Wirtschaft
Kommt es bei Biogen zu Massenentlassungen? Treffen könnte es auch die Produktion in Luterbach

Da das Alzheimer-Mittel Aducanumab floppt, drohen Entlassungen bei der Biotechfirma Biogen – womöglich auch am Produktionsstandort in Luterbach. Dem Kanton liegt aber keine solche Meldung vor, vielmehr sei die Personalrekrutierung Thema.

Online-Redaktion
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Die Produktion in Luterbach: Hier sollte das neue Alzheimer-Mittel hergestellt werden.

Die Produktion in Luterbach: Hier sollte das neue Alzheimer-Mittel hergestellt werden.

Urs Byland

Aducanumab sollte ein grosser Wurf werden. Das Medikament erhielt als erstes ­Alzheimer-Mittel seit 20 Jahren eine Zulassung in den USA. Doch statt zu einem Kassenschlager entwickelt es sich zum Debakel für das Unternehmen Biogen mit Produktionsstandort in Luterbach. Das berichtete die NZZ am Sonntag.

Die Freigabe löste eine Kontroverse aus. Die amerikanische Gesundheitsbe­hör­de FDA ­erteilte sie im Juni nach der Neuinterpretation klinischer Da­ten, ohne dass klare Beweise für die Wirksamkeit vorlagen. Übergeordnete Stellen ordneten daraufhin eine Prüfung an, ob das Verfahren korrekt ­abgelaufen ist.

An der Börse geht es abwärts

Die Biotechfirma schob die Arznei mit einer Marketingoffensive an. Allerdings ver­ge­bens, wie sich gemäss NZZ am Sonntag nun zeigt: «Ärzte verschreiben sie nur zögerlich, US-Krankenversicherer finden den Preis von 56'000 Dollar pro Jahr überhöht. Einige wollen nicht für das Mittel aufkommen. Der Umsatz mit Aducanumab lag im dritten Quartal mit 300'000 Dollar unter den Erwartungen.»

An der Börse geht es für Biogen seit der Zulassung nur noch abwärts: Der Aktienkurs hat sich in sechs Monaten fast halbiert, nun plant die Firma offenbar ein Sparprogramm. Die NZZ am Sonntag zitiert in ihrem Artikel das Biotech-Portal Stat. Es heisst dort, Biogen stehe «vor dem grössten Stellenab­bau der Firmenge­schichte».

Die Rede ist von über 1000 Entlassungen

Mehr als 1000 Beschäftigte sollen Anfang 2022 weltweit entlassen, die Kosten um 500 bis 750 Millionen Dollar gesenkt werden. Noch nicht entschieden sei, wer aus der Geschäftsleitung gehen müsse, heisst es unter ­Berufung auf einen Manager, der Einblick in die Pläne hat. Eine Sprecherin von Biogen in der Schweiz will den Bericht nicht kommentieren. Auch auf Anfrage dieser Zeitung nimmt Biogen keine Stellung.

Das Unternehmen war 1978 von einem ETH-Absolventen aus der Schweiz in Genf gegründet worden, zog dann aber bald in die USA. Der Sitz für das internationale ­Geschäft befindet sich seit einiger Zeit in Baar (ZG). Dort arbeiten 560 Personen, in der Produktion in Luterbach 500 ­weitere. Weltweit beschäftigt Biogen über 9000 Personen.

Extra für das Mittel gebaut

Die Fabrik im Kanton Solothurn wurde erst im Mai 2021 eröffnet. ­Es handelt sich um die neuste und modernste Anlage des Unternehmens. Biogen baute sie unter anderem, um dort das Alzheimer-Mittel zu fertigen. Zusätzliche Kapazität wird die Fir­ma gemäss NZZ am Sonntag aber so bald keine benötigen – die EU hat ­Aducanumab im November die Zulassung verweigert.

Standortleiter José Sanchez sagte im Interview mit dieser Zeitung im August allerdings, dass mit der Anlage in Luterbach auch andere Wirkstoffe hergestellt werden könnten. Sie sei von Swissmedic für mehrere Wirkstoffe zugelassen.

Das Interview mit Standortleiter José Sanchez:

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Solothurn hat Kenntnis von den Gerüchten rund um Biogen. Eine Massenentlassung sei indes nicht gemeldet worden, sagt Amtsleiter Jonas Motschi auf Anfrage. «Bei unseren letzten Gesprächen ging es vielmehr um Fragen der Personalrekrutierung.»

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