Solothurner Filmtage

Tessiner Gewinnerin des Prix d’honneur: «Filme auf Smartphones – das ist nicht Kino»

Tiziana Soudani erhält an den Filmtagen den Prix d’honneur. Die Tessiner Filmproduzentin über ihre Arbeit und Träume

Gerhard Lob
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Frau Soudani, in der Filmwelt sind Schauspieler und Regisseure häufig bekannt – Produzenten viel weniger. Stört Sie das?

Tiziana Soudani: Überhaupt nicht. Ich bin eine eher scheue Person und stehe nicht so gerne im Rampenlicht. Ich arbeite lieber im Hintergrund.

Wie kann man sich die Arbeit einer Produzentin vorstellen?

Die Produzenten suchen nach Finanzierungsmöglichkeiten. Glücklicherweise haben wir Zuwendungen der öffentlichen Hand; die Unterstützung von Privaten ist eher bescheiden. Als Produzentin versuche ich zudem, die richtigen Leute zusammenzubringen, damit das Projekt verwirklicht werden kann. Bei einem Spielfilm ist es wie bei einer grossen Familie, die man über einen bestimmten Zeitraum an einem bestimmten Ort versammeln muss.

Ist die Finanzierung von Filmen schwieriger geworden?

Eindeutig. Denn es gibt viel mehr Regisseure, Projekte und Produktionsfirmen in der Schweiz. Als ich vor 30 Jahren mit meinem Ehemann begann,
waren viele Dinge leichter. Auch die Produktionskosten sind mittlerweile gestiegen, beispielsweise für Sicherheitsvorkehrungen. Oder es müssen Bewilligungen für einen Dreh eingeholt werden, die es früher nicht brauchte.

Müssen Sie als Produzentin auch häufig Nein sagen?

Es ist vor allem ein Bauchgefühl, das mich leitet, und nicht das kühle Überlegen, mit welchem Stoff wir als Produktionsfirma mehr Erfolg haben könnten. Dabei setze ich ganz auf Autorenfilme. Und im Moment gibt es viele junge Regisseure, die interessante Geschichten erzählen und durch ihre Filme «aufschreien» wollen. Das gefällt mir.

Was hat Sie vor 30 Jahren dazu bewogen, Filmproduzentin zu werden?

Mein Mann Mohammed Soudani stammt aus der Filmwelt. Er arbeitete als Kameramann, bevor er sich der Regie zuwandte. Ich kam eigentlich von einer ganz anderen Seite, weil ich Fremdsprachen studiert hatte. Doch gemeinsam begannen wir in Afrika mit drei Langspielfilmen und mehreren Dokumentarfilmen. Wir waren viel unterwegs, bevor wir uns dann wegen der Kinder im Tessin definitiv niederliessen. 1997 drehten wir auf eigene Kosten den Film «Waalo Fendo – Wo die Erde gefriert». Mein Mann führte Regie und gewann 1998 den Schweizer Filmpreis. Das gab Auftrieb. Er blieb bei der Regie, während ich mich auf die Produktion konzentrierte.

Sie haben mit Ihrer Firma Amka etliche Spielfilme und Dokumentarfilme produziert. Haben Sie Lieblinge?

Alles, was ich getan habe, tat ich, weil ich daran glaubte. Doch müsste ich einen Film herausstellen, wäre es vielleicht «Wodka Lemon» des kurdischen Regisseurs Hiner Saleem aus dem Jahr 2003. Dieser Film war eine echte Perle und hat sich ganz tief in meinem Inneren eingeprägt.

Häufig fällt Ihr Name in einem Atemzug mit dem Film «Pane e tulipani» (1999). Wie erklären Sie sich seinen grossen Erfolg?

Wahrscheinlich ist «Pane e tulipani» zum richtigen Zeitpunkt gekommen, mit den richtigen Schauspielern. Es war eine schöne Geschichte, die uns träumen liess. Damals gingen die Leute auch noch viel mehr ins Kino. Hier in Lugano blieb der Film drei Monate auf dem Spielplan. Inzwischen ist die Zahl der Kinobesuche stark zurückgegangen.

Beunruhigt Sie das?

Ja, natürlich. Wir leben in einer Zeit starker Veränderungen. Die Leute schauen weniger Filme im Kino, dafür sehen sie nun Filme auf Smartphones und Tablets, wenn sie unterwegs sind, oder zu Hause mit einem Home Cinema. All dies ist aber nicht Kino. Denn es fehlt das Gefühl des gemeinsamen Erlebens. Man spürt nicht, wenn andere lachen oder weinen.

Was bedeutet Ihnen der Prix d’honneur, der Ihnen in Solothurn verliehen wird?

Zuerst war ich ziemlich überrascht. Ich dachte, es gibt doch so viele gute Produzenten in der Schweiz. Warum also ich? Dann machte ich mir klar, dass dieser Preis nicht nur für mich gedacht ist, sondern auch für unseren Kanton Tessin, für die italienischsprachige Minderheit in diesem Land. Und ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut und bin auch stolz.

Die Preisverleihung des Prix d’honneur findet am 23. Januar in Solothurn statt.