Kienberg

«Ein richtiger Geheimtipp»: In der «Gipsi» kommt schon fast mediterranes Flair auf

Früher war die Gipsgrube Kienberg der wichtigste Arbeitgeber, heute gilt das Areal als Geheimtipp für Wanderer und Naturfreunde.

Fabio Baranzini
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Ehemalige Gipsgrube Kienberg
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Auch kleine Feuchtgebiete haben sich in flachen Stellen etabliert.
Für die Geissen von Pro-Specie-Rara ist die «Gipsi» ein neues Daheim geworden.

Ehemalige Gipsgrube Kienberg

Fabio Baranzini

Die Strasse schlängelt sich in vielen engen Kurven von der Saalhöhe hinunter in Richtung Kienberg. In der letzten engen Haarnadelkurve vor dem Dorfeingang zweigt eine kleine Kiesstrasse nach rechts ab. Nach wenigen Metern befindet sich auf der linken Strassenseite eine Fahrverbotstafel an einer Schranke. Direkt gegenüber steht ein Schild von Pro Natura. Wir befinden uns am Eingang der «Gipsi», wie die Kienberger dieses Gebiet nennen.

Es handelt sich dabei um das Areal des ehemaligen Gipsbruchs der Gemeinde. Dieser war bis 1976 in Betrieb. Dann ging das Unternehmen in Konkurs. «Das hat dem Dorf einiges an Substanz genommen. Schliesslich war die Gipsgrube der grösste Arbeitgeber im Ort», erzählt Gisela van der Weijden. Sie ist mit ihrer Familie vor zehn Jahren ins Dorf gezogen und war bis Ende des letzten Jahres Vizegemeindeammann von Kienberg.

Die «Gipsi» (rot eingefärbt) liegt oberhalb des Dorfes Kienberg.

Die «Gipsi» (rot eingefärbt) liegt oberhalb des Dorfes Kienberg.

zvg

Sonniges Areal

Die «Gipsi» kennt Gisela van der Weijden gut. Mit ihrer Familie – ihrem Mann Uwe, ihren beiden Töchtern Johanna und Lisa, Sohn Elias und Hund Milo – geht sie regelmässig hier spazieren. Das ganze Jahr über. «Gerade im Sommer ist es hier wunderschön. Kienberg selber liegt eher im Schatten, aber die ‹Gipsi› befindet sich am Südhang. Deshalb scheint hier sehr oft die Sonne und es kommt fast schon mediterranes Flair auf», findet van der Weijden.

Der Verein Dorf+ formiert sich

Einen Mangel an Freizeitaktivitäten gibt es in Kienberg nicht: Elf Vereine gibt es derzeit, die unterschiedliche Bedürfnisse abdecken: den Damenturnverein mit der Jugendriege, den Elternverein, den Feuerwehrverein, die Jagdgesellschaft Hubertus, den Landfrauenverein, die Kienberg Singers, den Samariter- und den Schützenverein, die Theaterfreunde, den Turnverein und die Olditurner. Bald kommt ein weiterer Verein dazu: Gemeinsam mit drei weiteren Personen steckt Gisela van der Weijden mitten in der Gründung eines neuen Vereins. Dieser soll den Namen Dorf+ tragen und die Aufgabe übernehmen, Dorfkultur und Natur in Einklang zu bringen und das Dorf Kienberg besser zu repräsentieren. Dies im offiziellen Auftrag des Gemeinderats. Noch ist der genaue Aufgabenbereich aber nicht abgesteckt und der Verein hat seine Arbeit noch nicht aufgenommen. «Der Verein soll künftig als Ansprechpartner für den Jurapark dienen und sich um verschiedene weitere Projekte kümmern. Beispielsweise um den Anschluss von Kienberg ans Wanderwegnetz der Kantone Baselland, Aargau und Solothurn», sagt Gisela van der Weijden. (fba)

Gemeinsam mit ihren beiden Töchtern nimmt sie uns mit auf eine kleine Tour. Vom Eingang der «Gipsi» laufen wir auf einem Kiesweg entlang des Jurahangs. Schnell stechen auf der rechten Wegseite die steilen Abbruchstellen der Gipsgrube ins Auge. Das Gestein ist hell und brüchig. Vereinzelt wachsen kleinere Bäume darauf. Ansonsten ist das Gebiet mehrheitlich von Trockenwiesen überzogen, auf denen einige Bäume wachsen. An verschiedenen Stellen entlang des Weges findet man Überreste der ehemaligen Fabrikgebäude sowie der Maschinen, die für den Gipsabbau eingesetzt wurden.

