Winznau

«Das Leben war ein purer Existenzkampf»: Die Geschichte rund um die Käsloch-Höhle

Die Käsloch-Höhle bei Winznau gehört zu den ältesten Siedlungsplätzen des Niederamts, wie Archäologin Karin Zuberbühler weiss.

Lorenz Degen
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Die Käsloch-Höhle befindet sich oberhalb einer Kalk-Felswand und ist bis zu 9 Meter tief.

Die Käsloch-Höhle befindet sich oberhalb einer Kalk-Felswand und ist bis zu 9 Meter tief.

Bruno Kissling

Würde ein Wegweiser am Kulturweg von Winznau nicht darauf hinweisen, kaum jemand würde die Käsloch-Höhle finden. Verborgen im Wald, etwa vierzig Meter oberhalb beim Kanal-Stauwehr, bildete sie vor etwa 15000 Jahren eine Heimstätte für die ersten Siedler in der Region. Karin Zuberbühler (51) kennt die Käsloch-Höhle bestens. Die Archäologin und Leiterin des Archäologischen Museums des Kantons Solothurn in Olten hat sich in ihrer Lizenziatsarbeit eingehend mit dem Käsloch beschäftigt: «Zunächst musste ich herausfinden, was an Material überhaupt alles vorhanden ist.»

Denn die Objekte, meistens Silex (Feuersteine), stammen alle aus sogenannten «Altgrabungen» um 1900, die von Eduard Bally-Prior (1847–1926) initiiert wurden. «Ein Grossteil war im Historischen Museum in Olten eingelagert, ein Teil in Schönenwerd und auch in Solothurn», berichtet Zuberbühler.

Diese Platte beim Höhleneingang erinnert an die Grabung von 1904.

Diese Platte beim Höhleneingang erinnert an die Grabung von 1904.

Bruno Kissling

Knapp 4000 Fundstücke konnte sie erfassen, ein Bruchteil dessen, was einmal vorhanden gewesen ist: «Ich rechne damit, dass über 10'000 Objekte im Laufe der Zeit unwiederbringlich verloren gingen.» Früher habe ein anderes Bewusstsein geherrscht: «Manche Silex wurden als Geschenk an Privatpersonen gegeben, andere als Trophäen in andere Sammlungen integriert.» Daher hütet das Landesmuseum in Zürich bis heute etwa 300 Artefakte.

Karin Zuberbühler, Leiterin Archäologisches Museum

Karin Zuberbühler, Leiterin Archäologisches Museum

Bruno Kissling

Nach Bally lagen drei Schichten in der Höhle. Zuunterst die «Magdalénien»-Schicht der ältesten Spuren aus der Altsteinzeit, darüber die Jungsteinzeit und die Bronzezeit und schliesslich eine weitere, in der sich unter anderem ein Schafskelett befand. «Wann dieses in die Höhle kam, ist nicht mehr feststellbar.» Ebenfalls wurden Schädelfragmente zweier Erwachsener und eines Kindes gefunden. «Mit der C14-Methode liessen sich diese vielleicht datieren», so Zuberbühler.

Wie viele Menschen während der Altsteinzeit in der Höhle lebten, sei auch schwer zu sagen. «Ich gehe von mehreren kleinen Gruppen aus», sagt Zuberbühler. «Sicher waren diese Menschen viel in Bewegung, sie waren nicht sesshaft.» Die Höhle wurde wahrscheinlich mehrmals aufgesucht. Gejagt wurden Rentiere, Wildpferde oder Schneehasen. «Die Tierreste aus dem Käsloch stammen vorwiegend von kälteliebenden Arten», sagt Zuberbühler. Heute sind noch rund 4,5 Kilogramm Knochen, Zähne und Geweihreste von eiszeitlichen Tieren vorhanden.

Im Archäologischen Museum in Olten sind auch Silex vom Käsloch ausgestellt.

Im Archäologischen Museum in Olten sind auch Silex vom Käsloch ausgestellt.

