Zuchwil

Vier Teams fördern Debatte zum Riverside-Areal

Die vier Teams, die eine kreative Lösung für das Riverside-Areal (früheres Sulzer-Areal plus Widi) in Zuchwil suchen, stellten sich in dieser Woche erstmals dem Beurteilungsgremium.

Urs Byland
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Dani Ménard führt das Beurteilungsgremium für den Studienauftrag zum Riverside-Areal inklusive dem Areal Widi, das noch nicht im Besitz des Investors ist.

Dani Ménard führt das Beurteilungsgremium für den Studienauftrag zum Riverside-Areal inklusive dem Areal Widi, das noch nicht im Besitz des Investors ist.

Zur Verfügung gestellt

Vorsitz im Gremium führt Dani Ménard, seit 22 Jahren selbstständiger Architekt und seit 17 Jahren Dozent an der ETH in Zürich. Dort unterrichtet er am Institut für Technologie in der Architektur Immobilienökonomie. Die Teams erhielten eine Liste mit Themen, zu denen sie erste Antworten geben sollen.

Ménard vergleicht die Zwischenbesprechung mit einem Werkstattbesuch. Das Beurteilungsgremium schaut kurz in die Werkstatt hinein und versucht zu ergründen, wo die Teams stehen oder welche Probleme sich ergeben. Nicht definiert wurde, wie die Teams formal berichten sollen. Das kann mit Skizzen, Fotografien, Plänen etc. geschehen. Da es kein Wettbewerb ist, spreche er auch nicht von einer Jurierung, betont Ménard, der als Präsident der SIA-Sektion Zürich formal die Fachwelt nicht verwirren will. Bei einem Studienauftrag wird ein anderes Verfahren angewandt. Man spricht offiziell von einem Beurteilungsgremium und von einem Beurteilungsbericht.

Über den Tellerrand geschaut

Trends im Städtebau

Auf den Begriff Trend reagiert Dani Ménard allergisch. Denn Trend bedeute, dass es auch wieder vorbeigehe. Dass früher mal vor allem in die Höhe gebaut werden sollte oder möglichst grün, mag er nicht als Trend bezeichnen. Städte wie Florenz, Rom, Paris, Kopenhagen, Stockholm funktionieren, jede für sich, wovon sich auch Nichtarchitekten begeistern lassen würden. Die Städte sind historisch gewachsen, wobei einige Grundregeln eingehalten wurden. Grundregeln funktionieren auch in einem dörflichen Kontext wie Zuchwil, ist Ménard überzeugt. Dahinter stecken Fragen wie: Was sind die Bedürfnisse der Menschen? oder was hat sich bewährt? und wie kann man das transformieren in die heutige Zeit? Aber einen Trend lässt sich Ménard dann doch noch entlocken. Einen überraschenden und in Solothurn nicht abwegigen. Wenn es einen Trend in der globalen Städtebauforschung gebe, dann den, dass sich alle Leute, die sich intensiv mit solchen Fragen beschäftigen, zur Überzeugung gelangen, dass mittelalterlichen Städten gute Wegweiser seien – in Bezug auf Dichte, Verkehr oder Nutzungsanordnung.

Die funktionale Trennung von Wohnen, Arbeiten und Öffentlichkeit, wie sie ein Corbusier lehrte, sei nicht mehr erstrebenswert. Alles solle geordnet durchmischt sein. Die mit Schalk hingeworfene Frage nach einer Formel für die Architektur findet Ménard nicht abwegig. Sein Kollege Ludger Hovestadt hat eine «Formel», das heisst eine Software mit 700 Parametern. Er führt Interviews mit Investoren, Betreibern, Bewohnern und füllt seine Tabellen ab und das Programm spuckt Städtebau und Architektur aus. Und leider sei diese schon recht gut, was ihn als Architekten schmerze, so Ménard. Die Software ist da, und sie erzeuge bessere Architektur als vieles, was man heute sehe. Aber Hovestadt selber glaube nicht an eine Akzeptanz in nächster Zeit. Das brauche Generationen. (uby)

Junge, wilde und kreative

Die Zwischenbesprechung habe nun gezeigt, dass die Auswahl der vier Teams sich als positiv erwiesen habe. Es sei jetzt schon ersichtlich, dass völlig verschiedene Standpunkte ausgearbeitet würden. Das war auch das Ziel in der Auswahl der Teams für den Studienauftrag. Konträre Sichtweisen sollen die Debatte fördern. Am Ende gebe es einen Dialog der Argumente. Aus diesem Grund wurde beispielsweise die Architektin Naomi Hajnos eingeladen. Sie sei eine wilde Junge, die mit ihren frischen Ideen anrege. Oder Kees Christiaanse, einer der etabliertesten Städtebauer auf der ganzen Welt. Nicht selbstverständlich ist, dass auch ein regionales Team – wie im Riverside-Studienauftrag mit dem Solothurner Büro Graf Stampfli Jenni Architekten AG – in diesem Konzert mitwirken kann.

