Biberist

Mit seiner Vespa eroberte er neben seiner Arbeit in der Kirche die Quartiere der Pfarrei

Nach sieben Jahren als Gemeindeleiter der Marienpfarrei Biberist wird Max Herrmann pensioniert.

Gundi Klemm
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Max Hermann studierte erst spät. Er ist überzeugt, dass sich die Kirche reformieren muss.

Max Hermann studierte erst spät. Er ist überzeugt, dass sich die Kirche reformieren muss.

Tom Ulrich

Wer mit Max Herrmann spricht, erlebt einen Menschen, den seine beruflichen Aufgaben erfüllt haben, der – modern gesagt – seinen Job mit Freude gemacht hat. «Bis ich mich zum Theologiestudium entschloss, hatte ich doch schon einen langen Weg hinter mir», betont der 1952 in Zürich geborene und aufgewachsene Herrmann. Als früherer SBB-Mitarbeiter gründete er ein auf Transporte und Logistik spezialisiertes Unternehmen in Basel, das weiterhin mit 30 Mitarbeitenden besteht. Wohnhaft in Küttigkofen amtete er von 1997 bis 2005 in der Kirchgemeinde Biberist-Lohn-Ammannsegg-Bucheggberg im Nebenamt als Kirchgemeindepräsident. «Und in dieser Tätigkeit hat es mir den Aermel inegnoh», fügt er lächelnd an.

In dieser Zeit habe er einen inneren Berufungsprozess durchgemacht, der ihn zur Auseinandersetzung mit der Seelsorge führte. Natürlich haben schon sein Elternhaus und sein Glaubensleben ihm eine wichtige Basis vermittelt. Doch im «Umweg über seine beruflichen Stationen», unterstreicht er, habe er die Verwirklichung seiner Ziele als Mann der Kirche, als verheirateter Kleriker, erkannt. So gesehen also: vom Firmenchef zum Diakon gemäss göttlichem Auftrag: «Mach das, was Du kannst». Nach dem Studium fand sein Einstieg in den kirchlichen Dienst 2008 in Winznau/Obergösgen statt. Zum 1. Juli 2013 übernahm er die Gemeindeleitung der Marienpfarrei in Biberist.

«Mein Arbeitsplatz war nicht in der Studierstube»

Seine Vorgängerin Claudia Armellino, welche die Pfarrei 16 Jahre leitete, hinterliess ihm «ausgezeichnete Gemeindearbeit auf hohem Niveau», wie er dankbar festhält. Sie habe neben der Pflege von Traditionen und guter Mitarbeiterkultur viel Neues geschaffen etwa in der Freiwilligenarbeit zahlreicher Bereiche. Und nicht zuletzt habe Claudia Armellino die Stellung der Frau in der Kirche in vielen Belangen aufgewertet. Von Anfang an habe er selbst sich in der Seelsorge vom Kirchgemeinderat unterstützt gefühlt.

Mit seiner weissen Vespa habe er neben seiner Arbeit in der Kirche die Quartiere der Pfarrei erobert. «Denn mein Arbeitsplatz war und ist nicht in der Studierstube, sondern beim Volk.» Zu den reformierten Mitchristen habe die Marienpfarrei und er selbst dank exzellenter Kooperation ein gutes Verhältnis. Ihm habe in allen Jahren am Herzen gelegen, der Kirche in der Öffentlichkeit eine kompetente Stimme auch in Einwohner- und Bürgergemeinden zu geben. Er habe versucht, symbolhafte Zeichen für spirituelles Leben zu setzen wie beispielsweise die Wiederbelebung der Wegkreuze im Ortsgebiet unter Mitwirkung des Künstlers Roman Candio und immer wieder durch Jesu Worte seinen nachösterlichen Auftrag an Gläubige wach zu halten.

Den Menschen in Alltagssituationen den Himmel tagtäglich näher zu bringen, zähle mit zu seinen Zielen. Gerne habe er Freiräume erkundet, Impulse im kirchlichen Vereinsleben und Schwerpunkte in gottesdienstlichen Anlässen gesetzt und sich für das «Lebensspiel» mit dem Religionsphilosophen und Theologen Romano Guardini beschäftigt. Eine lebendige Kirche müsse auf «Kommunikation und nochmals Kommunikation als Motivationsträger» vertrauen, ist er überzeugt.

Ab 2014 beanspruchte der Aufbau des 31'000 Einwohner umfassenden Pastoralraums Wasseramt-West plus Bucheggberg (WWB) ihn durch die Projektleitung. Es galt hier, Fachbereiche übergreifend über die bisherigen vier Kirchgemeinden zu entwickeln und koordinierte Weiterbildungsmöglichkeiten zu ermöglichen. Bis jetzt ist er zu 30 Prozent als Pastoralraumleiter tätig. Für den Ende 2017 eröffneten Pastoralraum besteht ein zeitgemässes Leitbild, und auch die Anstellungsbedingungen für das Personal wurden entsprechend angepasst. «Leider hat durch dieses aufwendige Doppelmandat meine Arbeit in der eigenen Pfarrei etwas gelitten», sagt er mit Blick auf noch nicht verwirklichte Pläne. Ausserdem machte die Pandemie durch manche aktuelle Vorhaben einen kräftigen Strich. So etwa durch die Proben eines 20-köpfigen Kinder- und Jugendchors des Pastoralraums, der sich unter der Leitung von Florian Kirchhofer auf die Aufführung des Musicals «Weltwechsel» vorbereiten wollte.
Hermann bleibt weiter als Aushilfe verfügbar

Mit Dankbarkeit und Genugtuung blickt Herrmann in nüchterner Selbstbetrachtung auf seine Tätigkeit zurück. Nach seiner Pensionierung steht der jetzt 68-Jährige dem Pastoralraum bereitwillig weiter zur Verfügung als Aushilfe für Kasualien, sprich: Taufen, Beerdigungen und weitere Dienste. Als wichtiges Anliegen, damit die Kirche ihre Bedeutung und Rolle in der Gesellschaft halten kann, formuliert er im Gespräch: «Wir müssen uns reformieren.» Dies sei möglich mit dem Wort Gottes, der unbedingten Liebe zu allen Menschen, aber wohl kaum, wie er betont, nach enger Auslegung des kanonischen Rechts. Als Beispiel benennt der verheiratete Kleriker und Vater von drei Töchtern das von ihm befürwortete Frauenpriestertum und eine der Lebenswirklichkeit und den Formen des Zusammenlebens entsprechende Lösung im Zölibat.