Bruno Kissling

Zuberbühler beschäftigte sich zunächst mit der Typologie der Silex-Funde: «Die Kerbspitzen, Rückenspitzen, Kratzer, Bohrer und Stichel bildeten unterschiedliche Kategorien.» Es handelt sich um Werkzeuge aus der Magdalénien-Zeit. Die Werkzeuge und eine C14-Auswertung datieren die Fundstelle zwischen 15'100 und 12'200 vor Christus. Auch Zeichnungen von den Silexwerkzeugen fertigte sie selbst an. Schliesslich wertete sie die Funde wissenschaftlich aus, wovon ihr ausführlicher Bericht in der Jahresschrift der Archäologie und Denkmalpflege im Jahr 2002 reiches Zeugnis ablegt. Neu gegraben wurde im Käsloch seit 1948 nicht mehr. Das sei auch nicht nötig, findet Zuberbühler: «Ich rechne hier nicht mehr mit weiteren Funden.»

Die Herkunft des Namens der Höhle ist unklar. Zwar könnte die im Eingangsbereich drei Meter hohe und bis neun Meter lange Felsvertiefung tatsächlich als Käselager verwendet worden sein, 1864 wird sie jedoch als «Kassloch» und auch «St. Klaus Loch» genannt. Manchmal wird mundartlich auch «Chäsloch» geschrieben.

«Sozialen Zuordnungen sind reine Annahmen»

Die Höhle diente vermutlich als Wohnstätte mit einer Feuerstelle. Gingen Männer auf die Jagd und Frauen schauten zu den Kindern? Zuberbühler ist solchen Zuschreibungen gegenüber skeptisch: «Wir sind hier geschichtlich so weit zurück, da sind alle sozialen Zuordnungen reine Annahmen. Je nachdem, wie sich die eigene Umwelt organisiert, ist man versucht, entsprechende Interpretationen vorzunehmen.» Sicher ist: Töpfe gab es noch keine, Holz war Mangelware. «Kochen und Heizen war sehr ‹teuer›. Wir müssen uns die Landschaft sehr nordisch vorstellen: ein spärlicher Bewuchs mit Zwergbirken und kleinen Gebüschen. Die Gletscher haben sich eben erst zurückgezogen.»

Jagen und Fischen dürften die Haupttätigkeiten jener Menschen gewesen sein. Alt wurden die Menschen nicht. «Dreissig Jahre dürften schon ein respektables Alter bedeutet haben, wobei es auch ab und zu Menschen gab, die ihren 60. Geburtstag erlebten», vermutet Zuberbühler. Ob ein Urhund in der Käsloch-Höhle lebte, ist unbekannt. «Denkbar wäre es, da der Wolf in dieser Zeit als Hund domestiziert wurde», so die Archäologin.

Sie selbst hätte zwar gerne einmal Einblick in diese Zeit. «Aber nur ein paar Tage lang. Oftmals stellen wir uns dieses Leben zu romantisch vor», weiss Zuberbühler. «Das damalige Leben war ein purer Existenzkampf.» Ihr gefalle die Unmittelbarkeit: «Man lebte mit dem, was da war, und ganz nahe an der Natur.»

Der letzte Höhlenbewohner verschwand letztes Jahr

Diese mag auch jener Neuzeit-Mensch empfunden haben, der nicht in einer Wohnung mit Heizung und Badezimmer leben wollte. «Der letzte Höhlenbewohner ist im vergangenen Jahr weggezogen», berichtet Gemeindepräsident Gubler (59) ganz ernsthaft. Es handle sich um einen Unbekannten, der sich in einer Höhle oberhalb des Käslochs heimisch niederliess. «Seine Identität ist uns nicht bekannt, er hat sich weder an- noch abgemeldet und auch keine Steuern bezahlt.»

Daniel Gubler, Gemeindepräsident Winznau

Daniel Gubler, Gemeindepräsident Winznau

Bruno Kissling

Gubler kennt das Gebiet seit frühester Jugend: «Als Kind habe ich in der Käsloch-Höhle gespielt.» Einen «Käsloch-Tourismus» gibt es in Winznau nicht. «Nicht jeder, der nach Winznau kommt, wird diese Höhle aufsuchen.» Hin und wieder schaue jemand von der Gemeinde, ob Abfall herumliege. Speziell ist, dass die Höhle zu einem Privatgrundstück gehört, der Wald vor ihrem Eingang der Bürgergemeinde Winznau. «Vielleicht könnte man wieder ein Sichtfenster auf die Aare und die Ebene freiholzen, so wie das damals war», sagt Gubler. «Auch könnte eine Tafel mit Informationen zur Geschichte und den Funden für Besucher interessant sein.» Dann wird das Käsloch doch noch zu einer Winznauer Touristenattraktion.