Immer wieder erstaunlich sei, berichtet Dani Ménard, mit wie viel Leidenschaft und Kompetenz gearbeitet wird. Alle Teams haben sich beispielsweise mit der Entstehung, Entwicklung und Geschichte des Areals auseinandergesetzt und historische Aufnahmen des Riverside-Areals gesucht. Für konkrete Resultate sei der Zeitpunkt aber zu früh. Die Teams stecken noch in ganz verschiedenen Stadien der Entwicklung.

Provokativ und lustvoll

Zu einer Teilfrage aber öffnet Ménard das Dossier. Die Frage, wo auf dem Areal mit dem Bauen gestartet werden soll, gab bisher viel Anlass zu Spekulationen. Gegner des Verkaufs des Teilgebietes Widi, das der Gemeinde Zuchwil gehört, argumentieren, die Investoren wollen dieses schöne Teilstück nur kaufen, damit sie dort im Osten des ganzen Areals mit dem Bauen beginnen könnten. Wenn dann der Verkauf von Wohnungen eventuell harzt, werde das restliche Areal nicht weiter entwickelt. Die Teams hätten nun gerade in dieser Frage ganz verschiedene Antworten abgegeben, so Dani Ménard.

Er hat keine leichte Arbeit, muss das Beurteilungsgremium moderieren und will nicht beeinflussen. Natürlich gebe es Elemente in seinem Unterbewussten, die er nicht abschütteln könne und die in den Prozess wirken. Als Beispiele nennt er seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie oder dass sein Vater zweimal arbeitslos gewesen sei. Solche Dinge würden prägen. Er versuche aber die Kolleginnen und Kollegen, die im Übrigen gesegnet seien mit Kompetenzen, herauszufordern. Nicht Streit sei das Ziel, aber auch nicht nur Harmonie. Provokativ und lustvoll soll es zu- und hergehen. Er will nicht der Vorsitzende sein, der bereits weiss, was Sache ist und der versucht, das Gremium in diese Richtung zu lotsen. Das sei unseriös.

Keine Punkte verteilen

In zwei Monaten erfolgt die Endpräsentation. Dann wird das breit aufgestellte Beurteilungsgremium Stärken, Schwächen, Chancen und Herausforderungen der einzelnen Beiträge herausarbeiten. In mehreren Runden werden die schwächsten Beiträge ausgesiebt. Bei einer stark auseinanderdriftenden Beurteilung im Gremium bleibt nur eine Möglichkeit. Die Kriterien durchgehen und einzeln Punkte verteilen. Das will Dani Ménard aber vermeiden. Das bringe Unfrieden und oft eine komische Stimmung. Ein gelungenes Verfahren sei eines, bei dem am Ende alle aus dem Beurteilungsgremium Ja zum Gewinnerbeitrag sagen könnten. Das braucht aber Zeit, das weiss Ménard.

Kraft der Argumente

Hinzu kommen die Interessensvertreter im Beurteilungsgremium, etwa die Investoren oder die Gemeinde. Aber das beschäftigt Ménard kaum. Die Mehrheit bilden Fachleute, und drei von diesen Leuten habe er selber ausgesucht. Zudem sei es auch nicht das Ansinnen von Swiss Prime Site, einzig für viele Wohnungen zu votieren, windet Ménard dem Investor ein Kränzchen. Es gehe um Qualität und die richtige Idee. Er traue dem Beurteilungsgremium zu, dass dieses nicht Kraft der Macht, sondern Kraft der Argumente auch den Investor zu überzeugen vermag.

Die Teams erhalten nun individuelle Protokolle zur Besprechung über ihr Projekt. Daraus ersehen sie, was das Beurteilungsgremium mitbekommen hat und sie erhalten auch eine Form von Beratung. Zudem wird allen Teams ein allgemeines Protokoll ausgehändigt mit Themen, die generell Beachtung verdienen würden.