Biezwil

Diese Solothurner Bauernfamilie will den Landwirtschafts-«Oskar» gewinnen

Die Familie Reusser aus Biezwil ist mit ihrem Bauernhof Zelgli-Träff gleich in zwei Wettbewerben nominiert.

Urs Byland
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«Willkommen im Zelgli»: Sohn Julian ist das jüngste Kind der Familie von Nicole und Fritz Reusser.

«Willkommen im Zelgli»: Sohn Julian ist das jüngste Kind der Familie von Nicole und Fritz Reusser.

Solothurner Zeitung

Im Bucheggberg fallen einige Höfe auf, sei es durch ihr Aussehen, sei es durch das Wirken ihrer Besitzer. Beim «Zelgli- Träff» trifft beides zu. Kommt man von Lüterswil nach Biezwil, ist der alleinstehende, sanierte Bauernhof etwas abseits vom Dorf nicht zu übersehen. Das Hauptgebäude thront mit den Nebengebäuden auf einem kleinen Hügel, unten saftiges Grün und oben nur blauer Himmel. Hier lebt die Familie Reusser, sechs Kinder und Jugendliche, Mutter Nicole und Vater Fritz sowie dessen Eltern. In wenigen Tagen steht der Bauernhof im Rampenlicht. Der Hof ist nominiert in zwei Wettbewerben, einerseits für den «agroPreis», andererseits für einen Gastro Awards (Kategorie Activity). Wie kam es dazu?

Fritz Reusser bewirtschaftet den Hof in Biezwil, auf dem schon seine Eltern und Grosseltern wirkten. Seine Frau Nicole stammt aus dem Nachbardorf Gächliwil. Wer nun meint, hier nur Erdverbundenheit und Tradition zu finden, liegt falsch. «Ich bin schon gelernter Landwirt», sagt der 45-jährige Fritz Reusser, «aber wir haben beide noch andere Ausbildungen gemacht und dadurch auch einen etwas anderen Blick auf unser Leben auf dem Bauernhof.»

Kein Bezug zur Produktion von Nahrungsmitteln

Innovation sei ein wichtiges Thema. Als er den Betrieb übernahm, habe er auf die bisherige Milchwirtschaft verzichtet. Früh habe er auch auf Fotovoltaik gesetzt. Der naturnahe, konventionelle Betrieb (IP-Suisse) ist auf Effizienz ausgerichtet. «Wir versuchen aber gleichzeitig für die Natur das Optimum herauszuholen.»

Biodiversität sei ein Schwerpunkt auf dem Hof, erklärt die 44-jährige Nicole Reusser. Und eben Vermittlung. «Viele Leute wissen nicht mehr, wie es in der Realität auf einem Hof aussieht, oder wie ein Produkt in den Laden kommt. Der Bezug zur Produktion der Esswaren ist verloren gegangen», so die Ernährungsberaterin und Geburtsbegleiterin.

«Milchstrasse» und «Weihnachtsweg»

Der «Zelgli-Träff» ist weitherum bekannt. Hier erhält man Mehl, Brot und Spätzli aus eigener Produktion, hergestellt mit eigenen Rohmaterialien. Hier kann man auch etwas erleben. Zum Beispiel auf der 2017 eingerichteten «Milchstrasse», einem Erlebnisweg über 1,5 Kilometer, gesäumt mit Milchkannen, in denen jeweils ein Geheimnis verborgen ist. Spielplatz und Ziegen sind inbegriffen und an Brätelstellen können hofeigene Bratwürste gegrillt werden. Die Premiere des zweiten Erlebniswegs, dem «Weihnachtsweg», fand letzten Winter statt.

«Wir haben die Milchstrasse von Mai bis August offen und danach lange nichts mehr. Wir wollten auch in dieser Zeit etwas anbieten», erklärt sie. Zudem, so die Überlegung, wollten sie etwas kreieren, das ihnen Kontakte zu neuen Leuten bringt. Dazu wurde die Zusammenarbeit mit Partnern ausserhalb der Landwirtschaft gesucht. Es entstand unter anderem die Zusammenarbeit mit Simon Fankhauser («Pumpelpitz»), die gar zu einer klingenden Visitenkarte, dem Zelgli-Song führte. Heuer fällt der «Weihnachtsweg» wegen der Pandemie aus.

Der Weihnachtsweg auf dem Zelgli-Hof in Biezwil ist ungefähr 1km lang.
7 Bilder
Sechs Holzhäuschen mit Krippenfiguren sind zwischen dem 6. und 22.Dezember jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag zu bestaunen
Abends sollte eine Taschenlampe mitgebracht werden
Zwischen den Häuschen gibt es für die Kinder eine Weihnachtsgeschichte von Pumpelpitz zu hören.
Im Zelgli-Träff werden ein Feuer, Festwirtschaft und Stohballenburg geboten
Bei der Eröffnung sind einige richtig weihnachtlich angezogen

Der Weihnachtsweg auf dem Zelgli-Hof in Biezwil ist ungefähr 1km lang.

