Olten

Dank Judo sollen Kinder netter zum Gspändli sein

An der Primarschule und im Kindergarten Säli in Olten gibts anstatt Turnen Judo-Unterricht. Dies dank einem Schulprojekt von Sergei Aschwanden, Judoka und Bronzemedaillen-Gewinner an den Olympischen Spielen vom 2008.

Deborah Onnis
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Lebensschule auf der Matte: Olympia-Medaillengewinner Sergei Aschwanden (in Strassenkleidung) zu Besuch bei den Projektteilnehmern in Olten.

Lebensschule auf der Matte: Olympia-Medaillengewinner Sergei Aschwanden (in Strassenkleidung) zu Besuch bei den Projektteilnehmern in Olten.

HR Aeschbacher

Rund 20 Kinder im Alter zwischen fünf und sechs Jahren lassen sich in der Turnhalle der Primarschule Säli in Olten zu Boden fallen, rappeln sich wieder auf, fangen sich gegenseitig. Das Spielen, Umwerfen und Umfallen gehört aber nicht zum normalen Sportunterricht, sondern zur Judo-Lektion. Seit August ersetzt diese für die Primarschüler eine Sportstunde in der Woche beziehungsweise für Kindergartenschüler eine alle zwei Wochen. Vorerst für ein Jahr, in dem das Jahresthema in Verbindung mit dem Judo-Projekt in der Säli-Schule «Gewaltprävention und Konfliktmanagement im Schulalltag» heisst. «Wir haben kein Problem mit Gewalt. Da in unserer Schule aber viele verschiedene Kulturen vertreten sind, besteht ein grösseres Potenzial für Reibereien», so der Schulleiter Stefan Thöni. Deshalb sei die Schule sehr offen gewesen, als Sergei Aschwanden, Judoka und Bronzemedaille-Gewinner an den Olympischen Spielen im 2008, das spezielle Projekt «Judo in der Schule» anbot.

300 Kinder sind in Olten am Projekt beteiligt

Zu Beginn habe es unter den Lehrern schon auch Skeptiker gegeben. Mittlerweile seien aber alle vom Judo-Unterricht begeistert, so Thöni. Mit der Kampfsportart, die altersgerecht vermittelt wird, würden die Kinder nicht nur ein stärkeres Selbstwertgefühl erhalten, sondern auch wichtige Werte lernen und leben. Sogar bei den Kleinsten habe der Unterricht enorme Wirkung gezeigt. «Seit die Kinder Judo trainieren, reicht ein Wort und sie versammeln sich sofort», sagt Lehrerin Therese Arnet vom Kindergarten Speiserstrasse. «Auch die Kinder freuen sich jedes Mal, wenn sie in den Judo-Unterricht gehen.»

Stiftung finanziert Projekt mit 30 000 Franken

Die Stiftung von Sergei Aschwanden, die von Sponsoren getragen wird, finanziert mit rund 30 000 Franken jährlich das Schulprojekt «Judo in der Schule» an der Oltner Primarschule Säli. Aschwanden führt seit dem Jahr 2011 das Projekt in Schulen der Westschweiz durch. Olten ist das erste Pilotprojekt der Deutschschweiz. Der Judoka berichtet von positiven Erfahrungen. Vor allem der Umgang unter den Schülern habe sich während des Projekts stets sehr verbessert. Dies würden mittlerweile auch zwei Studien, eine der Uni Lausanne und eine der Pädagogischen Hochschule Lausanne belegen. Unklar ist aber, wie stark und ob die Judo-Erfahrung sich auch nach dem Schulaustritt auf die Schüler weiterhin positiv auswirkt. (DO)

Genau hinter diesem Wertetranfer sieht Schulleiter Thöni den Sinn des Projekts. «Es ist genial, wie gewisse Werte durch das Judo die Kinder wirklich erreichen.» Dies funktioniert laut der Kindergartenlehrerin Therese Arnet bei kleineren Kindern besonders gut, da diese vor allem über die Gefühlsebene kommunizieren. «Dadurch, dass sie während des Judo-Unterrichts die Werte leben, zum Beispiel lernen, dem Gspändli aufzuhelfen, wenn es umgefallen ist, machen sie das im Alltag auch», so die Kindergartenlehrerin. Auch die Lehrpersonen machen beim Judo mit – manche mit andere ohne Kimono –, als Unterstützung der externen Trainer.

Prügeleien sind normal
Die zehn Judowerte, (unter anderem Mut, Respekt und Hilfsbereitschaft) werden laut Primarschullehrerin Xenia Hofer aber auch neben der Matte bewusst im Unterricht besprochen. «Wir thematisieren die Werte noch separat, um eben deren Übertragung in den Alltag zu fördern», so Xenia Hofer. Klar, Pöbeleien auf dem Pausenhof – dies geben sowohl Lehrer als auch Schulleiter zu – gebe es trotz des Judo-Unterrichts immer noch. «Das ist aber normal. Auch wir haben uns im Kindsalter geprügelt», so Schulleiter Thöni. Ein zehnjähriger Schüler, der im Kimono auf den Judo-Unterrichtsanfang wartet, meint dazu: «Man fühlt sich aber sicherer und stärker, wenn man angegriffen wird. Man weiss, dass man den Angriff abwehren kann.»

Bald fängt der Judo-Unterricht für die 5. Klässler an. Eine zehnjährige Schülerin freut sich. Sie ist froh, dass nicht normales Turnen, sondern Judo auf dem Programm steht. «Im Judo kann man sich besser austoben», sagt sie schmunzelnd. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern scheinen positiv auf das Schulprojekt zu reagieren. «Auf den Infobrief haben wir keine Einwände erhalten», sagt Thöni. Und die Kindergartenlehrerin Therese Arnet meint sogar: «Viele sind neugierig und wollen dem Judo-Unterricht zuschauen.» Spätestens dann würden sie Vorurteile abbauen und sehen, dass diese Kampfsportart nichts mit Prügeln zu tun habe.

Judo könnte in der Primarschule Säli Zukunft haben: «Ich kann mir gut vorstellen, dass wir den Judo-Unterricht auch nach einem Jahr weiterführen», so Thöni. Solange das Projekt wie bisher von der Stiftung getragen werde.