Olten

Autor Alex Capus: «Über Corona werde ich nichts schreiben»

Vernissage zu Alex Capus’ «Als Gottfried Keller im Nebel den Weg nach Hause nicht mehr fand» in Olten; Bekenntnisse eines Lebensmächtigen.

Urs Huber
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Alex Capus (links) und Verleger Thomas Knapp entführen ihr Publikum in essayistische Sphären.

Alex Capus (links) und Verleger Thomas Knapp entführen ihr Publikum in essayistische Sphären.

Oltner Tagblatt

Auf dem Hübeliareal steht ein altes Briefträgervelo, farblich leicht ramponiert, aber seine Herkunft ist doch klar zu erkennen. Auf der Flanierzone vor der Buchhandlung Klosterplatz Stelltische; ungewöhnlich, auch wenn sich der Sommer an diesem Donnerstagabend noch einmal zünftig rührt. Ein paar gut gelaunte Verdächtige mit aufgesetztem Mundschutz drapieren die Szenerie. Dann erscheint ein Trio, die Präsenz des Velos wird logisch: gehört Alex Capus. Und wenn Thomas Knapp und Christian Meyer auch dabei sind, dämmert’s auch dem Unbedarftesten. Hier braut sich Literatur zusammen.

Die Idee zum Buch hatte der Verleger

Exakt. «Als Gottfried Keller im Nebel den Weg nach Hause nicht mehr fand» ist das neuste Werk des Verlagshauses Knapp. Capus lieferte dazu 33 Essays aus den letzten 22 Jahren, Buchhändler Meyer am Donnerstagabend die Bühne für eine heitere Vernissage. So spielten ausschliesslich Heimische die Hauptrollen. «Also, die Idee zum Buch hattest du», wird Alex Capus später an die Adresse des Verlegers gerichtet sagen und nachreichen, ihm wäre dies «gar nicht in den Sinn gekommen».

Alex Capus, auch Essayist. Immer wieder und nicht ungern. Meister des schnellen Gedankens, der virtuosen persönlichen Verknüpfung von scheinbar Unscheinbarem, Isoliertem. Die Dinge zusammenbringen, nach einem skizzenhaften Exposé. «Das mach’ ich gern», sagt der Autor an dieser Vernissage, an der übrigens nicht gelesen, sondern ausschliesslich geredet wird. Er bekomme diesbezüglich viele Anfragen. Die meisten lehne er ab. Zu wenig konkret meistens. «Oder ich hab’ keine Idee dazu.» Auch mit der ak­tuellen Pandemie sei das so eine Sache. «Über Corona werde ich nichts schreiben», meint er dezidiert. Aus dem einfachen Grund, weil er darüber nichts wisse. Über die Ehe dagegen schon («Das Leben ist gut», 2016).

Er ist schliesslich schon fast drei Jahrzehnte verheiratet. Da komme einiges an Erfahrung zusammen. Aber Indiskretionen hätten auch ihre Grenzen. «Sonst würde ich zu Hause was zu hören bekommen», sagt der Autor. Lachen im gut 40-köpfigen Publikum. «Obwohl», räumt Capus auf Nachfrage ein, «schreiben hat immer irgendwie mit Indiskretion zu tun.»

Schulkameraden; und zwar auf immer und ewig

Dass die beiden, Autor Capus und Verleger Knapp, sich gelegentlich bei einem Projekt wiederfinden, hat mit deren persönlicher Geschichte zu tun; beide besuchten sie seinerzeit gemeinsam den Kindergarten in Olten, später den Unterricht bei Fräulein Brotschi, einer offenbar nicht ganz unwichtigen Figur. Von der weiss auch Peter Bichsel, Altmeister der nationalen Autorengilde, bis auf den heutigen Tag zu erzählen. Sofern man ihn denn darauf anspricht. Klar, die Parallelen in beiden Biografien sind unter Insidern und darüber hinaus längst bekannt. Und doch lösen sie immer wieder von neuem wohliges Behagen aus.

Auch im Publikum und speziell auch bei Vernissagen, versteht sich. Vertrautes hervorholen in einer schnelllebigen Zeit. «Klar kennt man die Geschichten, aber man vergisst sie doch so schnell wieder», sagte einer später beim Apéro draussen über den Umstand, dass der Buchneuling aus bereits Publiziertem besteht. Hanser, Capus’ Verlag, sieht solche Kooperationen übrigens nicht so gern. «Ich erkläre dann, wir seien Schulkollegen», so Capus. Damit sei die Sache erledigt.

Beeindruckende Verkaufszahlen

Hinweis
Alex Capus: «Als Gottfried Keller im Nebel den Weg nach Hause nicht mehr fand»; 173 Seiten, Knapp Verlag Olten.

Capus, der etwa von seinem «Léon und Louise» (2011) eine Million Exemplare verkaufte, sei auch ein Glücksfall für seinen Verlag, weiss Knapp. Denn Capus’ legendäres Büchlein «Der König von Olten», 2009 von Knapp herausgegeben, ging satte 40'000-mal über die Ladentheken der Buchhandlungen. «Für schweizerische Verhältnisse ist das hervorragend», meint Knapp.

Was der Autor übrigens vom Denkmal für den «König von Olten», dem mittlerweile gestorbenen Kater Toulouse, hält, deutete er nur kurz an. Es sei keine wahnsinnig gute Idee der Stadt gewesen. «Mehr will ich dazu gar nicht sagen.»

Autor hat die Hand mit im Spiel

Wer bei Knapp publiziert, kann bei der Gestaltung des Buch­covers mitreden. Auch dies lässt sich an der Vernissage im hübschen Hinterhof der Buchhandlung Klosterplatz erfahren. So nebenbei: ein Ort mit pittoreskem Charme, der vom Freizeitpark in Rust nicht besser nachgestellt werden könnte. Eine alte, wohl von Hand kolorierte Ansicht der Oltner Hauptgasse habe er, Capus, als Einband vorgeschlagen. Wurde umgesetzt. Und auch beim Titel hatte der Autor die Hand im Spiel. In seiner Länge etwas gewöhnungsbedürftig, aber warum nicht? 32 weitere Essays warten dann, einst publiziert in den unterschiedlichsten Organen wie der «NZZ», der «Sonntagszeitung», dem Merian-Reisemagazin.

Aufsätze über «Die körperlosen Sehnsüchte der Jugend», «Über Sinn und Unsinn des Her­umreisens», «Wilhelm Tells falsche Söhne» oder «Ich will Zuschauer werden» stehen zwischen den Buchdeckeln zu lesen. Im Letztgenannten erklärt Capus, er habe als Kind Zuschauer werden wollen. «Wenn ich es richtig bedenke, habe ich damals recht gehabt. Ich wollte Zuschauer werden und ich bin Zuschauer geworden und immer Zuschauer geblieben», ist da zu lesen. Und dann: «Ich bin nur immer dabei und schaue den Leuten bei dem zu, was sie grad machen. Dann bin ich am glücklichsten auf der Welt. Und weil ich zum Leben Geld verdienen muss, setze ich mich hin und schreibe auf, was ich gesehen habe.» Zum Glück.