel als in Solothurn. Zu den Kosten steht nichts. Übersichtlicher präsentiert sich die Situation im unteren Kantonsteil.

Während die Dossierzunahme der Sozialregion Olten 2009 bis 2013 mit einem Drittel (auf 1325 Fälle) leicht unter dem Schnitt liegt (Kanton: plus 36 Prozent auf 7186 Dossiers), steht die Stadt Olten mit plus 15 Prozent noch besser da. Zahlen zum 2014 will Hans Peter Müller, Geschäftsleiter der Sozialregion Olten, auf Anfrage aber nicht nennen. Er verweist auf einen Bericht des Kantons, der im Sommer publiziert wird. Doch auf Nachfrage schätzt er: «Das kantonale Mittel könnte auch 2014 zirka bei 7 Prozent liegen.» Dies gelte wohl auch für seine Sozialregion.

Forderungen an die Politik

Zurück zum Spezialfall Solothurn: Reicht es wirklich, genau hinzuschauen und die Sozialhilferegeln strikt anzuwenden, um die Kosten in den Griff zu bekommen? Wohl kaum. Können ein, zwei teure Fälle das fragile Konstrukt leicht aus dem Gleichgewicht bringen? Im jährlichen Reporting Soziales, das nächsten Dienstag in den Gemeinderat kommt, stellen die Sozialdienste der Stadt Solothurn darum auch Forderungen an die Politik. Die auf 2015 vom Kanton beschlossenen Sparmassnahmen schwächten die Integrationsmöglichkeiten der Sozialhilfe.

«Mit Leistungskürzungen werden neue Probleme geschaffen», folgert Solothurns Sozialdienst. Darunter leide insbesondere das Drittel Kinder und Jugendliche unter den Sozialhilfebezügern. Und dann brauche es endlich vergleichbare Zahlen; in der Sozialregion wie auch kantonsweit. Darum engagiere sich Solothurn auch in einer kantonalen Arbeitsgruppe, die den elektronischen Datenaustausch forcieren will. Die grösste Herausforderung für die Politik sieht das Reporting Soziales der Stadt Solothurn jedoch im Wohnungsmarkt; nicht zuletzt für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge (siehe Kasten rechts).