Deitingen

Harter Kampf um Tagesstrukturen — Pilotprojekt soll 2021 eingeführt werden

Die Mehrheit des Deitinger Gemeinderates empfiehlt der Gemeindeversammlung eine Einführung von familien- und schulergänzenden Kinderbetreuungsangeboten.

Patric Schild
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Die Tagesstrukturen sollen in der zweijährigen Pilotphase im Schulhaus Zweien Platz finden.

Die Tagesstrukturen sollen in der zweijährigen Pilotphase im Schulhaus Zweien Platz finden.

Urs Byland

Seit längerem wird in Deitingen über die Einführung von familien- und schulergänzenden Kinderbetreuungsangeboten diskutiert. Zuletzt hat der Gemeinderat im Juni eine Arbeitsgruppe beauftragt, für ihn eine Entscheidungsgrundlage zu erarbeiten, damit per Beginn des Schuljahres 2021/22 Tagesstrukturen eingeführt werden können. Die nun präsentierten Vorschläge wurden teils hitzig debattiert.

«Es handle sich hierbei nicht um eine Forderung nach Luxus», erklärt Sabine Scheidegger, Ressortchefin Bildung, «es ist schlicht und einfach für viele junge Eltern in der heutigen Zeit eine finanzielle Notwendigkeit, dass beide Elternteile einer Arbeit nachgehen können, um über die Runden zu kommen und nicht langfristig den Anschluss an den Arbeitsmarkt zu verlieren.» Die Situation von alleinerziehenden Elternteilen erkläre sich dabei von selbst. Weiter könne das Angebote dazu beitragen, Kinder zusätzlich zu fördern. Dies gelte insbesondere auch für Kinder aus bildungsfernen Familien und solchen mit anderem Kulturhintergrund.

Studien sprechen für Einführung

Nicht alle Eltern werden jedoch die Kosten vollumfänglich tragen können. Damit aber jedes Kind das Angebot nutzen könne, sei unter bestimmten Voraussetzungen eine Subventionierung angedacht. Erfahrungsgemäss können Städte und Gemeinden ihre Ausgaben für die Kinderbetreuung über zusätzliche Steuereinnahmen und durch eingesparte Sozialhilfeleistungen bei Familien mit tiefen Einkommen refinanzieren. Scheidegger erläuterte, dass alle Studien langfristig einen positiven Saldo für die öffentliche Hand zeigen würden. Je nach Studienansatz und regionalen Besonderheiten werde ein finanzieller Rückfluss mit Faktor 1.5 ausgewiesen.

Letzteres liess Michael Tüfer nicht einfach so gelten. Denn anders als die Aussage suggeriere, seien bisher nicht unzählige, sondern lediglich zwei Studien zur Thematik publiziert worden. Diese seien ausserdem in den Grossstädten Bern und Zürich entstanden. Ein direkter Vergleich mit ländlichen Gemeinden wie Deitingen existiere somit nicht. «Das ist Sand in die Augen der Bevölkerung gestreut», sagt Tüfer.

Vollkostenrechnung fehlt, so die Kritiker

Kritisiert wurde zudem, dass zu wenige Varianten zur Auswahl stünden und dass die vorhandenen mangelhaft ausgeführt seien. So sei beispielsweise keine Vollkostenrechnung vorhanden. Die Kosten für die Nutzung der Schulräumlichkeiten, welche die ergänzenden Tagesstrukturen für die Pilotphase von zwei Jahren beheimaten werden, seien nicht berücksichtigt worden. Gleiches gelte für den Arbeitsaufwand, welcher auf die Gemeindeverwaltung zukommen werde. «Wir haben Geld ausgegeben sowie einen Experten engagiert und schaffen es nicht, vier bis fünf sauber durchkalkulierte Rechnungen zu präsentieren», so Tüfer.

Nicht zuletzt kommt das Begehren aus Sicht der Kritiker aber auch zu einer Unzeit. Die Steuereinnahmen in Deitingen seien im Begriff ins Bodenlose zu sinken. Wie schlimm es um die Finanzen der Gemeinde tatsächlich stehe, werde sich an der kommenden Budgetdebatte zeigen. Jetzt jedoch eine solche Investition zu tätigen, während die Gemeinde sonst an allen Ecken und Enden spare, sei der absolut falsche Moment.

«Den richtigen Zeitpunkt gibt es nie»

Jan Binzeggers anschliessender Antrag, das Projekt aufgrund der aktuellen finanziellen Lage sowie der nicht komplett aufgearbeiteten Unterlagen um ein Jahr ins Budget 2022 zu verschieben, fand allerdings keine Mehrheit im Rat. «Den richtigen Zeitpunkt gibt es nie», sagte Gemeindepräsident Bruno Eberhard. Die Thematik sei schon zu lange auf der Agenda, ohne dass konkrete Ergebnisse erzielt worden seien.

Aus der Bevölkerung gehe aber deutlich hervor, dass ein Bedürfnis nach Tagesstrukturen bestehe. Deshalb plädierte der Rat grossmehrheitlich zuhanden der Gemeindeversammlung dafür, die Tagesstrukturen ab August 2021 einzuführen.

Betreffend der Vollkosten soll zunächst mit den bisherigen Zahlen in den Budgetprozess gestartet werden. Diese sehen aktuell Ausgaben von rund 43'600 Franken für das Einführungsjahr 2021 vor. Bis zur definitiven Budgetverabschiedung müsse über die Kosten allenfalls aber nochmals im Gemeinderat gesprochen werden.