Über 100 Jahre Gipsproduktion, heute seltene Tiere und Pflanzen

Die Gipsproduktion hatte in Kienberg eine lange Tradition. Dies zeigt ein Blick in die Dorfchronik, die Louis Rippstein verfasst hat. Bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Gips abgebaut. Jakob Rippstein baute damals die erste Gipsmühle. Das Gestein wurde aus dem Berg geschlagen und anschliessend gebrannt, damit das Wasser entweichen konnte. Dadurch wurden die Gipssteine brüchig. In diesem Zustand wurden sie zerstampft und gemahlen. Danach erhitzte man das Material ein letztes Mal, um das Wasser endgültig zu entfernen. Das fertige Gipspulver wurde dann in Fässern an die Maurer und Baumeister der Region geliefert.

Für die Kienberger war die Gipsproduktion über mehr als 100 Jahre eine wichtige Verdienstmöglichkeit und wurde zu einem wichtigen Teil der Dorfhistorie. Als dann 1976 die Fabrik ihre Türen endgültig schloss, wurde der Gipsbruch sich selber überlassen. Mehr als 25 Jahre kümmerte sich niemand um das Gebiet. Die Natur eroberte den Gipsbruch zurück. Erst 2002 änderte sich etwas. Pro Natura zeigte Interesse an der «Gipsi» und kaufte das sieben Hektaren grosse Land.

Einige besondere Exemplare zu entdecken

Seither steht das Areal unter Naturschutz. Mehrere Monate im Jahr weiden Geissen auf dem Gebiet. Es handelt sich um Pro-Specie-Rara-Geissen, die sich auch auf dem steinigen Gelände wohlfühlen. «Die Herde sorgt dafür, dass sich der Wald auf den Terrassen des Gipsbruchs nicht weiter ausbreitet. So bleibt die Artenvielfalt der Trockenwiesen bestehen. Denn diese sind auf dem Gebiet der Gipsi von nationaler Bedeutung und bieten Lebensraum für viele verschiedene wärme- und lichtliebende Tiere und Pflanzen», erklärt Ariane Hausammann, Geschäftsführerin von Pro Natura Solothurn.

Unter den Tieren und Pflanzen, die es in der Gipsgrube zu entdecken gibt, befinden sich auch einige ganz besondere Exemplare. So wachsen zum Beispiel verschiedene Orchideenarten und der Kreuzenzian. Auch Tagfalter, Heuschrecken und Reptilien fühlen sich sehr wohl. Dank der beiden Teiche, die Pro Natura in den letzten Jahren angelegt hat, konnte sogar der seltene «Glögglifrosch» wieder nachgewiesen werden. In den Felsspalten der Gipsgrube leben zudem auch Fledermäuse. «Eine davon ist die Grosse Hufeisennase – eine sehr seltene Fledermausart, die vom Aussterben bedroht ist», so Hausammann.

Gebiet hat Potenzial

Auch wenn man die seltene Fledermausart bei einem Besuch in der «Gispi» kaum zu sehen bekommen wird, lohnt sich ein Spaziergang durch die ehemalige Gipsgrube. Das findet auch Stefan Ulrich, Geschäftsführer von Olten Tourismus. «Die Gipsgrube eignet sich ideal für Wanderer und Personen, welche die Natur geniessen wollen. Das Gebiet ist vielen noch nicht bekannt und deshalb ein richtiger Geheimtipp», so Ulrich.

An einen grossen Anstieg von Ausflüglern glaubt man in Kienberg trotz der grösseren Präsenz der «Gipsi» nicht. Dennoch ist Gisela van der Weijden vom Potenzial des Gebiets überzeugt. «Natürlich ist es nichts für die Masse, denn dafür fehlt schlicht die Infrastruktur. Aktuell hat es kaum Bänkli, keine Feuerstelle und kein Restaurant. Für Wanderer oder auch für Schulklassen, die hier die Natur aus nächster Nähe erleben können, ist die ‹Gipsi› aber genial.»

Ein Wandervorschlag zur «Gipsi»

Von der Postauto-Haltestelle Hirschen läuft man bis zum Dorfbrunnen, ehe der Anstieg in Richtung Wölflinswil folgt. Anschliessend biegt man bei der ersten Gelegenheit rechts in die Quartierstrasse ein. Diese mündet später in einen Mergelweg, der in einer grossen Rechtskurve in den Wald führt. Von dort läuft man bis an die obere Krete der «Gipsi», wo man anschliessend über die verschiedenen Terrassenebenen der ehemaligen Gipsgrube zurück nach Kienberg laufen kann. Der Rundgang dauert zirka eine Stunde. Wenige Parkplätze sind im Dorf vorhanden. (fba)