Dulliken
Ein Gesamtwert von 66'350 Franken: Otto-Glaus-Mobiliar wird mitversteigert

Die Innenausstattung des Franziskushauses in Dulliken, das am 8. Mai versteigert wird, befindet sich noch weitgehend im originalen Zustand. Selbst das bauzeitliche Mobiliar ist denkmalgeschützt. Es wurde vom Architekten Otto Glaus entworfen und soll 66'350 Franken wert sein.

Lena Bueche
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Vom Architekten Otto Glaus entworfene Lederstühle und -hocker im Foyer des 1968 fertiggestellten Franziskushauses.

Vom Architekten Otto Glaus entworfene Lederstühle und -hocker im Foyer des 1968 fertiggestellten Franziskushauses.

Bruno Kissling

Der Architekt Otto Glaus (1914–1996) hat sich nicht darauf beschränkt, die wuchtige Gebäudehülle des Franziskushauses zu entwerfen. Er hat auch gleich die Innenausstattung mitgestaltet und das Mobiliar dazu entworfen (siehe Kontext).

So finden sich auf der Inventarliste zum Franziskushaus, das Anfang Mai versteigert wird, diverse bauzeitliche Originalmöbel wie Lederhocker, Schreibtische oder Holzstühle. Der Wert dieser Möbel wird auf 41'850 Franken veranschlagt.

Hinzu kommt die Ausstattung der Kapelle, die ebenfalls von Otto Glaus gestaltet wurde. Die Kirchenbänke und -stühle, das Rednerpult und die Kerzenständer sollen laut Inventarliste einen Wert von 24 500 Franken haben. Das ergibt für das Otto-Glaus-Mobiliar einen Gesamtwert von 66'350 Franken.

Zusammen mit weiteren Einrichtungsgegenständen und Gerätschaften beträgt der geschätzte Wert des Inventars insgesamt 100'000 Franken.

Kein Ausverkauf

Wer nun hofft, bald einen exquisiten Lederstuhl oder eine Schlafzimmerlampe von Otto Glaus erwerben zu können, muss an dieser Stelle enttäuscht werden: Wer auch immer den Zuschlag für das Franziskushaus erhält und künftiger Eigentümer wird, kann nicht frei über das Mobiliar verfügen – es werden also nicht plötzlich Einrichtungsgegenstände aus dem Franziskushaus auf dem Markt zu finden sein.

Der Denkmalschutz, unter dem das 1968 fertiggestellte Franziskushaus steht, umfasst nämlich nicht nur die äussere Gebäudestruktur und die Bausubstanz, sondern auch die «dazugehörende bauzeitliche Ausstattung und das für das Haus entworfene Mobiliar» – so hat es der Regierungsrat bei der Unterschutzstellung im Jahr 2012 beschlossen.

Wie der kantonale Denkmalpfleger Stefan Blank auf Anfrage bestätigt, beziehe sich der Denkmalschutz auf den gegenwärtigen Zustand des Franziskushauses – und hierzu zähle eben auch die originale Innenausstattung. Genauso wie Änderungen an der Gebäudestruktur nur mit der Einwilligung der Denkmalpflege erfolgen dürften, so sei auch der Umgang mit dem Mobiliar mit der Denkmalpflege abzusprechen.

Dazu zählt auch eine etwaige Veräusserung der Möbel. Blank hofft aber, dass es gar nicht so weit kommt: Im besten Fall werde das Franziskushaus durch einen Käufer erworben, der die Substanz des denkmalgeschützten Gebäudes wertschätze und der daran interessiert sei, das Mobiliar und die übrige Ausstattung im Gesamtzusammenhang zu belassen.

Nachfrage ungewiss

Angenommen, das von Otto Glaus für das Franziskushaus entworfene Mobiliar käme trotzdem auf den Markt – gäbe es hierfür eine Kundschaft? Wäre die Nachfrage gross genug, um hohe Sammlerpreise zu erzielen?

Die Auskunft von Michael Fischer, Mitinhaber der in Niedergösgen beheimateten Firma Buma Design, sorgt für Ernüchterung: Otto Glaus sei als Möbeldesigner in der Sammlerszene nicht sonderlich bekannt, gibt er zu verstehen.

Und Fischer muss es wissen, schliesslich ist seine Firma spezialisiert auf den An- und Verkauf sowie die Restauration von Möbelklassikern aus dem 20. Jahrhundert mit einem besonderen Fokus auf Schweizer Möbeldesigner. Auch die Tatsache, dass nicht nur Einzelstücke, sondern gleich ein vollständiges Möbelensemble vorliege, sei nichts Aussergewöhnliches, wie Fischer weiter ausführt: «Herr und Frau Schweizer tragen grosse Sorge zu ihren Möbeln, weshalb in der Schweiz im Vergleich zum Ausland noch viele gut erhaltene, ja gar neuwertige Möbelklassiker erhältlich sind».

Dass Otto Glaus gleichzeitig als Architekt, Innenarchitekt und Möbeldesigner tätig war, ist gemäss Fischer ebenfalls nichts Besonderes, im Gegenteil: Viele Möbelklassiker des 20. Jahrhunderts wurden von Architekten entworfen, die zuerst das Gebäude, dann das Interieur und zuletzt die dazu passenden Möbel gestalteten.

Unter dem Strich lässt sich also festhalten: Reich würde man durch den Verkauf von Otto-Glaus-Möbeln nicht. Am wertvollsten sind die Möbel ohnehin dann, wenn sie dort verbleiben, wo sie sich jetzt befinden: Im Franziskushaus, wo sie Teil der originalen, bauzeitlichen Ausstattung sind.

Vielfältig begabter Architekt Otto Glaus

Otto Glaus (1914-1996) wurde in eine Bauern- und Wirtefamilie hineingeboren und wuchs im Appenzell auf. Er absolvierte zunächst eine Handwerkslehre als Tapezierer und besuchte dann die Kunstgewerbeschule in Zürich, wo er sich mit Innenarchitektur beschäftigte. Anschliessend war er als Mitarbeiter im Pariser Atelier von Le Corbusier tätig. Das Architekturstudium an der ETH Zürich hat Glaus erst spät, im Alter von 27 Jahren, in Angriff genommen.

Im Jahr 1945 eröffnete er sein eigenes Architekturbüro. Der von Glaus bevorzugte Werkstoff war Beton. Dieses Material ermöglichte ihm die angestrebte freie kubische Gestaltung der Baukörper. Für viele seiner Bauten hat Glaus die Innenausstattung gleich mitentworfen, so auch beim Franziskushaus. Besonderes Augenmerk richtete er auf die Beschaffenheit der Wände, deren Verputz oder Vertäfelung oftmals eine spezielle Oberflächenbehandlung erfuhren.

Das passende Mobiliar zu entwerfen, war Glaus ein wichtiges Anliegen. Im Fall des Franziskushauses umfasst es Lederstühle und -hocker, Holzstühle, Schreibtische und Speisetische. Die Beleuchtungskörper wurden ebenfalls von Glaus gestaltet, der sich im Laufe seiner Tätigkeit auch in die Glasbearbeitung einführen liess. Glaus zählt heute zu den bedeutendsten Vertretern der schweizerischen Nachkriegsarchitektur.