Schönenwerd
Jetzt geht ihre letzte Ladung mit Hilfsgütern nach Rumänien

Jahrelang schickte das Ehepaar Siegrist aus Schönenwerd Hilfsgüter nach Rumänien — jetzt ist damit Schluss.

Christoph Zehnder
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Die 71-jährige Elisabeth Siegrist legt noch immer selbst Hand an.

Die 71-jährige Elisabeth Siegrist legt noch immer selbst Hand an.

Christoph Zehnder

Ein halbes Dutzend ausgedienter Rollstühle wartet im Untergeschoss des Gebäudes an der Gösgerstrasse 15 in Schönenwerd auf den Abtransport. Sie sind nur ein kleiner Teil der Fracht. Dahinter stehen mannshohe Türme aus Umzugskartons, alle säuberlich auf Holzpalletten gestapelt und etikettiert.

Die Kisten sind voll mit Kleidern, Bettwäsche, Geschirr und allerlei Haushaltswaren. 21 Tonnen sind es insgesamt, die an diesem Morgen von Elisabeth Siegrist und einer Handvoll freiwilliger Helfer verladen werden. Das Ziel: Kinderheime und Spitäler in Rumänien.

Viele Freunde gewonnen

Begonnen hat es mit einer Ferienreise von Elisabeth Siegrist und ihrem Mann Stefan im Jahr 2000. Die Not im südosteuropäischen Land ging ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Die Siegrists beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Seither schickten sie jedes Jahr eine Ladung Hilfsgüter auf die Strasse, manchmal sogar zwei. «Ich habe ein Helfersyndrom», sagt Elisabeth Siegrist über sich selbst. 2001 fuhren sie in einem Kleintransporter noch selbst. Über die Jahre wurden die Fahrzeuge immer grösser.

Zuletzt waren es ganze Lkw. Bis 2014 begleiteten sie den Transport. Jetzt ist es damit ohnehin vorbei: Vergangene Woche schickte das Rentnerpaar die letzte Ladung auf den Weg. Beide sind über 70, und Stefan Siegrist wird von gesundheitlichen Problemen geplagt. Auch bei Elisabeth Siegrist geht die kräftezehrende Aufgabe an die Substanz.

Dennoch legt sie beim Verladen der Paletten auf den Lastwagen immer noch selbst Hand an. Es sei eine Unmenge Arbeit, sagt die 71-Jährige. Aber man werde auch dafür entschädigt. Viele Freunde hat das Paar über die Jahre durch seine Hilfe dazugewonnen, mittlerweile sogar einen rumänischen Schwiegersohn.

Ware aus Spitälern und Hotels

Auf die Frage, wo Elisabeth Siegrist all die Kleider und Utensilien bezieht, lächelt sie. «Ich habe Glück», sagt sie. «Es läuft mir einfach zu.» Über die Jahre hat sie ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Unter den Spendern sind Spitäler, Hotels, Reinigungsunternehmen, die Spitex oder auch eine «Lismi-Gruppe», die extra Kleider für rumänische Kinder strickt. Auch von der Kirche erhält sie Unterstützung. «Ich erkundige mich vorher immer, welches Material gebraucht wird», erklärt Elisabeth Siegrist.

Schliesslich will sie nicht, dass die Sachen am Ende nur irgendwo in Rumänien herumstehen. Es sei auch schon vorgekommen, dass ein Spital Material abgelehnt habe, berichtet sie. Aber nicht etwa, weil es nicht gebraucht wurde, sondern weil die rumänische Regierung Quoten bei der Verteilung von Spitalmaterial hat. Spitäler, die zu viele Spenden annehmen, werden von der staatlichen Liste gestrichen.

Lager ist noch nicht leer

Von Schönenwerd aus fährt der Lastwagen in mehreren Etappen nach Cluj, ehemals Klausenburg. Dort wird umgeladen und die Lieferungen an verschiedene Abnehmer aus dem ganzen Land weiterverteilt. Die Empfänger sind überall in Rumänien, vom Donaudelta am Schwarzen Meer über die Hauptstadt Bukarest bis in die Bukowina an der Grenze zur Ukraine. Die Einfuhr gelingt nicht immer problemlos. Früher brauchte es manchmal mehrere Anläufe am Zoll, berichtet Elisabeth Siegrist. Mittlerweile hat die einfallsreiche Aarauerin aber einen Weg gefunden, ihre Ware ins Land zu bringen — legal, betont sie, ohne aber näher in die Details gehen zu wollen.

Man glaubt Elisabeth Siegrist sofort, wenn sie sagt: «Ich mache das mit Herzblut.» Trotzdem sei es Zeit, aufzuhören. So einfach abschalten lässt sich ihr Helfersyndrom aber nicht, wie es scheint. Denn obwohl der Lastwagen mittlerweile zur Hälfte beladen ist, denkt sie schon weiter. «Es hat noch viel Material im Lager. Wir können nicht mehr alles mitschicken.» Aber es gebe da mögliche Abnehmer in Moldawien, sagt sie. «Wir werden sehen. Es wird sich eine Lösung finden.»

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