Tod

«Es eignet sich nicht für ein rasches Ableben»: Winznauer hat Buch über Sterbefasten mitverfasst

Peter A. Kaufmann aus Winznau hat ein Buch über das Sterbefasten mitverfasst. Dem Tod blickt er gelassen entgegen.

Lorenz Degen
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Peter A. Kaufmann hat Berichte rund ums Thema Sterbefasten gesammelt und jetzt in einem neuen Buch veröffentlicht.

Peter A. Kaufmann hat Berichte rund ums Thema Sterbefasten gesammelt und jetzt in einem neuen Buch veröffentlicht.

Patrick Lüthy

Anfänglich dachte Peter A. Kaufmann (75) nicht daran, ein Buch über das Thema Sterbefasten zu publizieren. Als Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit und als Präsident von Palliacura, einer Exit angegliederten Stiftung, war er in den letzten zehn Jahren jedoch mit dem Thema vertraut geworden. «Exit sah jedoch keinen Sinn, sich mit dem Thema des Sterbefastens zu befassen, da der Weg zum selbstbestimmten Tod für Exit ein anderer ist.»

Die Website sterbefasten.org, auf der seit 2016 immer mehr Erlebnisberichte, Fragen und Antworten zum Sterbefasten dokumentiert werden, brachte ihn dazu, diese Erkenntnisse in Buchform niederzuschreiben. Zusammen mit dem Medizinethiker Manuel Trachsel und dem Neurobiologen Christian Walther hat Kaufmann einundzwanzig Lebensläufe von Sterbefastenden dargestellt. Angehörige und Pflegende gaben Auskunft über ihre Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken. Der ehemalige Journalist arbeitete ehrenamtlich: «Für mich ist das ein Hobby.» Das Buch soll ein wissenschaftliches Standardwerk werden, zumal auf dem Gebiet wenig Literatur vorliegt, wie Kaufmann feststellte.

Entschluss muss feststehen

Im Gegensatz zur Sterbehilfe, wie sie beispielsweise die Organisation Exit anbietet, wird beim Sterbefasten kein Gift geschluckt. Der Name ist Programm: «Man hört einfach auf mit der Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr», erklärt Kaufmann. Dabei ist es wichtig, einen festen Entschluss zu fassen. «Einfach nichts mehr zu sich zu nehmen, weil man keine Lust mehr dazu hat, ist kein Sterbefasten. Der eigene, feste Wille ist wichtig.» Kaufmann kennt Fälle, wo sich Sterbewillige nach einigen Tagen wieder umentschieden und weitergelebt haben. «Alte Leute schwanken manchmal in ihren Entschlüssen. Sterbefasten ist bis zu einem gewissen Grad umkehrbar, ohne das bleibende Schäden auftreten.»

Dabei muss nicht gleich radikal alles gestoppt werden, so Kaufmann: «Es gab Patienten, die haben abends immer noch ein Gläschen Wein getrunken.» Bei totalem Flüssigkeitsmangel trockne die Mundschleimhaut aus, was zu schmerzhaften Rissen in der Haut führen kann. «Eine gute Mundpflege oder das Lutschen von Eiswürfeln zum Beispiel hilft dagegen.»

Meistens sind es kranke bis schwerkranke Personen, die sich für das Sterbefasten entscheiden, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten, so etwa die Schauspielerin Ellen Schwiers (1930–2019), die ein längeres Abschiednehmen bevorzugte.

Sterbefasten führe nicht zu einem Suizid-Anstieg

Die Befürchtung, dass ein «Werther-Effekt» eintreten könnte und nun viele Menschen fastend aus dem Leben schieden, teilt Kaufmann nicht. «Suizide gab und gibt es immer. Hier in Olten gingen die Leute früher unter den Zug oder in die Aare. Das Sterbefasten eignet sich aber nicht für ein rasches Ableben.»

Denn der Körper hole sich erst alle verfügbaren Reserven: «Nach drei Tagen zu sterben, wenn man nichts trinkt, das stimmt vielleicht in der Wüste bei 40 Grad am Schatten, aber nicht hier bei uns mit unseren wohlgenährten Körpern.» Laut Kaufmann dauert ein konsequent durchgeführtes Sterbefasten je nach körperlicher Verfassung etwas mehr als zwei Wochen. «Fast drei Viertel der Menschen sterben innerhalb von 16 Tagen.»

Dass das Interesse am Sterbefasten zunehme, sieht Kaufmann im Wandel der Gesellschaft begründet. «Die heutigen Generationen sind es gewohnt, selbst zu entscheiden. Dass sie am Ende etwas passiv erleiden müssen, passt nicht zu ihrer Lebensgewohnheit. Sie wollen selbst bestimmen, wann sie gehen wollen.»

Gerecht ist der Tod für Kaufmann nicht. «Wenn ein Kind auf einem Fussgängerstreifen überfahren wird, dann ist das nicht gerecht.» Seine Mutter starb, als er 14 Jahre alt war. Der Gedanke an das Ende sieht er nüchtern: «Der Tod hat für mich nichts Mysteriöses an sich. Er gehört einfach zum Leben dazu», meint er gelassen.

Hinweis

Peter Kaufmann, Manuel Trachsel, Christian Walther: Sterbefasten. Fallbeispiele zur Diskussion über den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2020. Auch als E-Book und PDF erhältlich.