Solothurn
125 Jahre alt: Solothurner «Dampf-Dornröschen» wurde wieder wach geküsst

Der liebevoll restaurierte Aare-Veteran - das Dampfboot St. Urs - hat eine bewegte, 125-jährige Geschichte Geschichte hinter sich. Nach einer langwierigen Restauration schippert das Schiff nun wieder über die Solothurner Aare.

Wolfgang Wagmann
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Das Dampfboot St. Urs blickt auf bewegte 125 Jahre zurück
7 Bilder
Passage des Krummen Turms
Die schmucke Dampfmaschine
Aufnahme aus den 1890er Jahren kurz vor dem Stapellauf
Besitzer Thomas Schmid freut sich im Heck über das Interesse der Fahrgäste
Bei der Inbetriebnahme 1894 vor der 1905 abgerissenen Turnschanze
Unterwegs auf dem Vierwaldstättersee

Das Dampfboot St. Urs blickt auf bewegte 125 Jahre zurück

Wolfgang Wagmann

«Es gibt nur noch zwei Dampfboote in der Schweiz auf der Originalbasis – alle anderen sind reine Replikas.» Der Stolz auf den Aare-Veteran St. Urs, der sich nun wieder in Solothurn zeigt, ist bei Thomas Schmid unüberhörbar.

Denn seit 125 Jahren existiert er nun schon, ein wahrhaft biblisches Alter für ein Dampferchen seiner Art. Dessen Liaison mit den Brüdern Martin und Thomas Schmid hatte allerdings erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen.

Im Buch «Geschichte der Schifffahrt auf den Juragewässern» entdeckten die beiden damals das Schiff, und es sollte ihnen als Muster für einen Modellbau dienen. «Wir schauten uns dann das Original auf dem Sarnersee an – es war in einem schlechten Zustand.»

Plötzlich habe es «Klick» gemacht, so Thomas Schmid, und «wir wollten es haben, um damit wieder Dampfbootfahrten auf der Aare zu ermöglichen.» 1986/87 wurden ergebnislos Kaufverhandlungen mit den Innerschweizer Besitzern geführt, erst 1992 sollte der Erwerb gelingen.

Nun ging es an eine langwierige Renovation: Der vorherige Elektroantrieb war ausgebaut, der Rückbau zu einem offenen Rumpf Voraussetzung, damit das Boot wieder zum Original-Erscheinungsbild umkonstruiert werden konnte.

Dies war dank einem sensationellen Fund möglich: Im Besitz der Familie von Sury fand sich ein ganzes Dossier mit historischen Unterlagen sowie die historische Salutkanone. 1994 fand sich sogar in England eine passende Vierzylinder-Verbunddampfmaschine des Jahrgangs 1898, also auch von der Fabrikationszeit her ideal für den «St. Urs».

Es sollte bis 2006 dauern, ehe er nach akribischer Detailarbeit in der Luzerner Dampfschiff-Werft SGV wieder in (den) See stechen konnte. «Wie viel uns das gekostet hat? Ich weiss es nicht einmal», lacht Thomas Schmid. «Wir haben einfach immer wieder ins Portemonnaie gelangt.»

Eine kurze Renaissance

Eigentlich war 1889, als Ferdinand von Sury die Aareschifffahrt wieder beleben wollte, die kurze Epoche der Dampfer in Solothurn längst vorbei. 1857 hatte die Eisenbahn ihnen den Rang abgelaufen, die Dampfschifffahrt war nach kurzer Zeit schon wieder eingestellt worden.

Doch von Sury gründete mit fünf Solothurnern den Solothurner Dampfboot Club SBDC. In Harburg bei Hamburg bestellte man einen kleinen Schraubendampfer, konzipiert für 14 Personen. Er kostete 5000 Mark, und am 4. Juli 1989, also genau heute vor 125 Jahren, unternahm der «St. Urs» mit eigens angestelltem Heizer und einem Maschinisten die erste Aarefahrt in Solothurn.

1890 kam es sogar zu einer Dreiseenfahrt von 146 Kilometern Länge – dabei wurden in einem Tag 550 Kilo Kohle verheizt. Schon 1894 wurde der Club jedoch mangels Erfolg und Mitgliedern aufgelöst.

Das Boot wurde nach Alpnachstad verkauft und zum Schlepper umgebaut. 1903 erwarb es ein Möbelfabrikant, der den «St. Urs» zu einem Passagierboot für 22 Personen mit Elektromotor umbaute und fortan unter dem Namen Volta auf dem Sarnersee einsettze. Bis in die siebziger Jahre stand der der ehemalige «St. Urs», erneut mehrfach umgebaut, zusehends als Arbeitsboot im Dienst, ehe es die Brüder Schmid im erwähnten desolaten Zustand antrafen.

Ein gern gesehener Gast

In neuem alten Glanz taucht das Dampferchen nun gelegentlich wieder auf der Aare auf. «Wir setzen es nicht für kommerzielle Fahrten ein», betont der Miteigentümer, doch gelegentlich würden Fahrten für die Allgemeinheit angeboten, so auch am Wienachtsmäret in der Vorstadt.

Regelmässig ist der «St. Urs» jedoch an Oldtimertreffen ein gern gesehener Gast. «Wir waren mit ihm schon in Berlin und sogar beim Yachtclub Monaco», erzählt Thomas Schmid. «Dort fuhren wir sogar ein kurzes Stück auf dem Meer herum.»

Auf der Aare erreicht das «schnüfelige» Dampfboot mit seiner historischen Dampfmaschine immerhin 12 bis 13 km/h – «das reicht völlig», weiss Käpt’n Schmid aus Erfahrung. Auch sei der Betrieb der Dampfmaschine mit Holz-Pellets recht günstig.

Original sind zwar nur noch Teile des Rumpfs sowie der Steuerungsanlage und natürlich die erwähnte Salutkanone, aber der «St. Urs» ist für die Besitzerfamilien Schmid das «letzte noch fahrende Schweizer Schiff, dessen Geschichte über 125 Jahre lückenlos dokumentiert ist».

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