Hanspeter Bärtschi

Der Bauernhof ist aber auch als Lokal für Geburtstage, Taufen, Firmenanlässe etc. bekannt. Dieser Zweig litt während des Stillstandes. «Wir versuchten Lösungen zu finden und haben statt einem 1. August- Brunch einen 1. August-Brunch to go angeboten.» Andererseits wurde während des Stillstandes viel mehr direkt bei ihnen bestellt. Auch jetzt habe es sofort wieder angezogen. Das Setzen auf verschiedene Standbeine lohne sich.

Konzept, das auch anderen Bauern dienen kann

Der «Zelgli-Träff» war schon öfters eine Geschichte wert. Nicole Reusser hatte zwei Auftritte im Fernsehen (Landfrauenküche). Die Erlebniswege wurden medial begleitet und sind aktuell auch Ausflugsziele von «famigros». Nun beteiligen sich Reussers in zwei Wettbewerben. Am Donnerstag erfahren sie, ob sie den «agro- Preis» gewinnen, den Oscar der Schweizer Landwirtschaft, wie ein Vertreter der Wettbewerbsjury zu Reussers gesagt habe. Sie sind neben drei weiteren Betrieben nominiert für den Preis, der Innovationen in der Schweizer Landwirtschaft auszeichnet.

«Die Milchstrasse hat viel Publikumsecho erhalten. Es ist eine Idee, die auf andere Bauernhöfe übertragbar ist. Das würde die Vielfalt der Schweizer Landwirtschaft zeigen.» Mit ein Grund für die Bewerbung war aber auch das Konzept, das sie im Rahmen ihrer Weiterbildung zur Agripreneurin (Innovatives Unternehmertum in Land- und Ernährungswirtschaft) für den «Weihnachtsweg» erstellte. «Dafür erhielt ich den Sonderpreis für Innovation. Da hatte ich den Gedanken, wenn wir hier reüssieren, haben wir vielleicht auch national eine Chance.» Gleichzeitig gehen die Reussers auch auf die Jagd eines Gastro-Awards (Best of Swiss Gastro) in der Kategorie Activity. «Ein Gastronom, der im letzten Jahr gewonnen hatte, animierte uns, es doch auch zu versuchen», so Nicole Reusser.

«Wir wollen den Leuten Landwirtschaft näher bringen»

Die Zukunft des Zelgli-Träffs bestimmen unter anderem auch die Gäste. «Wir hören jeweils gut zu», so Nicole Reusser. «Daraus ergeben sich vielleicht Sachen, an die wir selber noch nie gedacht haben.» Klar sei, dass sie weiterhin einen landwirtschaftlichen Hof betreiben wollen, «keinen Gnadenhof, keinen Ballenberg und keinen Europapark». Man intensiviere die Zusammenarbeit mit Partnern. So sei ein dritter Weg in Planung, ein «Krimiweg», der rund um die eigene Trüffelplantage spielen soll.

Doch warum dieser Aufwand, den sie neben dem Betrieb des Bauernhofes mit Mastschweinen und Ackerbau und der Erziehung der Kinder auf sich nehmen? «Wir bieten den Hof nicht nur als Lokalität für Anlässe an. Wir wollen den Menschen Landwirtschaft näherbringen, Bauernhof und Gastronomie fliessen zusammen.» Aber die grösste Motivation sei die Freude der Besucherinnen und Besucher zu sehen, wie Nahrungsmittel wachsen oder produziert werden, so Nicole Reusser. «Wenn ich eine Familie sehe, die bei uns die Taufe durchführte, und drei, vier Jahre später mit den Kindern die Milchstrasse besucht, das bringt mir extrem viel Freude.» Und Fritz Reusser ergänzt: «Wir haben viele Leute, die uns öfters besuchen. Das bringt mir viel. Fremde werden zu Freunden.»

Der Schweinemaststall

Im Frühling 2019 haben Reussers ein Baugesuch für einen neuen Schweinemaststall publiziert. «Wir haben eine Schweinemast. Die Tiere werden artgerecht gehalten, können aber nicht hinaus», erklärt Fritz Reusser. «Deshalb wollen wir einen neuen Stall mit Auslaufmöglichkeit bauen.» Behördenseitig stehe dem nichts im Wege. «Es ist alles korrekt abgelaufen.» Dennoch sei das Bauvorhaben in der Kritik von Anwohnern. Inzwischen ist es ein Gerichtsfall. «Wir warten ab.»