Mein Olten
Gegen Verrohung in rohen Zeiten

Gabriela Allemann
Gabriela Allemann
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«Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich liebevoll geschmückte Strassen, mit Christbäumen, grossen Kugeln und Lichtern»(Archivbild)

«Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich liebevoll geschmückte Strassen, mit Christbäumen, grossen Kugeln und Lichtern»(Archivbild)

Olten 2020: Das Coronavirus hat auch die Drei-Tannen-Stadt fest im Griff. Menschen erkranken und sterben. Geschäfte mussten definitiv schliessen. Hotels stehen leer. Menschen leiden, zum Teil unter existenzbedrohenden Einschnitten – denn es ist nicht sicher, dass für ihre Ausfälle aufgekommen wird. Es ist eine rohe Zeit: Massnahmen, um unsere schwächeren Mitbürgerinnen und Mitbürger zu schützen, werden aufgerechnet und abgewogen mit vermeintlichem Lebenswert.

Angst ist spürbar. Vor dem Virus, welches die Infizierten brutal an ihren schwachen Punkten erwischt – von denen sie vorher vielleicht gar nichts wussten. Vor weiteren Einschränkungen. Angst aber auch davor, dass unsere Zukunft ganz anders sein wird, als wir uns das gewünscht und erhofft hatten.

Israel, um das Jahr 0 unserer Zeitrechnung: Das römische Imperium hat auch das Land im Nahen Osten im Griff. Es ist eine rohe Zeit. Die Menschen leiden unter Armut und dem Machthunger des römischen Kaisers.

Angst ist spürbar. Vor den Schergen des römischen Kaisers, der die Menschen unterdrückt, um sich selber zu bereichern. Der sich an Gottes Statt setzt und den Menschen damit auch ihr Recht auf freie Religionsausübung nimmt. Der nicht vor Mord zurückschreckt, wenn er sich und seine Macht bedroht sieht.

Damals wie heute, in aller Unsicherheit und Angst: Hoffnung auf Veränderung, auf Licht. Der Stern, von dem die Weihnachtsgeschichte erzählt, ist ein Zeichen dieser Hoffnung.

Wie schön, dass gerade in diesem Jahr – wenn auch wegen des Sturmes leider nicht in Olten – eine ähnliche Sternen-Konstellation am Himmel zu sehen war wie damals, vor über 2000 Jahren!

Heiligabend: Fest der Liebe. Wir denken an die Verstorbenen, auch aus unserer Stadt. Zu viele Menschen sind dieses Jahr an Weihnachten traurig, weil sie eine nahestehende Person an Corona – oder auch aufgrund anderer Umstände – verloren haben. Wir denken an die Erkrankten, Einsamen.

Heiligabend: Christinnen und Christen feiern die Geburt Jesu. Des kleinen Kindes armer Eltern, in einem Stall in Bethlehem. Der König des Friedens, Gott selber, zeigt sich klein, arm, bedürftig. Welch wunderbare Botschaft – gerade in diesem ausserordentlichen Jahr.

Es braucht gar nicht viel, um diese besondere Nacht zu feiern. Wir dürfen uns von ihr beschenken lassen. Mit Hoffnung, mit Licht. Mit Zuversicht.

Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich liebevoll geschmückte Strassen, mit Christbäumen, grossen Kugeln und Lichtern. Und jeden Abend wurde am kulturellen Adventskalender ein Türchen geöffnet und zu Hause auf dem Sofa liess sich Musik, Kabarett und mehr geniessen. Auch in unserem Quartier wurde täglich ein Fenster neu geschmückt und beleuchtet und lud ein zum Spaziergang. Dank Technik und engagierter Menschen in den Oltner Kirchgemeinden und Pfarreien können wir gar virtuell Gottesdienst feiern.

Weihnachten findet statt. Anders. Kleiner. Dass wir uns sehnen nach unseren Lieben, verbindet uns mit Menschen aus vergangenen Zeiten, welche auch getrennt waren am Fest der Liebe. Wir heutigen Menschen können uns zumindest virtuell miteinander verbinden.

Aus diesem Sehnen und der Dankbarkeit kann Solidarität wachsen. Mit den Menschen, die sterben, mit denen, die ihre Lebensgrundlage verlieren. Denen, die psychisch leiden. Setzen wir uns dafür ein, dass ihnen geholfen wird, substanziell, finanziell. Damit wir, als Menschheit, später, in vielleicht 2000 Jahren, zurückschauen auf dieses ausserordentliche Jahr und sagen können: doch, das haben wir gemeistert. Gemeinsam. In dieser rohen Zeit sind wir nicht verroht.

Gabriela Allemann aus Olten, Pfarrerin und Präsidentin Evangelische Frauen Schweiz EFS

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